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Tagebuch aus Kiew «Ich wachte auf und nichts ging mehr»

Die Ukrainerin Daryna Anastassiewa erzählt in ihrem neusten Tagebucheintrag aus Kiew von bitterkalten Tagen ohne Licht und Heizung.

Der neuste Eintrag ins Tagebuch beginnt überraschend: Sie habe einen Fisch getötet, gesteht die 37-Jährige. In Zeiten, in denen man ums nackte Überleben kämpfe, bleibe wenig Raum für Gefühle. Aber es gebe sie dennoch.

Seit Anfang Jahr sei es durchgehend bitterkalt gewesen, erzählt Daryna Anastassiewa. In der Nacht waren es gegen 20 Grad minus, am Tag zwischen 10 und 15 Grad unter null. Russland habe das ausgenutzt und durch Luftangriffe das Energiesystem in den grossen Städten zum Erliegen gebracht. Ganze drei Wochen lang fiel in ihrem Wohnblock die Heizung aus.

Eines Tages wachte ich auf, und nichts ging mehr.
Autor: Daryna Anastassiewa

«Eines Tages wachte ich auf, und nichts ging mehr. Alle meine elektronischen Geräte und Batterien waren ohne Strom. Ich wusste weder, wie spät es war, noch was um mich herum geschah. Immerhin war ich während der nächtlichen Angriffe unversehrt geblieben. Unter anderen Umständen hätte mir dieses Aus-der-Zeit-Fallen sogar gefallen, aber nicht zu Kriegszeiten. In meiner Wohnung gab es weder Licht noch Wärme, kein Internet, keinen Mobilfunk. Nur das Radio ging noch, ich erfuhr, dass es zehn Uhr morgens war.»

Ziegelsteine auf Gasherdflammen.
Legende: «Ein Freund schickte mir Backsteine. Heizt man sie auf dem Gasherd auf, dann geben sie Wärme ab.» ZVG

Sie brachte das Aquarium mit dem Fisch Anton in die Küche, den am wenigsten kalten Raum in ihrer Wohnung, und schloss alle Türen zu den Zimmern. Die Kinder hatte sie zu den Grosseltern ausserhalb Kiews geschickt, dort gab es etwas mehr Licht und Wärme. Der Fisch war das einzige Lebewesen, das bei ihr geblieben war.

Ein Freund schickte mir Backsteine. Heizt man sie auf dem Gasherd auf, dann geben sie Wärme ab.
Autor: Daryna Anastassiewa

Um mit ihrem Mobiltelefon Empfang zu haben und die Kinder anrufen zu können, musste sie aus dem Haus. Draussen war es minus 20 Grad, alles war spiegelglatt, die meisten Geschäfte hatten wegen Strommangel schliessen müssen, nicht einmal die Metro fuhr mehr. Das, was die Stadt am Leben hält, war kollabiert.

Man musste zu primitiven Mitteln greifen, um sich zu wärmen. Mehrere Menschen erfroren in ihren Wohnungen.

Gasherd mit zwei beleuchteten Flammen.
Legende: Blau leuchten die Flammen des Gasherds, während sie die Backsteine aufheizen. ZVG

Daryna Anastassiewa passte sich den neuen Bedingungen an: «Ein Freund schickte mir Backsteine. Heizt man sie auf dem Gasherd auf, dann geben sie Wärme ab.» Daryna hat Glück, dass sie einen Gasherd hat, so kann sie kochen und etwas Licht und Wärme erzeugen. Trotzdem fiel die Temperatur in der Küche auf acht Grad, sie fror, fühlte, wie sich all ihre Bewegungen und ihr Denken verlangsamten. Man falle wie in einen Dämmerschlaf, notiert sie.

Meine Kinder nannten mich eine Mörderin.

Eines Abends kam sie todmüde nach Hause und hatte keine Kraft mehr, das Aquarium zu putzen und das Wasser zu wechseln. Am Morgen war der Fisch Anton verendet. Sie hätte es in der Hand gehabt, ihn am Leben zu erhalten, habe es aber nicht getan, meint sie: «Meine Kinder nannten mich eine Mörderin, meine Mutter aber sagte, es sei jetzt viel wichtiger, dass wir am Leben blieben.»

Inzwischen hat sich die Lage verbessert. Es gibt ein paar Stunden Strom am Tag. Die Kinder sind wieder bei ihr, die Schule findet wieder statt – zwar nur online, aber immerhin. Dank ihrer Familie und ihren Mitmenschen hat sie die schwierigste Zeit überstanden.

Bald komme der Frühling, es werde heller und wärmer, notiert sie und meint: Die Geschichte von Anton habe sie erzählt, weil sie habe zeigen wollen, wie wenig es brauche, um ein Leben zu schützen. «Man darf nicht zögern, nicht vorbeigehen, vor allem, wenn dieses Lebewesen dir nahe ist und leben will, so wie du auch.»

Echo der Zeit, 23.02.2026, 18:00 Uhr, fulu;zeo;wilh

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