Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat sämtliche Sanktionen gegen Russland vorläufig aufgehoben. Was hinter dieser Entscheidung steckt, erklärt der Journalist Johannes Aumüller von der «Süddeutschen Zeitung».
SRF News: Das IOC begründet die Entscheidung damit, dass man Sport und Politik bei Olympia trennen wolle. Wie glaubhaft ist diese Begründung?
Johannes Aumüller: Das IOC musste sich einen Weg überlegen, wie es nach dem Dopingskandal und dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine wieder zurück zum alten, Russland-nahen Zustand kommen konnte. Russland hat im Weltsport und in der olympischen Welt traditionell sehr viel Einfluss.
Dass mit US-Präsident Trump eine neue politische Gemengelage vorliegt, hatte wohl auch einen Einfluss auf den IOC-Entscheid.
Der geht so weit, dass man die These wagen kann, 2013 wäre der Deutsche Thomas Bach ohne Zustimmung des Kremls nicht IOC-Präsident geworden. Nach den Jahren des schwierigen Verhältnisses mit Russland hatte wohl auch die Tatsache, dass mit Donald Trump als US-Präsident eine neue politische Gemengelage vorliegt, einen Einfluss auf den neusten IOC-Entscheid.
Wieso geht das IOC bei der Wiederzulassung Russlands in kleinen Schritten vor?
Man will internationalen Widerstand vermeiden. Durch das Schritt-für-Schritt-Vorgehen will man den grossen Knall, den grossen internationalen Aufschrei vermeiden. Es ist auch kein Zufall, dass der Entscheid des IOC gerade jetzt bekannt wurde, da die Fussball-WM in der entscheidenden Phase läuft. Die internationale Aufmerksamkeit ist von der WM absorbiert. Das IOC hat also eine Strategie gewählt, wie man diese hoch umstrittene und hochbrisante Rückkehr Russlands möglichst leicht wieder in den Diskurs bringen kann.
Bei Olympia 2028 in Los Angeles wird Trump noch immer US-Präsident sein. Hatte das einen Einfluss auf den IOC-Entscheid?
Ich denke ja, denn die Weltpolitik spielt immer eine Rolle bei Entscheidungen des IOC. Man kann sich gut vorstellen, wie Trump die Spiele nutzen könnte, um gemäss seiner Sicht der Welt zu zeigen, dass er einen weiteren Schritt für den Frieden getan habe.
Russland wurde ursprünglich vom IOC wegen eines staatlichen Dopingprogramms gesperrt. Jetzt gelten weiterhin strenge Dopingauflagen seitens des IOC. Reicht das aus?
Es wird sich erst noch weisen, wie wirksam die sein werden. Der russische Dopingskandal von 2015 ist nie wirklich aufgearbeitet worden. Bis heute ist unklar, wer genau vom Staatsdoping profitiert hat, wer genau wie involviert war, wer wann in einer Datenbank vermerkt war, die später gelöscht worden ist.
Das IOC hat neu aufgetauchte Dopingvorwürfe gegen Russland schlicht nicht beachtet.
Und bereits beschäftigt sich die Welt-Antidoping-Agentur erneut mit Russland, weil neue Dopingvorwürfe aufgetaucht sind. Doch diese hat das IOC schlicht nicht beachtet. Insofern ist der IOC-Hinweis auf ein künftig strenges Testsystem in Russland bloss eine Floskel. Schliesslich weiss man, dass man Doping nicht allein durch eine hohe Anzahl Tests verhindern kann – siehe Lance Armstrong im Radsport.
Kann der vollständigen Rückkehr Russlands auf die internationale Bühne des Sports noch etwas im Weg stehen?
Ehrlicherweise nein – auch wenn man ‹niemals nie› sagen sollte. Russland wird wohl bald wieder ein völlig normaler Teil der olympischen Familie sein. Auch im Fussball, kann man bei der nächsten Europameisterschaft 2028 und der WM 2030 mit einer russischen Teilnahme rechnen. Und es wird auch der Moment kommen, in dem darüber diskutiert werden wird, ob auch Sportgrossveranstaltungen in Russland wieder möglich sein sollen.
Das Gespräch führte Nicolas Malzacher