Eine gigantische Holzfäller-Statue mit Axt auf der Schulter und kariertem Hemd empfängt die Delegierten. Das fast zehn Meter hohe Wahrzeichen von Bangor ist sinnbildlich für Maine: Der nordöstlichste Bundesstaat der USA ist geprägt von Wäldern und kleinen, oft abgelegenen Gemeinden.
Und nun soll ein Holzfäller für die Demokraten in den Senat in Washington einziehen: der 58-jährige Troy Jackson. Die Delegierten nominierten ihn am Wochenende fast einstimmig. Innerhalb von zwei Wochen musste die Partei einen neuen Kandidaten für die Zwischenwahlen im November finden, nachdem der Sieger der Vorwahl, Graham Platner, wegen Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens zurückgetreten war.
Für die Arbeiterklasse
Die 30-jährige Delegierte Aurora Green ist überzeugt von Jackson: «Er ist ein echter Kerl und arbeitet als Holzfäller im Familienunternehmen in fünfter Generation. Er weiss, was Solidarität bedeutet.» Jackson bringt mehr als 20 Jahre politische Erfahrung mit und war zuletzt sechs Jahre Präsident des Senats von Maine. Er gehört zum linken Flügel der Demokratischen Partei und setzt sich nach Ansicht seiner Unterstützer konsequent für die arbeitende Bevölkerung ein.
Ein zentrales Wahlkampfthema sind die hohen Lebenshaltungskosten. Der 78-jährige Delegierte Nigel Calder verweist auf die Schwierigkeiten, junge Arbeitskräfte nach Maine zu locken, wenn Wohnraum kaum bezahlbar sei und Regionalspitäler ihre Geburtenabteilungen schliessen würden.
Doch Calder plagen nicht nur Alltagssorgen. Es gehe auch um den Zustand der Demokratie und es sei beängstigend, was auf nationaler Ebene geschehe, sagt er: «Meine Eltern haben im Zweiten Weltkrieg gekämpft. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem man über Faschismus sprach und darüber, dass die Mehrheit der Deutschen Hitler zwar nicht unterstützte, aber nicht rechtzeitig widersprochen hat.»
Calder weiter: «Ich glaube, wir befinden uns in einer ähnlichen Situation mit einem Präsidenten, der offensichtlich versucht, eine Art neofaschistischen Staat zu errichten, und mit Menschen, die nicht entschlossen genug reagieren».
Radikaler Kurswechsel
Deshalb sei nun ein radikaler Kurswechsel nötig. Seit fast 30 Jahren hält die Republikanerin Susan Collins diesen Senatssitz. Zwar geht die 73-Jährige immer wieder auf Distanz zu Donald Trump, bei den meisten wichtigen Abstimmungen unterstützt sie jedoch die Politik ihrer Partei. So stimmte sie auch für zusätzliche Mittel für die Einwanderungsbehörde ICE.
Nigel Calder beobachtet derzeit eine Mobilisierung demokratischer Wählerinnen und Wähler, wie er sie seit Langem nicht erlebt habe. Ausgelöst worden sei sie durch Graham Platner, der sich als sozialdemokratische Alternative zum Parteiestablishment präsentierte. Jackson traue er zu, diese Bewegung zusammenzuhalten.
In Maine setzen die Demokraten auf einen Kandidaten des linken Parteiflügels. Welches Profil ein Kandidat oder eine Kandidatin haben soll, um bei den Zwischenwahlen erfolgreich zu sein, wird derzeit in vielen Bundesstaaten diskutiert. Entscheidend dürfte am Ende vor allem eines sein: die Mobilisierung der eigenen Wählerschaft.