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International Syrien: «Die Menschen, die bleiben, sind Helden»

Millionen Syrer sind auf der Flucht vor einem gnadenlosen Bürgerkrieg. Aber es gibt auch Menschen, die in ihrer Heimat ausharren. Ihr Leben ist ein einziger Ausnahmezustand. Severiyos Aydin ist Schweizer mit aramäischen Wurzeln. Und einer der wenigen, die es wagen, vor Ort Hilfe zu leisten.

Legende: Video Syrer weiter auf der Flucht abspielen. Laufzeit 00:46 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 22.09.2015.

Es ist eine der grössten humanitären Krisen der Nachkriegsgeschichte. 250'000 Tote, viele davon Zivilisten, eine Million Verletzte und bald fünf Millionen auf der Flucht, so bilanzierte die Uno Ende März.

Während die Hilfebedürftigen an den Aussengrenzen der Europäischen Union mit den Eigenheiten des europäischen Flüchtlingsbegriffs ringen, kämpfen die zurückgebliebenen Syrer mit einer Heimat, die in Schutt und Asche liegt.

«Ein riesengrosser Trümmerhaufen»

Die meisten Hilfswerke haben sich zurückgezogen, auch Journalisten sind kaum mehr vor Ort. Einer der wenigen, die in dieser Hölle Hilfe leisten, ist Severiyos Aydin. Der Schweizer mit syrischen Wurzeln hat im Januar 2013 das Hilfswerk «Aramaic Relief International» gegründet.

Zweck seiner Hilfsorganisation ist die Direkthilfe für Menschen in Gebieten, wo der Arm der internationalen Gemeinschaft nicht mehr hinreicht. Gerade letzte Woche hat Aydin die syrische Stadt Homs und die umliegenden Ortschaften Sadad (5 km vom IS entfernt), Zaidal, Fairuza und Meskene besucht. Was er erzählt, ist erschütternd.

«Es handelt sich in allen Fällen um Orte, die lange umkämpft waren,» erzählt Aydin. Wie zum Beispiel die Grossstadt Homs. Sie war fast drei Jahre lang Ort unbarmherziger Gefechte, heute gleicht sie einem riesengrossen Trümmerhaufen.» Das Ausmass der Zerstörung sei gigantisch, selbst die historische Altstadt wurde nicht verschont.

«Aramaic Relief»-Gründer Severiyos Aydin in einem zerstörten Haus in Homs.
Legende: Aydins Hilfswerk «Aramaic Relief» hilft den Menschen auch beim Wiederaufbau ihrer zerstörten Häuser. Aramaic Relief

Ohne Hilfe flüchten auch diese Menschen

In der Ferne sind ständig Detonationen zu hören, hin und wieder explodieren auch Granaten in der Region. Zwar fühle man sich dank der vielen Checkpoints und der Militärpräsenz von Assads Truppen relativ sicher, sagt Aydin, gefährlich bleibe die Gegend dennoch.

Die genauen Zahlen derjenigen, die zurück geblieben sind, kennt niemand. Aydin spricht von einer halben Million Menschen. «Als ich letzte Woche dort war, sah ich sehr viele Menschen, die ihrem Alltag nachzugehen versuchten. Das war sehr eindrücklich.»

Ihre grösste Sorge gelte dem Fortgang des Krieges, der eigenen Sicherheit und der humanitären Situation. «Wenn sich die Lage verschlechtert, werden auch diese Menschen gezwungen sein, das Land zu verlassen», sagt Aydin im Interview mit SRF News.

Eine enorm grosse Liebe zur Heimat

Was diese Menschen von jenen unterscheidet, die sich für die Flucht entschieden haben, sei eigentlich nicht zu beantworten, sagt Aydin. Da würden auch geografische, wirtschaftliche und politische Gründe eine Rolle spielen.

«Ich kann von den Menschen erzählen, die ich kürzlich in Homs getroffen habe. Als Christ beschäftige ich mich auch stark mit der Verfolgung der Minderheiten im Nahen Osten. Diese leiden nebst dem brutalen Konflikt auch unter eine starken Verfolgung durch islamistische Terrorgruppen.»

Und trotzdem würden viele von Ihnen im Land bleiben. Selbst solche, die den Schergen der Terrormiliz bereits einmal in die Hände gefallen waren. «Sie erzählen mir immer wieder von ihrer enorm grossen Liebe zur Heimat und von der Angst vor der Flucht in die Ungewissheit», sagt Aydin. Sie hätten Vertrauen in eine baldige Besserung. «Das ist heldenhaft und für uns nur schwer zu verstehen», fügt Aydin hinzu, «umso wichtiger ist es, sich für diese Menschen vor Ort einzusetzen.»

Aydins Organisation kooperiert mit lokalen Partnern, namentlich dem humanitären Arm der syrisch-orthodoxen Kirche. Zu den Projekten gehören Soforthilfen für intern umplatzierte Familien. Mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln, Obdach, Medizin und Finanzierung von Notoperationen.

Auch unterstützt die Organisation Familien beim Wiederaufbau der zerbombten Wohnungen, sofern dies noch möglich ist. «Den anderen Familien helfen wir mit Mietwohnungen durch Finanzierung der Monatsmieten», erklärt Aydin. Auch die Jugend liegt «Aramaic Relief» am Herzen.

Zur Zeit sei Schulbeginn, erzählt der junge Mann. Also hätten sie in den letzten 2 Wochen 700 Kinder mit Schulmaterial, Schulbüchern und Schultaschen ausgerüstet. Den Studenten hilft die Organisation bei den Fahrtkosten und mit den Universitätsgebühren, so dass sie weiterhin ihrem Studium nachgehen können. Zudem unterhält «Aramaic Relief» ein Waisenkinder-Projekt.

Hoffen auf Menschen in der Schweiz

Aydins grösster Wunsch ist es, dass man diese Menschen nicht vergisst. Nicht die Bürger Europas, aber auch deren Politiker nicht. «Der Winter steht vor der Tür», führt Aydin aus, «das wird wieder für viele Menschen in Syrien, aber auch im Nordirak, wo wir tätig sind, eine sehr schlimme Zeit.»

Dafür würden sie im Moment neue Projekte lancieren. Projekte, die sich ohne fremde Hilfe nicht realisieren liessen. Severiyos Aydin rechnet auch fest mit den Menschen aus seiner Wahlheimat, der Schweiz.

Aramaic Relief

Portrait von «Aramaic-Relief»-Gründer Severiyos Aydin.
Legende: aramaic relief

«Aramaic Relief International» ist ein gemeinnütziges Hilfswerk mit Sitz im Kanton Zug. Es wurde am 13. Januar 2013 in Baar von Severiyos Aydin gegründet. Der Fokus der Organisation liegt auf der Soforthilfe für besonders betroffene Flüchtlingsfamilien, die von internationaler Unterstützung nicht erreicht werden.

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21 Kommentare

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  • Kommentar von Erwin Jenni (ej)
    Danke, sehr geehrtes SRF-Online Team, für diesen wichtigen und hoffnungsvollen Beitrag, der uns eindrücklich aufzeigt, dass es mutige und gute Menschen gibt, die für ihre Sache mit Herz und Verstand einstehen! Und das in einer Kriegsregion,die unmenschlicher nicht sein könnte. Hut ab vor diesen Menschen, welche uns wirklich hoffen lassen, dass irgendwann die Menschlichkeit und Liebe stärker ist als Hass und Terror!
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  • Kommentar von Udo Gerschler (UG)
    Respekt vor diesen Leuten.Ich finde es geradezu als Verhöhnung wenn Politiker diesen Zustand mit 1990 vergleichen.Da war schließlich keiner auf der Flucht. Schade das die Migrationswaffe eingesetzt wird um dieses Land auszubluten.
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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Irak: 1Mio Tote, dazu die Verletzten und Vertriebene. Die Situationen im Irak und Syrien sind zur Hauptsache Folge der US-Geopolitik. Hinzu zu zählen wären Vietnam (false-flag, mil. Unterstützung d. Gegeseite), Lybien, Afghanistan, Kosovo und v.a. Iran-Irakkriege (Unterstützung beider Seiten) wo die USA Krieg und Zerstörung gefördert haben. Die USA gehören längst sanktioniert, isoliert und die Verantwortlichen vor int. Gerichten. Wie lange will man noch tatenlos dieser Kriegsnation zuschauen?
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    1. Antwort von Erwin Jenni (ej)
      @Bernoulli: So einseitig und an den Fakten vorbei nur den USA für die Gewalt in Nahost und anderen Konflikten zuzuschieben,greift völlig daneben.Sicher hat die USA einen Anteil daran, nur, sie nehmen damit keinen einzigen islamisch-arabischen Staat in die Pflicht,welche uns immer wieder auf's Neue beweisen,dass sie sich Spinnefeind sind! Jemand sagte mal treffend,zuerst bekriegen sich Muslime gegenseitig, nachher den Westen, die USA und Israel. Den schlimmsten Krieg führen Muslime untereinander!
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    2. Antwort von Dölf Meier (Meier Dölf)
      Ja, für den zweiten Irakkrieg und die vorgängige Unterstützung Saddam Husseins im mörderischen Krieg gegen Iran (Persien) sind die USA mitverantwortlich. Doch die Hauptursachen sind die islamischen Bruderkriege. Sunniten, Schiiten, Wahhabisten und der IS. Doch eines ist sicher: Am Ende wird die islamistische Gemeinschaft miteinander gegen die Christen, Juden und alle weiteren in ihrem Sinne Ungläubigen kämpfen!
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    3. Antwort von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
      @ EJ: Es ist nicht einseitig und an den Fakten vorbei, sondern trifft es - leider - auf den Punkt. Natürlich herrscht(en) im nahe Osten alles andere als friedliche Zustände. Es bestand die Gefahr für Kriege. Aber richtig befeuert und das aktuelle Ausmass konnten sie nur erreichen durch dazutun der USA (IS-Unterstützung!) und allen anderen Kriegsmaterial liefernden Staaten. Ohne dazutun der USA bzw. wenn sie wirklich Frieden gewollt hätten, wäre die Situation niemals in dem Ausmass eskaliert.
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    4. Antwort von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
      @DM: Die USA haben nach dem Irakkrieg den IS entstehen lassen und per Geheimdienste unterstützt im Kampf gegen Assad. Die islamistische Gemeinschaft ist nicht so sehr zu befürchten, wenn ihr nicht Waffen aus dem Westen geliefert werden und ihnen der Zugang zu allen Ressourcen unterbunden wird (inkl. Ölembargo). Das gälte auch für Saudi-Arabien! Es ist der Westen, welche die Islamisten finanziell und militärisch stark machen!
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