«Ich sage und tue Dinge, die sonst niemand, der bei Verstand ist, sagen und tun würde», erklärte Stephen Miller, als er 2002 für das Amt des Schulsprechers kandidierte. Schon als Teenager schwamm Miller mit Gusto gegen den Strom.
Er wurde früh zum rechten Provokateur, an seiner multikulturellen High School im liberalen Kalifornien, später an einer Eliteuniversität. Miller machte mit Auftritten in rechten Fernseh- und Radiosendungen auf sich aufmerksam, arbeitete für rechte Parlamentarier.
Brüder im Geiste
Doch erst 2015 fand er seinen Bruder im Geiste. Aus Mexiko würden Drogen und Vergewaltiger kommen, sagte Donald Trump, als er 2015 seine Kandidatur bekanntgab. Es brauche eine Grenzmauer.
Später sagte Miller, Trumps Ankündigung habe seiner Seele einen elektrischen Stoss versetzt. Er stiess zu Trumps Wahlkampfteam, wurde dessen Redenschreiber.
2017 schliesslich wurde Miller, mit nur 31 Jahren, zum Präsidenten-Berater. Mit seiner hohen Stirn, die verbleibenden Haare abrasiert, vertritt er in Fernsehinterviews extreme Positionen, schreit manchmal fast in die Kamera.
Längst ist Miller zur Hassfigur der Linken geworden. Er wird mit «Harry Potter»-Bösewicht Voldemort verglichen oder mit Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels.
Der Macher
Stephen Miller trieb schon in der ersten Amtszeit Trumps die harte Einwanderungspolitik voran. Gegen Bürger einiger überwiegend muslimischer Länder wurde ein Einreiseverbot verhängt, Migrantenkinder wurden an der Grenze von ihren Eltern getrennt.
Miller gelang, was nur wenigen gelang: Er zog auch 2025 wieder ins Weisse Haus ein. Das hat mit seiner Treue zu Trump zu tun, die anscheinend grenzenlos ist. Und Miller ist in dieser zweiten Amtszeit erfahrener – und besser vorbereitet.
Aus dem Weissen Haus ergoss sich ab Tag 1 eine überwältigende Flut von präsidialen Verordnungen. Miller habe jede einzelne selbst verfasst oder redigiert, schrieb das «Wall Street Journal». In US-Medien heisst es, Miller verstehe sich darauf, Trumps Impulse in konkrete Massnahmen umzumünzen.
Miller wird als Macher beschrieben, der seine Untergebenen antreibt. Angeblich nimmt selbst die für die Migration zuständige Ministerin seine Anweisungen entgegen. Der 40-Jährige mit dem unscheinbaren Titel «Stellvertretender Stabschef für Politik» ist mächtiger denn je.
Miller und die Migration
Miller scheint sich in einem Kampf um das Überleben der westlichen Zivilisation zu wähnen. In diesem Zusammenhang ist wohl auch eine Art Obsession zu verstehen, die er mit papierlosen Migranten zu haben scheint.
Miller schlug angeblich als erster im Weissen Haus vor, ein Kriegsgesetz von 1798 einzusetzen, um Migranten zu deportieren. Offen sprach er davon, für papierlose Migranten das Recht aufzuheben, ihre Inhaftierung vor Gericht anzufechten. Um die Massendeportationen umzusetzen, verlangte er, dass täglich 3000 Migranten festgenommen werden.
Entsprechend aggressiv geht die Migrationspolizei ICE derzeit in US-Städten vor. Den Mann, den Bundesagenten in Minneapolis erschossen hatten, nannte Miller einen Attentäter, was sich als unhaltbare Aussage herausstellte.
Die Regierung ruderte zurück, vielleicht auch, weil Umfragen besagen, dass eine grosse Mehrheit in den USA findet, ICE gehe zu weit. Miller, der einst versprochen hatte, er sage und tue, was sonst niemand sage und tue, ist selbst für Donald Trump manchmal zu extrem.