Zum Inhalt springen

Header

Audio
Wie Bangladeschs Textilindustrie leidet
Aus Echo der Zeit vom 05.04.2020.
abspielen. Laufzeit 04:19 Minuten.
Inhalt

Textil-Produktion in der Krise Coronavirus bedroht Millionen Angestellte in Bangladesch

Modelabels stornieren derzeit fast alle Aufträge. Die schlecht bezahlten Textil-Arbeiter bekommen nun gar nichts.

In einem normalen Monat exportiert Bangladesch Textilien im Wert von bis zu drei Milliarden Dollar. Doch seit das Coronavirus auch die Modeindustrie infiziert hat, ist nichts mehr normal: Modelabels aus aller Welt haben schon jetzt Aufträge im Wert von drei Milliarden Dollar entweder storniert oder die Abnahme der Ware auf später verschoben.

Die Unternehmen begründen dies damit, dass sie überall Geschäfte schliessen müssten und ihr Umsatz einbreche, sagt Rubana Huq, die Präsidentin des Produzenten- und Export-Verbandes in Bangladesch. Sie sagt: «Wir wissen, dass das nur ein Ausnahmezustand ist, der irgendwann vorbeigeht. Aber wir haben schon jetzt ein Riesenproblem: Wenn wir nicht bezahlt werden, können wir auch unsere Angestellten nicht bezahlen.»

Wir haben ein Riesenproblem: Wenn wir nicht bezahlt werden, können wir auch unsere Angestellten nicht bezahlen.
Autor: Rubana HuqPräsidentin Produzenten- und Export-Verband Bangladesch

Rubana Huq appelliert an die Modefirmen, ihre Politik noch einmal zu überdenken. Es gehe nicht nur um die Fabriken, denen der finanzielle Ruin droht, sondern auch um die gut vier Millionen Textilarbeiter und -arbeiterinnen im Land. «Wenn wir sie nicht bezahlen können, droht das soziale Chaos.»

Auf die Frage, welche Modelabels die Aufträge storniert hätten, bleibt Unternehmensvertreterin Rubana Huq allgemein: «Ich kann Ihnen nur sagen, dass die allermeisten Unternehmen storniert haben, nur ganz wenige haben das nicht getan.»

Forderungen an die Textil-Unternehmen

Die globale Produktionskette von Textilien bricht also innert kürzester Zeit zusammen – wegen dem Coronavirus. Ein unhaltbarer Zustand, findet Christina Hajagos-Clausen von der globalen Industriegewerkschaft IndustriALL mit Sitz in Genf: «Die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Textilbranche sind ohnehin miserabel bezahlt. Rücklagen haben die Allermeisten nicht, sie leben von der Hand in den Mund.»

Rücklagen haben die Allermeisten nicht, sie leben von der Hand in den Mund.
Autor: Christina Hajagos-ClausenIndustriALL

Die Gewerkschafterin fordert von den Mode-Firmen, die normalerweise von den Billigst-Löhnen in Bangladesch profitieren, wenigstens die März-Löhne auszubezahlen. Man sei dazu in Verhandlungen mit rund 20 Unternehmen, darunter Tchibo, Lidl und der britischen Supermarktkette Tesco, sagt Christina Hajagos-Clausen.

Bangladesch und China sind die wichtigsten Textilproduzenten

Bangladesch ist der zweitwichtigste Textilproduzent und -exporteur der Welt, nach China. In gut 4600 Textil-Fabriken nähen Millionen von Näherinnen und Nähern T-Shirts, Hosen und Jacken für grosse Mode-Labels in Europa, den USA und Kanada. Textilien machen mehr als 80 Prozent der Gesamt-Exporte von Bangladesch aus.

Derzeit sind für die Arbeiterinnen und Arbeiter der Textilbranche also viele Fragen offen: Ob sich einige Konzerne dazu überreden lassen, wenigstens die März-Löhne zu bezahlen ebenso, wie ob die bengalischen Textilfirmen einen Teil des angekündigten Rettungspakets ihrer Regierung an ihre Arbeiter weiterreichen werden.

Hoffen auf Umdenken nach der Krise

Gewerkschafts-Vertreterin Christine Hajagos-Clausen hofft, dass die Krise wenigstens mittelfristig zu einem Umdenken in der Textilbranche führen wird, also zu nachhaltigeren Modellen, die verhindern, dass die Lieferkette in der nächsten Krise wieder kollabiert.

Ob das nur Wunschdenken bleibt, wird nicht alleine vom Willen der Modefirmen abhängen, sondern auch von der Dauer der Krise – also davon, wie schnell die Modegeschäfte wieder öffnen können.

Info3, 05.04.2020, 17:00

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Samuel Müller  (Samuel Müller)
    Meine Familie hat zwischen 1890 und 1980 viel Geld verdient mit Textil, und immer wieder auch viel verloren. Die Textilbranche war schon immer sehr krisenanfällig, das ist nix Neues und die Gründe dafür sind einfach und klar.
    Aber die Menschheit ist durch ihre lange (richtige) Krisenabstinenz sehr anfällig geworden. Die kleine Schweiz behauptet sich darin besser als andere durch Weitsicht, Unabhängigkeit und Reserven. Schauen wir das es so bleibt.
  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Die globalisierte Wirtschaft. Ich verkaufe meine Garderobe Zeit zu Zeit. Ich stelle seit Jahren fest, dass sogar weniger begütete Frauen nur an Markenklamotten interessiert sind. Sogar als Geschenk nehmen sie Markenklamotten. Es gibt diverse online-Plattformen, wo man gebrauchte Ware verschenken kann. Was dort abläuft, weist nicht unbedingt auf echte Armut in CH hin. Jetzt sich über das Schicksal der Bangladeshi Billiglöhnerinnen finde ich heuchlerisch.
  • Kommentar von Simon Weber  (Weberson)
    Leider wird immer offensichtlicher, wem dieser Virus wirklich schadet. Es sind die armen und sonst schon geschundenen Menschen. Ich hoffe, dass man an der nächsten UNO Versammlung, oder am nächsten G7- Gipfel oder wie die alle heissen, beschliesst, genau diesen Menschen unter die Arme zu greifen um soziale Unruhen zu vermeiden.