Die USA vollziehen unter Präsident Donald Trump eine Kehrtwende in der Klimapolitik. Die wissenschaftlich weltweit anerkannte Einschätzung, dass Treibhausgase Menschen und Klima schaden, anerkennen sie nicht mehr. Der Klimaphysiker Reto Knutti erklärt, wie man Treibhausgase erforscht – und warum sie gefährlich sind.
SRF News: Wie eindeutig ist der wissenschaftliche Konsens, dass Treibhausgase dem Menschen schaden?
Reto Knutti: Dieser Konsens ist völlig eindeutig – und das seit sehr langer Zeit. Das theoretische Verständnis geht schon auf Erkenntnisse aus den Jahren 1850 bis 1900 zurück. Die ersten wissenschaftlichen Berichte – auch an die US-Regierung – stammen aus den 1960er-Jahren. 1992 wurde die UNO-Klimarahmenkonvention verabschiedet. Seit mindestens 25 Jahre wissen wir, dass der Mensch die klare Hauptursache des beobachteten Klimawandels ist – und damit auch von sehr vielen Auswirkungen, die wir heute schon sehen.
Wie misst man konkret, dass Treibhausgase gesundheitsschädlich sind und wie kann man diese Kausalität zeigen?
In den USA gab es einen langen Rechtsstreit. Die Regierung kann Umweltschadstoffe unter dem Gesetz zur Luftreinhaltung regeln. In der Diskussion ging es um die Frage, ob CO₂ eine Verschmutzung im engeren Sinne wie die Luftverschmutzung darstellt. Und das ist es natürlich nicht: CO₂ ist nicht direkt gefährlich, wenn man es einatmet. Es tritt kein lokaler und direkter chemischer Effekt wie etwa bei Feinstaub auf.
Schon heute ist jedes dritte Hitzeopfer eine direkte Folge des Klimawandels.
Aber: CO₂ ist indirekt schädlich für die menschliche Gesundheit, nämlich über den Klimawandel und die Folgen der globalen Erwärmung. Zu den Auswirkungen des Klimawandels gehört, dass in den USA jedes Jahr viele Tausend Menschen sterben – zum Beispiel an Hitze. Weltweit sind es jährlich eine halbe Million Menschen. Schon heute ist jedes dritte Hitzeopfer eine direkte Folge des Klimawandels.
Dazu kommen andere Auswirkungen des Klimawandels wie Trockenheit und extreme Wettereignisse, Gletscherschmelze, der Anstieg des Meeresspiegels. All das verursacht hohe Schäden und Kosten für alle möglichen Sektoren – von der Landwirtschaft über die Gesundheit bis zum Tourismus. Mit dem «Endangerment Finding» haben die USA 2009 schliesslich festgehalten, dass CO₂ gefährlich für den Menschen ist.
US-Präsident Trump sagt, die Menschheit hätte Treibhausgasen und fossilen Energien viel zu verdanken. Sie hätten uns reich gemacht und Leben gerettet. Wie begegnen Sie dieser Argumentation aus wissenschaftlicher Sicht?
Auf den ersten Blick ist das völlig korrekt. Mit der Industrialisierung haben wir realisiert, dass wir mit Energie Geld verdienen können. Fossile Energie und CO₂ waren gleichbedeutend mit Wohlstand. Daraus abzuleiten, dass man immer so weitermachen kann, ist aber keine gute Argumentation. Wenn man seine eigene Lebensgrundlage zerstört, geht das Ganze nicht mehr auf.
Man musste schon immer Regeln finden, wie man die Natur nutzen kann ohne, dass man sie übernutzt.
Schon vor Hunderten Jahren haben die Menschen gemerkt, dass sie nicht den ganzen Wald abholzen können. Ähnlich war es mit der Übernutzung der Weiden und mit der Luft- und Wasserverschmutzung. Man musste schon immer Regeln finden, wie man die Natur nutzen kann, ohne dass man sie übernutzt. Ich kann meinem Nachbarn auch nicht alles Geld stehlen und sagen, dass ich ja damit reich werde.
Dazu kommt: Es gibt heute viele Alternativen. Erneuerbare Energie – insbesondere Solar – ist heute die günstigste Energieform. Wir müssen unsere Wertschöpfung nicht auf fossilen Energien beruhen lassen.
Das Gespräch führte Nina Gygax.