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Umerziehung auf Chinesisch Alles im Namen der Terrorbekämpfung

Über eine Million Menschen sollen im Nordosten Chinas in sogenannten Umerziehungslagern einsitzen – im Namen der Terrorbekämpfung. SRF-Korrespondent Martin Aldrovandi ist in die Provinz Xinjiang gereist, auf der Suche nach Antworten.

Auf dem Bazar in Urumqi liegen Gewürze und Teppiche aus. Händler feilschen mit Touristen. Wären da nicht die chinesischen Zeichen – man könnte sich fast in einem Touristenort am Mittelmeer wähnen. Nur fast: Am Eingang kontrollieren Polizisten die Ausweise der Besucher, Taschen werden geröntgt. Soldaten marschieren in der Fussgängerzone. Uigurische Verkäufer hier zu interviewen, undenkbar.

Auch auf den Strassen ausserhalb des Touristenbazars: Überwachungskameras an jeder Ecke. Vor Wohnhäusern stehen Geräte zur Gesichtserkennung. Metalldetektoren stehen vor Supermärkten, Kaufhäusern und vor dem Gemüsemarkt. Das ständige Piepsen begleitet den Alltag der Menschen.

Die Uiguren

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Die Uiguren
  • Die Uiguren sind ein den Türken eng verwandtes muslimisches Volk, das mit den Chinesen weder ethnische noch kulturelle Verbindungen hat.
  • Die Kommunistische Partei Chinas geht seit jeher mit massiven Repressalien gegen die uigurische Unabhängigkeitsbewegung vor – aus Furcht vor möglichem Terror, welcher aus Chinas Sicht von uigurischer Seite ausgehe.
  • Seit 2016 sollen sich Unterdrückung und Überwachung gravierend verschärft haben. So sollen mehrere hundert Arbeitslager gebaut worden sein.
  • Menschenrechtsorganisationen gehen von routinemässigen Menschenrechtsverletzungen aus. Beklagt werden Folter, Misshandlungen und Indoktrination.
  • China weist die Vorwürfe des UNO-Ausschusses, dass sich über eine Million Uiguren in Umerziehungslagern befänden, als falsch zurück.
  • Die chinesischen Behörden würden die Rechte aller Bürger in Xinjiang gleichermassen garantieren. Man gehe gegen Extremisten und Terroristen vor, aber nicht gegen eine bestimmte ethnische Gruppe.
Karte SRF
Legende: Xianjiang ist im Nordwesten Chinas und grenzt an Kasachstan, Kirgisien und die Mongolei. SRF

Etwas ruhiger ist es in einem uigurischen Kaufhaus. In den oberen Etagen hat es kaum Kunden. Ein Fernseher läuft, Kinder spielen im dunklen Gang. Ein älterer Verkäufer sitzt in einer Ecke, er habe kaum noch Kunden, beklagt er sich. «Wie die Situation in Xinjiang ist, wollen Sie wissen?» Er senkt seine Stimme. «Was soll ich Ihnen da schon sagen». Ja, er habe Angst. Ich solle doch die Regierung fragen, wo all die Leute hin seien. «Es ist nicht gut, wenn ich mich dazu äussere, verstehen Sie was ich meine?»

Abdul ist nervös und spricht dennoch mit uns

Erst am Abend finde ich einen uigurischen Mann, der sich dazu äussert. Nennen wir ihn Abdul. Er stammt aus dem Süden Xinjiangs, versucht sich in Urumqi als Fahrer über Wasser zu halten. Das Gespräch findet in seinem verstaubten Toyota statt. «Uiguren müssen ins Gefängnis, die Chinesen sammeln uns einfach ein. Auch mein jüngerer Bruder ist im Gefängnis, bereits seit zwei Jahren. Was dort genau passiert, wissen wir nicht.»

Abdul ist nervös, zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. Er spricht Uigurisch und Englisch, aber nur gebrochen Chinesisch. «Die Regierung sagt, viele Uiguren könnten kein Chinesisch. Deshalb müssen sie jetzt im Gefängnis Chinesisch lernen.»

Eine Frau steht neben aufgestapelten Nan-Broten.
Legende: In Urumqi verkauft eine uigurische Frau Nan-Brot. Das traditionelle Fladenbrot gehört in Südasien und im Nahen Osten zum Grund-Nahrungsmittel. Keystone / Archiv

Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch sprechen jedoch von Insassen, die nicht nur Chinesisch lernen, sondern auch die Partei loben müssten – von einer Massenindoktrinierung ohne rechtliche Grundlage – in sogenannten Umerziehungslagern. «Zeugen haben uns von Misshandlungen berichtet. Sie dürfen dort nicht beten, sie dürfen dort nicht ihre eigene Sprache sprechen. Einige Zeugen haben das Erlebte als so erniedrigend empfunden, dass sie sich überlegten, sich das Leben zu nehmen», erklärt die China-Direktorin von Human Rights Watch, Sophie Richardson.

Es gibt in China keine rechtlichen Grundlagen, um die Menschen auf diese Weise einzusperren.
Autor: Sophie RichardsonChina-Direktorin, Human Rights Watch

Auch die Uiguren, die nicht in den Lagern sässen, bestätigt Abdul, dürften ihre Religion nicht mehr frei ausüben. «Noch vor zwei Jahren konnten wir jeden Tag beten. Doch das ist jetzt vorbei, wer betet, riskiert ins Lager zu kommen.»

«Es gibt in China keine rechtlichen Grundlagen, um die Menschen auf diese Weise einzusperren. Nicht einmal das Anti-Terrorgesetz sieht einen solchen Freiheitsentzug vor», beklagt sich Richardson weiter. Human Rights Watch fordert die chinesischen Behörden auf, diese Lager sofort aufzulösen. Dieser Terror, den die Menschen dort erleben, helfe Chinas langfristigem Ziel von Stabilität sicher nicht.

Über die genaue Zahl der Umerziehungslager kann Human Rights Watch keine Angaben machen. «Dies können wir erst machen, wenn die chinesische Regierung unabhängige Beobachter ins Land lässt, internationale Experten, etwa von der UNO», betont Richardson.

Während der Fahrt schaut Abdul ständig auf sein Handy. Denn: Die Polizei kann die Handys der Menschen hier nach Gutdünken beschlagnahmen und durchsuchen. Arabische Zeichen, sagt Abdul, würden bereits als suspekt gelten. Direkt mit ausländischen Journalisten zu sprechen, ist riskant. Abdul hält sein Auto deshalb ein paar hundert Meter vor meinem Hotel an.

Ausländische Journalisten sind oft unerwünscht

Gegen Mitternacht meldet sich die Rezeption. Journalisten dürften hier nicht übernachten, und man stellt mich samt Gepäck auf die Strasse. Es bleibt nur die Weiterreise in die nächste Stadt: Kaxgar. Eineinhalb Flugstunden von Urumqi entfernt. Schulkinder spielen Fussball auf der Strasse. In einer Seitengasse steht eine Wandtafel mit chinesischen Zeichen.

Eine Frau sitzt in einem Bus. Der Bus ist chinesisch beschriftet und fährt an einer Tafel mit arabischen Texten vorbei.
Legende: Chinesische und arabische Zeichen auf einen Blick: Das gibt es nur in der uigurischen Region Xinjiang. Keystone / Archiv

Man lerne Chinesisch hier, jeden Abend, sagt eine junge Frau und lächelt. Ich würde sie gerne mehr fragen, doch sie steht direkt unter einer Überwachungskamera. In Kaxgar ist der Überwachungsapparat noch stärker ausgebaut als in Urumqi. Sogar die Taxis in der Stadt sind mit je zwei Kameras ausgerüstet – eine zeigt auf den Fahrer, die andere auf den Fahrgast. Fast an jeder Kreuzung stehen Polizeibeamte, auch ich muss mich immer wieder ausweisen, und Fotos auf dem Handy löschen.

Uigurisches Autonomes Gebiet Xinjiang

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Uigurisches Autonomes Gebiet Xinjiang

Die chinesische Region Xinjiang – zwei Mal so gross wie Deutschland – grenzt an Zentralasien. Ethnische Minderheiten wie die Uiguren, aber auch Kasachen und Kirgisen leben dort. Menschenrechtsorganisationen werfen China vor, diese Minderheiten systematisch zu unterdrücken.

Fotos seien nur von touristischen Sehenswürdigkeiten erlaubt, erklären die Beamten der Staatssicherheit, die mich später in der Hotellobby aufsuchen. Mit dem Überlandtaxi geht es nach Artux – eine Kleinstadt, knapp eine Stunde von Kaxgar entfernt. Doch: Plötzlich hält der Fahrer an. Bewaffnete Polizeibeamte öffnen die Autotür. «Aussteigen, Gepäck mitnehmen».

Anstelle von Antworten: Sicherheitskontrollen

«Was wollen sie in Artux?» fragt ein Polizist schliesslich, es folgen Gespräche mit weiteren Beamten. «Interviews mit den Menschen hier direkt?» Das sei vollkommen ausgeschlossen, sagen die Beamten. Sie drängen auf eine Tour mit dem Verbindungsbüro für Ausländer. Ein Uigure und eine Chinesin des Büros fahren mich durch die Stadt – aussteigen nicht erlaubt. «Was halten Sie von den Vorwürfen, dass es in der Region Umerziehungslager gibt?», frage ich die beiden. Diese Berichte könnten nicht alle wahr sein, sagt der Mann. Die Beamtin wirft ein, da werde doch viel übertrieben!

«Das heisst also, diese Vorwürfe sind nicht vollkommen falsch?» Anstelle von Antworten, gibt es weitere Sicherheitskontrollen. Ausserhalb der Stadt treffen Beamte aus Kaxgar ein. Sie lassen mich nicht mehr aus den Augen, bis zum Flughafen.

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23 Kommentare

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  • Kommentar von Michael Räumelt (Monte Verita)
    Letztendlich geht es hier nur um eines "Tod auf Bestellung":Beliebte Opfer sind beispielsweise schutzlose Flüchtlinge oder zum Tode verurteilte Straftäter in China, die genau dann exekutiert werden, wenn die Nachfrage nach Organen am größten ist. Alle machen hier mit, sogar Merkel schaut weg und die Organproduktion in sogenannten Babyfabriken ist die zweifelhafteste Beschaffungsmethode der skrupellosen Händler..Aber ein E-Gerät zu Hause "Made in China" weil es so günstig ist!!
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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Da ist einer plötzlich verschwunden, der eigentlich immer von China schwärmt. Schade eigentlich, er ist immer so amüsant mit seinen Anschauungen rübergekommen. - Nur für den Fall, "wir ertragen das da mit den anderen Meinungen" und haben wirklich keine Probleme damit, wir sind damit ja auch aufgewachsen und durschauen so etwas ja ganz schnell. - Ach ja so ganz NB: Gruss nach Peking !
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  • Kommentar von Josephk Ernstk (Joseph ernst)
    Sicher ist das Verhalten der Chinesen gegenüber den Uiquren zu hinterfragen. Nur eine gewisse Wachsamkeit ist durchaus berechtigt. Der IS hat in dem automomen Gebiet Xinjiang Symphatisanten und Terror-Anschläge sind bereits ausgeführt worden !
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