Kurz vor 19 Uhr am Sonntagabend rennt der mutmassliche Attentäter mit einem Messer auf Polizeibeamte zu. Er hatte sich in einer Kleingartenanlage in Spandau, einem Aussenbezirk Berlins, versteckt. Im Schrebergartenhäuschen seines Vaters. Die Beamten schiessen mehrmals und treffen den 21-jährigen Deutschen mit libanesischen Wurzeln tödlich.
Fast 24 Stunden lang hielt der Täter Deutschland in Atem. Würde er nochmals zuschlagen? Offenbar hatte der Mann mit dem Leben abgeschlossen. Das Tatwerkzeug für seinen Angriff, einen weissen Citroën-Lieferwagen, mietete er unter seinem Namen. Sein Handy liess er nach der Tat im Auto liegen. Die Polizei wusste schnell, um wen es sich handelt: um einen bekannten Gefährder, der aus seinen Sympathien für den sogenannten «Islamischen Staat» keinen Hehl machte. Der schon mehrmals straffällig wurde – wegen seines Alters aber von einem Richter zur Bewährung auf freiem Fuss war. Man reibt sich die Augen.
Warum war der Gefährder nicht längst im Gefängnis?
Eigentlich hätte der Mann also im Gefängnis sein müssen – doch er war es nicht. «Irre!», sagt Terrorismus-Experte Peter Neumann dazu in einem Podcast. Hier setzen nun die politischen Debatten an: Sollen auch Jugendliche härter bestraft werden? Warum wurde der Mann nicht überwacht? Kann man eine offene und freie Gesellschaft überhaupt vor Tätern schützen, die Freiheit und Offenheit verachten?
Nicht erst seit dem Anschlag auf die queere Community macht sich in Deutschland ein Gefühl der Unsicherheit breit. In kurzen Abständen gab es im Juni und Juli Angriffe von Migranten. In Bayern etwa griff ein Syrer einen Rentner an – weil er eine Israel-Flagge am Revers trug. In Trier, Rheinland-Pfalz, wurde ein Student von einem Afghanen erstochen. In manchen Fällen richtete sich die Gewalt auch gegen andere Migranten – in Thüringen erstechen zwei Syrer einen Algerier. Auch wenn die Statistik sagt, dass nur ein kleiner Teil der Geflüchteten kriminell wird – im Bauch haben viele Menschen ein anderes Gefühl. Dieses wird von Rechtsaussen intensiv bewirtschaftet. Und von Linksaussen energisch relativiert.
Warum immer Berlin?
Wenn es um Islamismus geht, ist Berlin ein Hotspot. Nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 wurden auf der Berliner Sonnenallee Süssigkeiten verteilt, der Angriff bejubelt. Seither, sagen die Behörden, habe der Antisemitismus zugenommen. Die Sonnenallee liegt in Neukölln – dort, wo kriminelle Clans längst die Macht übernommen haben, einige aus dem Libanon.
Diese libanesische Parallelgesellschaft geht auf die 80er-Jahre zurück. Viele flohen vor dem Bürgerkrieg via DDR nach West-Berlin. Der Bonner Republik war das gerade recht. Denn in West-Berlin hatte es einerseits Platz, andererseits waren die Libanesen für Westdeutschland unsichtbar. Sie waren nur geduldet – meist ohne Arbeitserlaubnis. Um Integration kümmerte man sich wenig – auf beiden Seiten.
Der Täter driftet in den Islamismus ab
Gleichzeitig sind sehr viele Menschen mit libanesischen Wurzeln in Berlin, in Deutschland, gut integriert, eingebürgert. Der Vater des Täters sah mit Sorge, wie sich sein Sohn für den IS zu engagieren begann. Verbot ihm laut «Spiegel» auch, einen langen Bart zu tragen. Doch der Sog für den Sohn war offenbar stärker, die Macht der Neuköllner Strasse grösser.
Nun beginnt die Aufarbeitung. In einer Zeit, in der wichtige Wahlen anstehen: In Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Und kaum jemand zweifelt daran, dass der Anschlag von Berlin darin Niederschlag finden wird.