Präsident Trump trat sein Amt mit dem Versprechen an, massiv gegen die illegale Migration vorzugehen: Eine Million Menschen wolle er pro Jahr abschieben. Damals unterstützte dies ein Grossteil der US-Bevölkerung.
Doch die Zahlen sehen heute anders aus, das hat auch mit dem Vorgehen von ICE zu tun. Man sehe, dass die Einwanderungsbehörde ICE bei der Umsetzung von Trumps Wahlversprechen ziemlich wahllos vorgehe, sagt USA-Experte Thomas Jäger. Zwei Drittel der US-Bevölkerung hätten mittlerweile ein negatives Bild der Behörde.
Beamte trugen trotz Auflagen keine Bodycams
Eigentlich hätten alle ICE-Beamten Bodycams erhalten sollen. Das verfügte die damals zuständige Ministerin Kristi Noem im Februar. Doch flächendeckend umgesetzt worden ist die Massnahme nie.
Das könnte auch damit zusammenhängen, dass man sich bei der Arbeit nur ungern über die Schulter schauen lässt, mutmasst Thomas Jäger: «Man will diese Transparenz nicht, man will dieses Kontrollmedium nicht. Denn diejenigen, die bei ICE arbeiten, die wollen die Arbeit möglichst im Stillen machen: Sie möchten nicht kontrolliert und am liebsten nicht wahrgenommen werden.» Deshalb gebe es auch von den beiden jüngsten Tötungen in Texas und Maine keine offiziellen Videoaufnahmen.
Verzicht auf Fahrzeugkontrollen sei Symbolpolitik
Bei ICE-Einsätzen sollen künftig nur noch in Ausnahmefällen Fahrzeuge angehalten und kontrolliert werden dürfen, berichteten mehrere US-Medien. Damit wolle man den Anti-ICE-Protesten den Wind aus den Segeln nehmen, ist Thomas Jäger überzeugt: Die Behörden würden so beweisen wollen, dass sie gegen die tödliche Gewalt etwas tun. Denn die Todesfälle beschäftigten die Öffentlichkeit, was der Trump-Regierung sehr ungelegen komme.
Stimmung bei Zwischenwahlen in Texas und Maine könnte kippen
Die Republikaner verfügen im Senat über eine relativ dünne Mehrheit, und in beiden Staaten, die jetzt betroffen waren – Texas und Maine – wird gewählt. Dem traditionell republikanisch geprägten Staat Texas steht ein Kopf-an-Kopf-Rennen bevor: «Mit James Talarico ist auf einmal ein demokratischer Kandidat da, der als charismatisch wahrgenommen wird und der insbesondere davon profitiert, dass die hispanischen Unternehmer jetzt sagen: ‹Wo sind meine Bauarbeiter? Die waren doch Anfang der Woche noch da. Die sitzen jetzt irgendwo in Abschiebehaft›», sagt Thomas Jäger. Solche Erfahrungen könnten den Ausschlag geben bei den Wahlen. Dass in Houston ein seit 35 Jahren in den USA lebender Mexikaner von ICE erschossen wurde, komme bei diesen Menschen kaum gut an.
Auch in Maine, im anderen Bundesstaat, in dem vor Kurzem ein Einwanderer von ICE-Beamten getötet wurde, gibt es Senatswahlen im November. Amtsinhaberin Susan Collins von der Republikanischen Partei steht zur Wiederwahl, in einem Staat, der eigentlich mehrheitlich demokratisch wählt. Ihr Ansehen in der Bevölkerung leidet unter der nationalen Migrationspolitik, ihr Sitz sei deswegen in Gefahr, so Jäger.