Zum Inhalt springen

Übergriffe auf Sportlerinnen «Sexuelle Ausbeutung lässt sich nicht erkennen, nur erschweren»

Legende: Audio Karin Iten, Leiterin der Fachstelle Limita: «Machtgefälle begünstigt sexuelle Übergriffe.» abspielen. Laufzeit 03:20 Minuten.
03:20 min, aus SRF 4 News aktuell vom 25.01.2018.

Jahrelang gab der ehemalige Arzt der US-Olympia-Turnerinnen Larry Nassar an, Turnerinnen medizinisch zu untersuchen. Stattdessen missbrauchte er sie sexuell. Dafür ist er verurteilt worden. Er muss lebenslänglich ins Gefängnis. SRF News hat mit Karin Iten, Leiterin der Fachstelle Limita, über den Fall gesprochen.

SRF News: Wie kann es zu solchen Übergriffen kommen?

Karin Iten: Es gibt im Spitzensport Abhängigkeiten und grosse Machtgefälle. Dazu kommen die ganz engen Beziehungen zu Sportlerinnen und Sportlern: Trainer und Betreuende begleiten die Sportler sehr nahe. Da ist viel Manipulation möglich.

Eine der missbrauchten Frauen sagte, sie sei ihr ganzes sportliches Leben dazu erzogen worden, Autoritäten nicht in Frage zu stellen. Können Sie das nachvollziehen?

Ja. Diesem Machtgefälle können sich Sportlerinnen und Sportler nicht entziehen. Die Verantwortung liegt beim Verband, auf der Seite der Mächtigen. Der Verband hat dann Handlungsspielraum, wenn er sich auf die Risikosituationen konzentriert, auf die 1:1-Begleitung.

Dem Machtgefälle können sich Sportlerinnen und Sportler nicht entziehen. Die Verantwortung liegt auf der Seite der Mächtigen.

Diese muss transparent gestaltet werden. Das Machtgefälle muss immer wieder diskutiert werden und es müssen Risikobereiche eingegrenzt werden.

Kunstturnen ist eine körperbetonte Sportart. Können Sie nachvollziehen, wieso ausgerechnet dort ein Missbrauch in diesem Ausmass stattfinden konnte?

Grundsätzlich ist im Spitzensport in jeder Sportart sexuelle Ausbeutung möglich, mit diesen Machtgefällen und Abhängigkeiten. Im Kunstturnen kommt zusätzlich dazu, dass rund um Körper und Gewicht eine grosse Disziplinierung und Fremdbestimmung besteht. Das kann ein zusätzlicher Risikofaktor sein. Wenn sexueller Missbrauch dazukommt, kann das eine sehr grosse Belastung sein. Es ist auch sehr schwierig für Sportlerinnen und Sportler, die in einer Abhängigkeit stehen, dieses Verhältnis zu durchbrechen.

Wäre ein Missbrauchsfall in diesem Ausmass auch in der Schweiz möglich?

Es wäre vermessen zu sagen, dass das in der Schweiz nicht möglich ist. Grundsätzlich ist der Spitzensport ein anfälliges und verletzliches System, eben aufgrund dieses Machtgefälles. Von dem her würde ich nicht zu blinden Flecken raten.

Es wäre vermessen zu sagen, dass ein solcher Fall in der Schweiz nicht möglich ist. Grundsätzlich ist der Spitzensport ein anfälliges und verletzliches System.

Es ist wichtig, auch die eigenen Risikosituationen gut anzuschauen und in die Qualitätssicherung einzubauen. Es braucht auf jeder Verbandsebene Massnahmen und Schutzkonzepte. Sie müssen sich fragen, wie sie ihr Risikomanagement gestalten und welche Schwellen sie einbauen können. Klar ist: Sexuelle Ausbeutung lässt sich nie erkennen. Sie lässt sich nur erschweren, wenn die wunden Punkte benannt werden.

Das Gespräch führte Raphael Günther.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

1 Kommentar

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Mirco Schmid (Mirco Schmid)
    Weil sexuelle Ausbeutung sich von aussen nur schwer erkennen lässt, weil es mit Scham behaftet ist, weil die Täter ein Druckmittel haben, ob es die Aussicht auf Karriere oder Angst machen ist, ist es eine Seuche. Wichtig ist, dass die Opfer keine Angst vor einem Stigma haben. Sie müssen Halt in Familie und der Gesellschaft finden. 175 Jahre Haft ist ein guter Anfang, die Opfer von allen Kosten für die Genesung zu befreien, auch auf Staatskosten, wäre ein weiterer Schritt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen