Der Überfall: In Libyen ist am Dienstag der bekannteste der verbliebenen Söhne des früheren Machthabers Muammar al-Gaddafi erschossen worden. Maskierte griffen die Residenz von Saif al-Islam in der westlibyschen Stadt Sintan an, wie sein politisches Büro zum Tod des 53-Jährigen mitteilte. Das Motiv sei wohl in der Gespaltenheit des Landes zu suchen, sagt «Spiegel»-Kriegsreporter Christoph Reuter. Im Grunde könne es so ziemlich jede der Fraktionen gewesen sein: Die Milizen, die Westlibyen und die Hauptstadt Tripoli kontrollieren; aber auch die Regierung unter dem ehemaligen General Chalifa Haftar in Ostlibyen werde verdächtigt, weil dieser schon hinter mehreren gescheiterten Mordanschlägen auf Saif al-Islam gesteckt haben soll.
Das war Saif al-Islam: Saif al-Islam galt lange als Nachfolger des Diktators und wollte das Regime modernisieren. Nach dem Sturz des Regimes Ende 2011 wurde er auf der Flucht in den Niger von Rebellen der so genannten Sintan-Brigade gefangengenommen, die schon früh den Sturz Gaddafis förderten. Diese lieferte dann Saif al-Islam aber nicht an Tripoli aus, wo er später in Abwesenheit zum Tod verurteilt wurde. Auch dem Internationalen Strafgerichtshof wurde Saif al-Islam nicht übergeben, wo er wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt werden sollte. Die Sintan-Brigade habe ihn vielmehr als Faustpfand behalten, so Reuter. 2017 kam er frei und konnte seinen Einfluss von Sintan aus aktivieren. 2021 erklärte er gar, er wolle als Präsident des Landes kandidieren.
Ende einer Ära: Mit seinem Tod dürfte die Gaddafi-Ära in Libyen endgültig zu Ende sein, schätzt Reuter. Denn Saif al-Islam habe als letztes ernstzunehmendes Mitglied der Gaddafi-Familie gegolten. Bruder Hannibal traute niemand eine tragende Rolle zu. Dieser war 2008 in Genf wegen der Misshandlung einer Hausangestellten vorübergehend festgenommen worden, was eine schwere diplomatische Krise auslöste. Schwester Aischa al-Gaddafi, eine Anwältin, hätte laut Reuter als Frau in den heutigen Machtstrukturen Libyens kaum eine Chance.
Das Motiv: Saif al-Islam war das einzige Mitglied der Gaddafi-Familie, das vielleicht eine gewichtige Rolle hätte spielen können, wie Reuter erklärt. Dies dürfte auch das Hauptmotiv für die Ermordung gewesen sein. Er sei für die «Nostalgiker» in der libyschen Bevölkerung, welche die Greuel des Vaters vergessen haben oder davon nicht betroffen waren, eine Art Projektionsfläche gewesen. In Erinnerung an die Zeit einer extrem repressiven Diktatur, in der es verglichen mit der heutigen Unsicherheit aber ruhig war und es Jobs und Einkommen gab und jeder durchs Land fahren konnte, wie der Reporter erinnert.
Die Ausgangslage: Saif al-Islam al-Gaddafi sei aufgrund der bisherigen Kenntnisse wohl «vorsorglich» umgebracht worden, schätzt Reuter. Das Land ist nach den 2021 auf unbestimmte Zeit verschobenen Wahlen mindestens in zwei Blöcke geteilt. Westlibyen mit der Hauptstadt Tripoli und der wichtigen Hafenstadt Misrata. Daneben Ostlibyen unter General Haftar. Jede Partei habe ihre mächtigen Unterstützer: So sind es bei Westlibyen die Türkei und Saudi-Arabien. Ostlibyen kann auf Russland und die Vereinigten Arabischen Emirate zählen. Es sehe derzeit nicht nach einer einigenden Kraft in Libyen aus, was allem voran mit den unterschiedlichen Interessen der Unterstützerstaaten zusammenhänge.