Die Ukraine greift Russland immer häufiger mit Drohnen an, auch weit hinter der Front. NZZ-Reporterin Katharina Bracher ist derzeit in der Ukraine. Sie erklärt, weshalb diese Angriffe im Land unterschiedlich wahrgenommen werden.
SRF News: Wie erleben die Menschen die ukrainischen Drohnenangriffe auf Russland?
Katharina Bracher: In den Medien werden diese Angriffe sehr gefeiert. Insbesondere die Piloten von Langstreckendrohnen sind derzeit sehr präsent und werden als Helden dargestellt. Bei den Menschen ist zwar ebenfalls klar Optimismus vorhanden. Es kommt aber stark darauf an, mit wem man wo spricht.
Bei Gesprächen über das Kriegsende oder die Zukunft herrscht unter Soldaten grosser Pessimismus.
Wo ist die Skepsis am grössten?
Je weiter entfernt von der Front im Osten, desto weniger hört man skeptische Stimmen. Ganz anders sieht es in Frontnähe aus. Soldatinnen und Soldaten, die dort gegen die russischen Invasoren kämpfen, erleben die akute Bedrohung. Sie sehen Angriffe auf russische Raffinerien deshalb weniger als Gewinn.
Wie zeigt sich dieser Pessimismus?
Bei Gesprächen über das Kriegsende oder die Zukunft herrscht unter Soldaten grosser Pessimismus. Ein Kommandant einer Scharfschützeneinheit sagte mir: «Komm bloss nicht hierher. Es wird immer schlimmer. Unsere Stellungen sind aufgeflogen.»
Menschen in Kiew oder Odessa erleben alle paar Tage schwere Angriffe. (…) Manche vergleichen das mit russischem Roulette.
Wie prägen die russischen Angriffe den Alltag?
Menschen in Kiew oder Odessa erleben alle paar Tage schwere Angriffe. Es gibt immer wieder zivile Opfer. Das prägt den Alltag und das Gesprächsthema. Viele sagen, man wisse nie, wen es als Nächstes treffe. Manche vergleichen das mit russischem Roulette.
Es existieren also offenbar verschiedene Wahrnehmungen des Kriegs. Entwickeln sich zunehmend zwei oder drei verschiedene Versionen davon, wie der Krieg derzeit verläuft?
Das hängt stark davon ab, welche Informationen und Kontakte jemand hat. Wer zum Beispiel Menschen im Osten kennt, kann ein nuancierteres Bild erhalten. Andere orientieren sich eher an den positiven Nachrichten und fragen vielleicht nicht ganz so genau nach.
Das Gespräch führte Nico Bär.