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Autonome Drohnen im Krieg Ethiker: «Plötzlich wird das Töten klarer sichtbar als zuvor»

Im Ukraine-Krieg soll eine Drohne autonom – ohne einen Schiessbefehl – russische Soldaten getötet haben. Dies berichtet das Fachmagazin «New Scientist» und beruft sich auf einen Drohnenexperten der ukrainischen Armee. Die Drohne werde von Menschenhand gestartet, fliege dann allein an die Front und töte dort feindliche Soldaten. Ob wir damit an einem Wendepunkt in Kriegen stehen, sagt Markus Christen von der Universität Zürich.

Markus Christen

Ethiker und Technologieexperte der Uni Zürich

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Der Geschäftsführer der Digital Society Initiative an der Universität Zürich leitet die «Neuro-Ethics-Technology»-Forschungsgruppe am Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte.

SRF News: Sind Drohnen, die autonom töten, ein Wendepunkt in Kriegen?

Markus Christen: Ich würde es nicht als Wendepunkt bezeichnen, sondern eher als einen weiteren Schritt der Einbindung dieser neuen Technologien in die Kriegsführung. Wenn wir zurück in die Geschichte gehen, zeigen sich immer wieder Bemühungen, das Töten von Soldaten auf dem Schlachtfeld zu automatisieren.

Haben Sie Beispiele dafür?

Es gab vor etwa fünf, sechs Jahren Berichte von der UNO, dass eine türkische Drohne in Libyen autonom getötet haben soll. Da war nicht ganz klar, was genau passiert ist. Doch wir können noch weiter zurückgehen und Minen als Beispiel nehmen. Sie sind vielleicht die erste einfache Form, das Töten zu automatisieren. Wenn jemand darauf tritt, ist das noch keine Entscheidung der Waffe.

Ein Schlachtfeld ist ein Ort, wo gekämpft wird und man weiss, als Soldat ist man dort ein völkerrechtlich gesehen legitimes Ziel, um getötet zu werden.

Auch das, was die Drohne tut, würde ich noch nicht als Entscheidung bezeichnen, aber es ist doch ein weiterer Schritt in eine komplexere Form des automatisierten Tötens.

Minen und andere automatisierte Systeme zum Töten sind stationäre Systeme. Drohnen hingegen können ein Ziel auch verfolgen. Ist das der grosse Unterschied?

Es ist ein zentraler Unterschied. Ein anderer ist, dass Minen oder Selbstschussanlagen üblicherweise deklariert werden. Ein Schlachtfeld hat auch diese Eigenschaft, es ist ein Ort, wo gekämpft wird und man weiss, als Soldat ist man dort ein völkerrechtlich gesehen legitimes Ziel, um getötet zu werden. Diese räumliche Einschränkung gibt es noch, nur das System ist mobil. Allerdings sind auch bestimmte Formen der Verteidigung bereits automatisiert. Und es gibt auch Angriffswaffen wie bestimmte Artilleriegranaten, die erst im Flug entscheiden, welcher Panzer zerstört werden muss. So gesehen ist es eine graduelle Entwicklung, nicht ein völlig neues Phänomen.

Drohne startet über einem Feld mit Bäumen im Hintergrund.
Legende: Reuters / Eva Korinkova / Symbolbild

Inwiefern verändern autonome Drohnen die Wahrnehmung des Tötens auf dem Schlachtfeld? 

Es gibt da einen paradoxen Effekt: Wenn man die Geschichte des Krieges anschaut, hat man sich bemüht, die Distanz zwischen den eigenen und den fremden Truppen zu erhöhen. Man will nicht mehr im Kampf Mann gegen Mann töten, sondern möglichst so, dass man es nicht mehr sieht. Man weiss zwar, da drüben ist der Feind, und man will ihn vernichten, aber man will das nicht direkt sehen. 

Wir werden damit rechnen müssen, dass weitere Schritte in Richtung autonomer Kriegsführung unternommen werden.

Doch die Drohnen haben diese Sichtbarkeit plötzlich wieder aufs Tapet gebracht. Das ist neu. Plötzlich wird das Töten quasi nicht nur sichtbar, sondern klarer als vorher, denn meistens sind es ja fernbediente Systeme. Und mit den digitalen Instrumenten wird es verteilbarer. In einem gewissen Sinn hat diese Technologie das Töten wieder viel näher zu denen gebracht, die es durchführen.

Wie wird sich die Technologie dieser autonomen Kriegsführung weiterentwickeln?

Diese Dinge passieren aus einer gewissen – wie man das so nennt – militärischen Notwendigkeit heraus. Wir werden damit rechnen müssen, dass weitere Schritte in Richtung autonomer Kriegsführung unternommen werden. Nicht unbedingt, weil man das will, sondern weil die Gegenmassnahmen das verlangen. Das ist zu befürchten.

Das Gespräch führte Manuel Fasol.

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SRF 4 News, 23.6.2026, 06:50 Uhr ; 

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