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USA unter Donald Trump Die Fussball-WM im Zeichen von Trumps Migrationspolitik

In Kansas City, der selbsternannten Fussballhauptstadt der USA, prallen Integrationsprojekte und politische Realität aufeinander.

Kansas City, Missouri. Eine Stadt im Herzen der USA. Jugendliche des Global FC trainieren auf einem Fussballplatz zwischen Autobahnen und Lagerhallen. Sie sprechen Englisch, Spanisch und Swahili.

Der Global FC ist kein gewöhnlicher Verein. «FC» steht nicht für «Fussball Club», sondern für «Fussball Community» – für Gemeinschaft und Zugehörigkeit.

«Wir sind wie eine Familie», sagt Jordan Schiele. Seit fünf Jahren trainiert er Jugendliche im Verein ehrenamtlich. Trainer seien mehr als nur Trainer, sie seien auch Mentoren und Vertrauenspersonen.

Die meisten Jugendlichen hier sind Flüchtlinge oder Kinder von Migrantenfamilien. Das Motto des Vereins lautet: Hoffnung und Spiel.

«Wir helfen auch bei den Hausaufgaben, unterstützen Familien beim Umgang mit dem komplizierten Einwanderungssystem und versuchen einfach da zu sein, wenn jemand Hilfe braucht», sagt Schiele.

Fussball als Anker

In der Nähe des Trainingsplatzes betreibt der Verein auch ein Gemeinschaftszentrum. Fussball ist Teil des Integrationsprozesses. Anders als in den meisten Ländern ist Fussball in den USA nicht die Sportart Nummer 1, doch in ihren Herkunftsländern sind die Jugendlichen damit aufgewachsen.

Ich will die Träume meines Vaters verwirklichen.
Autor: Nelson Jugendlicher in Kansas

Nelson stammt ursprünglich aus El Salvador. Er habe dort seinen Vater als Innenverteidiger spielen sehen und sich von ihm inspirieren lassen: «Nun will ich dessen Träume wahr machen, die dieser nie verwirklichen konnte», sagt der 13-Jährige. Mehrere Jugendliche haben schon in einem Flüchtlingslager in Tansania Fussball gespielt, einige stammen aus Simbabwe, andere aus der Dominikanischen Republik.

Zwei Personen in Sportkleidung stehen auf einem Fussballfeld, es ist Nacht.
Legende: Trainer Jordan Schiele (rechts) mit einem Spieler des Global FC. SRF/Barbara Colpi

Schiele kennt ihre Geschichten. Einige Familien leben erst seit wenigen Monaten in den USA, andere schon seit mehreren Jahren. Die meisten von ihnen haben einen geregelten Aufenthaltsstatus als anerkannte Flüchtlinge oder Asylsuchende.

Viele Familien haben Angst.
Autor: Jordan Schiele Trainer beim Global FC

Trotzdem habe sich etwas verändert, seit Donald Trump wieder Präsident sei, sagt Schiele. Schlagzeilen über Razzien der Einwanderungsbehörde ICE, bei denen Menschen aufgrund ihres Aussehens verhaftet würden, ohne dass ihnen vorher Fragen gestellt würden, hätten ihre Spuren hinterlassen. «Viele Familien haben Angst. Selbst wenn diese Angst nicht immer auf konkreten rechtlichen Risiken basiert, ausgeschafft zu werden, ist sie real.»

Umso wichtiger sei es, den Jugendlichen diesen Raum mit Fussball zu geben. Freizeitaktivitäten für Kinder und Jugendliche sind in den USA oft sehr teuer. Doch der Global FC wird durch Spendengelder finanziert und niemand muss einen Mitgliederbeitrag oder für die Ausrüstung bezahlen.

Kansas Citys Fussballkultur

Dass Fussball gerade in Kansas City eine so wichtige Rolle bei der Integration spielt, ist kein Zufall. Kansas City nennt sich selbst stolz «Soccer Capital of America» – Fussballhauptstadt der USA. Ein grosser Anspruch in einem Land, in dem American Football, Baseball oder Basketball dominieren. Doch Einwanderer brachten Fussball schon früh nach Kansas City und entsprechend verwurzelt ist die Fussball-Tradition.

Das zeigt sich besonders an Spieltagen von Sporting Kansas City, dem Team in der Major League Soccer. Fans versammeln sich schon Stunden vor dem Spiel auf den Parkplätzen rund ums Stadion. Sie grillieren, singen und diskutieren. Aus Lautsprechern ertönt Latino-Musik.

Wir haben immer Fussball geschaut in unserer Familie.
Autor: Claire Fan von Sporting Kansas City

Viele Fans erzählen, wie sie über ihre Familien zum Fussball kamen, zum Beispiel Claire. Sie hat schottische Vorfahren und ihr Vater war Fan von Celtic. Deshalb sagt sie: «Ich hatte gar keine andere Wahl, als Celtic-Fan zu sein. Wir haben immer Fussball geschaut in unserer Familie.»

Die Familie von Beth stammt ursprünglich aus Paraguay. Sie ist seit 15 Jahren Mitglied des Fanclubs Cauldron. «Wir unterstützen das Team während des Spiels unermüdlich mit Gesängen und Trommeln», so Beth.

Die Stimmung im Stadion erinnert dann auch eher an Lateinamerika oder Europa als an Stadien anderer Sportarten in den USA. Die Durchsagen des Speakers ertönen auf Englisch und Spanisch. Schon das sagt viel aus über den Fussball in den USA.

Fussballstadion bei Nacht mit Spielern auf dem Spielfeld und Zuschauern auf den Tribünen.
Legende: Ein Spiel von Sporting Kansas City gegen Columbus Crew aus Ohio. SRF/Barbara Colpi

Trainer von Sporting Kansas City ist seit dieser Saison der Schweizer Raphael Wicky. Auch er beantwortet sehr zur Freude der anwesenden Journalisten Fragen nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Spanisch. Wicky kennt den US-amerikanischen Fussball. Er spielte in der Saison 2008/09 in Kalifornien, und war auch schon in Chicago Trainer.

Fussball ist auch in den USA beliebt geworden.
Autor: Raphael Wicky Trainer von Sporting Kansas City

Die Begeisterung für den Fussball sei in Kansas City wie vielerorts in den USA besonders in der lateinamerikanischen Gemeinschaft ausgeprägt, sagt er.

Person auf einer Pressekonferenz spricht an einem Tisch mit Mikrofonen.
Legende: Trainer Raphael Wicky bei einer Medienkonferenz von Sporting Kansas City. SRF/Barbara Colpi

Der Fussball habe zwar nicht denselben hohen Stellenwert in der Gesellschaft in den USA wie in anderen Ländern, doch: «Schaut man, wie viele Knaben, Mädchen, Fussball spielen, dann sieht man, wie beliebt diese Sportart auch in den USA geworden ist.» Bei Kindern bis zwölf Jahre ist Fussball inzwischen tatsächlich die meistpraktizierte Sportart.

Stolz und Vorfreude

In Kansas City werden die Spiele der Fussball-WM im grössten Stadion der Stadt ausgetragen, im American-Football-Stadion der Kansas City Chiefs. Doch die Stadt hat auch eine einzigartige Fussball-Infrastruktur. Diese umfasst nicht nur das Stadion und das Trainingsgelände der Männermannschaft, sondern auch die Einrichtungen des Frauenfussballteams und der Nachwuchsabteilungen. Deshalb haben für die WM mit Argentinien, England, den Niederlanden und Algerien gleich vier Nationalmannschaften ihr Basislager in Kansas City aufgeschlagen.

Ganz zur Freude der Einwohnerinnen und Einwohner. Man spüre, wie sie auf die WM hinfiebern, sagt Wicky. Für Kansas City ist die WM mehr als ein sportlicher Grossanlass. Die Stadt sieht darin die Chance, sich einem weltweiten Publikum als Fussballstandort zu präsentieren. Die WM soll zeigen, wie stark der Sport in den USA gewachsen ist und wie sehr er von Einwanderung und kultureller Vielfalt geprägt wurde.

Gerade deshalb wird hier besonders aufmerksam verfolgt, ob die USA während des Turniers tatsächlich als offener Gastgeber auftreten können. Wie viele internationale Fans tatsächlich anreisen werden, bleibt offen. Die bisherigen Hotelbuchungen deuten nicht auf den grossen Ansturm hin.

Trumps Politik verunsichert

Abschreckend für viele sind die teuren Ticketpreise und – Donald Trump.

Zwar will der Präsident das Bild der USA als Gastgeber der Welt vermitteln, doch seine Rhetorik und Politik stehen dazu im harten Gegensatz. Sie sind von Abschottung und restriktiver Einwanderung geprägt.

Viele Fans befürchten, bei der Einreise eher wie Verdächtige als wie Besuchende behandelt zu werden. Fans aus dem Iran oder aus Haiti dürfen schon gar nicht erst einreisen. Auch im Landesinneren gibt es Sorgen.

Wenn Angst vorherrscht, wird der Zweck, Menschen zu vereinen, geschmälert.
Autor: Daniel Noroña Amnesty International USA

Daniel Noroña von Amnesty International USA warnt vor möglichen Razzien der Einwanderungsbehörde ICE rund um die WM-Spiele. Es bestehe die Gefahr, dass Menschen aufgrund ihres Aussehens kontrolliert und verhaftet würden. Er traue den Zusicherungen der Regierung nicht, darauf zu verzichten. Doch «Familien, Fans und Spieler haben das Recht, das Spiel zu geniessen, ohne Angst haben zu müssen, inhaftiert und von ihren Angehörigen getrennt zu werden», sagt Noroña.

US-Präsident Donald Trump hat in den letzten Monaten zwar auf öffentlichkeitswirksame Grossrazzien verzichtet, Festnahmen durch ICE finden landesweit jedoch weiterhin täglich statt. Und genau diese Angst dürfe das Turnier nicht prägen, sagt Daniel Noroña: «Wenn Angst vorherrscht, wird der eigentliche Zweck des Turniers, nämlich Menschen zu vereinen, geschmälert. Natürlich neigen wir manchmal dazu, diese Art von Veranstaltungen zu idealisieren, aber im Grunde sollte es ein Fussballfest werden.»

Die Jugendlichen vom Global FC verdrängen dieses Angstgefühl. Einige werden ausgelost, um während der WM als Begleitkinder der Spieler ins Stadion einzulaufen. Und sie alle träumen vom gleichen Moment: an der Hand von Lionel Messi, vor zehntausenden Fans.

Für ein paar Minuten werden dann weder Aufenthaltsstatus noch Politik eine Rolle spielen.

International, Radio SRF 2, 30.05.2026, 9 Uhr

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