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Bedrohter Antarktis-Vertrag
Aus Rendez-vous vom 25.04.2022.
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Steigendes Interesse am Südpol Der Antarktis-Vertrag bröckelt – Update dringend nötig

Die weltpolitischen Zerwürfnisse dürften auch den siebten Kontinent erschüttern. Experten aus aller Welt warnen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Südpol ein grosses Thema. Polarforscher lieferten einander ein Wettrennen. Die Welt fieberte mit. In der Folge erhoben zahlreiche Staaten Ansprüche auf riesige Landstriche in der Antarktis, die anderthalbmal so gross ist wie ganz Europa.

Zu diesen Staaten gehörten etwa Grossbritannien, Frankreich, Norwegen, Neuseeland und die Anrainerstaaten Australien, Chile und Argentinien. Weil sich die Gebietsforderungen überlappten, war Streit programmiert.

Antarktis-Vertrag von 1959

Doch dann schaffte der internationale Antarktis-Vertrag für mehr als 60 Jahre Ruhe. Eine Ruhe, die nun in Gefahr ist, fürchtet in einem Seminar des Genfer Graduate Institute Professor Alan Hemmings von der Universität Canterbury: «Das Antarktis-Vertragswerk ist angeschlagen, es muss dringend restauriert werden. Ich hoffe, dass es überlebt.»

Antarktika.
Legende: Erkundungsflug auf dem antarktischen Plateau mit dem Edson-Gletscher im Ellsworth-Gebirge am 5. Dezember 2018. Keystone

Bloss in der Frage, wie genau der Antarktis-Vertrag gerettet, reformiert oder ersetzt werden soll, fehlt die Einigkeit. Das Grundproblem ist ein doppeltes: Wegen des Klimawandels werden die Antarktis und angrenzende Meeresgebiete zugänglicher. Und damit die dortigen Fischgründe und riesige Rohstoffvorkommen.

Fischgründe und Bodenschätze

Gleichzeitig setzten wegen der derzeit enormen weltpolitischen Spannungen grosse Mächte ihre Interessen immer forscher durch, sagt Professor Sanjay Chaturvedi von der Südasien-Universität in Neu-Delhi: «Die relevanten Akteure sind offenbar ausserstande, den Antarktis-Vertrag ins 21. Jahrhundert zu holen.»

Die relevanten Akteure sind offenbar ausserstande, den Antarktis-Vertrag ins 21. Jahrhundert zu holen.
Autor: Sanjay Chaturvedi Professor, South Asian University, Neu-Delhi

«In der Antarktis – genauso wie in der Arktis – spiegelt sich das Machtgerangel in der Welt», unterstreicht Professor Rasmus Bertelsen von der Arktis-Universität im norwegischen Tromsö. Erforderlich wäre eine Stärkung, zum einen durch die massive Ausweitung geschützter Fischgründe. Zum andern, indem zumindest der Abbau fossiler Ressourcen auf alle Zeiten verboten würde.

McMurdo.
Legende: Die von den USA seit 1955 auf der Ross-Insel betriebene McMurdo-Station an der gleichnamigen Meerenge ist die grösste in der Antarktis. imago images

«Nötig wären zudem noch schärfere Bestimmungen, die jegliche Militarisierung dieser Weltgegend verbieten», fordert Alan Hemmings. Gelinge das nicht, sei es bloss noch eine Frage der Zeit, bevor auch die Südpolarregion zum Spielball weltpolitischer und wirtschaftlicher Interessen werde.

In der Antarktis – genauso wie in der Arktis – spiegelt sich das Machtgerangel in der Welt.
Autor: Rasmus Bertelsen Professor, Arktis-Universität, Tromsö, Norwegen

Ein Negativbeispiel liefert bereits der Tourismus: Obschon die Antarktis eigentlich nur für Wissenschaftler zugänglich sein dürfte, wird sie inzwischen von jährlich 75’000 Urlaubern besucht – oder heimgesucht, Tendenz rapide steigend.

Die Antarktis

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Die Antarktis ist abgesehen von ein paar Dutzend Forschungsstationen ein unbewohnter Kontinent rund um den Südpol. Er ist fast vollständig von Eis bedeckt. Es ist die grösste Eismasse der Erde, teils mehr als 4000 Meter dick. Dort leben Pinguine und Robben. In den Wintermonaten von März bis September geht die Sonne nie auf, in den Sommermonaten nie unter. Die Antarktis ist etwas grösser als Europa und hat die kältesten Temperaturen der Welt: teils minus 90 Grad. Der internationale Antarktis-Vertrag von 1959 legt fest, dass der Kontinent von Wissenschaftlern verschiedener Nationen ausschliesslich zu friedlichen Zwecken genutzt werden kann.

Dazu kommt: Der Antarktis-Vertrag und die Zusatz-Abkommen gründen in einer Zeit, da westliche Länder weltweit den Ton angaben. Nun müsste man auch China, Russland oder Länder wie Südafrika an Bord holen.

Great Wall Station.
Legende: China errichtete in der Antarktis im Februar 1985 seine erste Forschungsstation «Grosse Mauer». Mittlerweile betreibt Peking mindestens vier der insgesamt über 85 Stationen verschiedenster Staaten. imago images

«Gerade Peking sieht sich in der Arktis wie in der Antarktis als Schlüsselakteur», betont Nong Hong, die Direktorin des Instituts für China-USA-Studien in Washington. In kürzester Zeit entstanden gleich vier chinesische Forschungsstationen in der Antarktis, eine fünfte ist im Bau. Gleichzeitig wehrt sich China, unterstützt von Russland, gegen neue Fischschutzzonen.

Peking sieht sich in der Arktis wie in der Antarktis als Schlüsselakteur.
Autor: Nong Hong Direktorin, Institute for China-America Studies, Washington

Ohne mehr Mitgestaltung durch Peking und andere scheinen neue diplomatische Lösungen und Abkommen ausser Reichweite. Und damit das Ziel, dass die Antarktis auch künftig eine riesige Zone des Friedens und weitgehend ein Naturreservat bleibt.

Antarktis
Legende: Nasa-Aufnahme der Antarktis aus dem All vom 3. April 2022. imago images

SRF 4 News, Rendez-vous, 25.4.2022, 12:30 Uhr

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16 Kommentare

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  • Kommentar von SRF News (SRF)
    Guten Abend liebe Community. Wir schliessen die Kommentarspalte an dieser Stelle und wünschen Ihnen einen angenehmen Abend. Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von Thomas Leu  (tleu)
    Es zeigt sich leider auch hier. Je knapper die Ressourcen, desto eher verhalten sich die Länder als pure Egoisten und schauen, dass sie als erste davon profitieren. Im worst case gilt dann auch hier das Gesetz des Stärkeren. Grosse Nationen nehmen sich, was sie wollen und die kleinen müssen sich hinten anstehen und nehmen was übrig bleibt.
    1. Antwort von Maria Müller  (Mmueller)
      Und eine alte Regel wird wohl nie ausdienen: Die einzigen Staaten, die WIRKLICH was zu melden haben in der Weltpolitik, sind schlicht und einfach die Atommächte.

      Da kann man hundertmal irgendwas von Institutionen und internat. Zusammenarbeit erzählen: Wenns wirklich hart auf hart kommt, dann bestimmen meist einzig und allein diese Mächte was geht und was nicht.
  • Kommentar von Peter Mueller  (Elbrus)
    Der Antarktis Vertrag ist eine Erfolgsgeschichte. Selbst diese 50-80000 Besucher sind kein Problem. solange keine Infrastruktur in der Antarktis aufgebaut wird. Die Chinesen kamen erst spät haben aber dann richtig hingelangt und die USA klar überholt. Viele Stationen sind uralt und stammen von 1950-1968. Diese würde man besser abbrechen und ersetzen.