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USA unter Trump Nach den Flammen – schleppender Wiederaufbau in Los Angeles

Vor einem Jahr sind bei Waldbränden in Los Angeles mindestens 30 Menschen gestorben und über 16'000 Gebäude abgebrannt. Noch ist kaum ein Haus wieder aufgebaut.

Pacific Palisades, Los Angeles. Tausende Häuser sind allein in diesem Stadtteil abgebrannt. Die meisten Parzellen sind inzwischen von den niedergebrannten Strukturen geräumt und liegen brach. Fast gespenstisch stehen vereinzelt noch ein Grill, ein Eingangstor oder eine Gartenmauer herum – Relikte, die das Feuer nicht vernichten konnte.

Es war eine extrem verwirrende Zeit für uns und auch beängstigend als Mutter zweier Jugendlicher.
Autor: Dana Goodyear Autorin «The New Yorker»

Auf dem Grundstück von Dana Goodyear sind noch ein Teil der Garage und ein Baum übriggeblieben. «Nie hätte ich gedacht, dass mein eigenes Viertel samt meinem Haus einem Waldbrand zum Opfer fallen würde», sagt Dana Goodyear. Sie ist seit vielen Jahren Autorin für das Magazin «The New Yorker» und hatte immer wieder über Waldbrände in Südkalifornien geschrieben.

Dana Goodyear und ihre Familie stellen Samenbomben her.

Doch plötzlich war sie selbst betroffen. Sie verlor nicht nur ihr Haus, sondern auch ihr gesamtes Hab und Gut in den Flammen: «Es war eine extrem verwirrende Zeit für uns und auch beängstigend als Mutter zweier Jugendlicher», erinnert sie sich. «Meine Tochter war damals zwölf, mein Sohn vierzehn, und ich hatte keine Antworten für sie. Wir versuchten herauszufinden, wie es weitergeht und wo wir stehen. Unser ganzes Leben wurde auf den Kopf gestellt.»

Verlust der Gemeinschaft

Die Solidarität nach dem Feuer sei gross gewesen, sagt Dana Goodyear. Es gab Kleider- und Essensspenden, und ihre Familie fand bald ein Mietshaus im nahegelegenen Malibu.

Als wir unserem Sohn unser abgebranntes Haus gezeigt hatten, sagte er, er wolle nie wieder dorthin zurück. Monate später war er wieder dort, um mit seinem Freund Samen zu pflanzen.
Autor: Dana Goodyear Autorin «The New Yorker»

Doch am schwersten wiege der Verlust der Gemeinschaft: «Unser Haus lag ganz in der Nähe des Einkaufsviertels in den Palisades, in einer sicheren Gegend. Die Kinder konnten zu Fuss Eis oder Pizza essen gehen. Sie hatten Freiheiten. Nach dem Feuer verliessen Freundinnen und Freunde mit ihren Familien die Stadt oder zogen in weit entfernte Stadtteile. Wir waren wirklich verloren.»

Wildblumensamen gegen die Leere

Dana Goodyear wusste, dass sie etwas tun musste. Sie erinnerte sich an Pflanzen, die nach Bränden schnell wieder wachsen, etwa Mohn oder Sonnenblumen. Gemeinsam mit ihren Kindern begann sie, sogenannte Samenbomben herzustellen: einheimische Wildblumensamen, gemischt mit Kompost und Tonerde, zu kleinen Kugeln geformt, die sie auf der verbrannten Erde verteilten.

Ihr Sohn sei zunächst skeptisch gewesen, doch das habe sich bald geändert: «Er bastelt diese Samenbomben inzwischen mit einem Freund und geht zurück in die Palisades. Als wir ihm unser abgebranntes Haus gezeigt hatten, sagte er, er wolle nie wieder dorthin zurück.» Monate später war er wieder dort, um mit seinem Freund Samen zu pflanzen. «Er begann zu erkennen, dass dieser Ort für ihn und für unsere Familie eine tiefe persönliche Bedeutung hat und das fühlte sich gut an.»

Inzwischen hat ihr Sohn über fünftausend dieser Samenbomben hergestellt und verteilt sie nicht nur an Menschen in den Palisades, sondern auch in Altadena, einem weiteren schwer von den Bränden getroffenen Ort nördlich von Los Angeles.

Altadena und die Gefahr der Verdrängung

Altadena war historisch eine wichtige Gemeinde für schwarze Familien, die dort Wohneigentum erwerben konnten, oft zu einer Zeit, als ihnen dies in anderen Teilen der Region verwehrt blieb. Anders als im wohlhabenden Pacific Palisades hatten viele Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer aber keinen oder nur einen ungenügenden Versicherungsschutz. Dies zieht nun Spekulanten an, die das Land billig kaufen, in der Absicht, es teuer weiterzuverkaufen.

Ziel ist es, nicht nur Infrastruktur wieder aufzubauen, sondern auch sicherzustellen, dass die betroffenen Menschen selbst über die Zukunft ihres Viertels entscheiden.
Autor: Doug Smith Inclusive Action

Doug Smith ist Mitautor einer Studie, in der dieses Phänomen untersucht wurde und sagt: «Nach solchen Katastrophen besteht ein enormes Risiko, dass Grundstücke, die einst dem Aufbau von Wohneigentum für Schwarze dienten, in die Hände von Investoren gelangen.» Doug Smith spricht von Katastrophenkapitalismus und warnt vor der Verdrängung von Familien, die seit Generationen in Altadena lebten. Mit seiner gemeinnützigen Organisation für wirtschaftliche Gerechtigkeit, «Inclusive Action», setzt sich Smith für gemeindeorientierte Wiederaufbaumassnahmen ein. Ziel sei es, nicht nur Infrastruktur wieder aufzubauen, sondern auch sicherzustellen, dass die betroffenen Menschen selbst über die Zukunft ihres Viertels entscheiden. Dazu berät seine Organisation Geschädigte, wie sie sich zusammenschliessen und organisieren können, um ihre Grundstücke zu behalten.

Angst auf den Baustellen

Noch ist kaum ein Haus wieder aufgebaut. Auf einzelnen Parzellen entstehen erste Holzrohbauten. Auf vielen Baustellen wird vorwiegend Spanisch gesprochen: Latinos stellen über die Hälfte der Beschäftigten im Bausektor in Kalifornien. Doch Razzien der Einwanderungsbehörde ICE hätten viele verunsichert und verängstigt, sagt Carlos Singer von der Handelskammer von Los Angeles: «Wir haben eine Umfrage unter unseren Mitgliedern durchgeführt, die einen breiten Querschnitt der Region Los Angeles abdecken. Viele berichten von Personalengpässen. Der Bausektor ist besonders stark davon betroffen.» Der Fachkräftemangel habe die Bautätigkeit verlangsamt.

Mann mit Brille sitzt an einem Tisch im Büro.
Legende: Carlos Singer von der Handelskammer Los Angeles kritisiert, dass Razzien der Einwanderungsbehörde ICE den Wiederaufbau in den betroffenen Vierteln verlangsamt haben. SRF/Barbara Colpi

Hinzu kämen gestiegene Kosten gewisser Baumaterialien, unter anderem wegen der Zollpolitik des Präsidenten: «All das geschieht in einer Zeit, in der wir Wohnraum in einem historisch schnellen Tempo bauen müssten», sagt Singer. «Die Waldbrände haben ganze Gemeinden zerstört, doch der Wohnraum war schon davor knapp.»

Ein langer Weg zurück

Und Dana Goodyear, plant auch sie auf ihrem Grundstück bald ein neues Haus zu bauen? Diese Frage werde ihr oft gestellt, aber sie müsse zuerst Antworten auf ganz andere Fragen finden, zum Beispiel auf gesundheitliche: «Es wurde so viel verbrannt, Autos, Häuser, alles. Wir wissen noch nicht, welche Giftstoffe freigesetzt wurden und welche Folgen das hat. Wir wissen es also noch nicht.»

Wir versuchen, den Verlust als Chance zu sehen und dass aus der Trauer auch etwas Schönes wachsen kann, selbst wenn die Situation nach wie vor schwierig ist.
Autor: Dana Goodyear Autorin «The New Yorker»

Die Wildblumen wachsen inzwischen auf ihrem Grundstück. Dana Goodyear freut sich nun erst einmal auf den Frühling, wenn alle blühen werden: «Wir versuchen, den Verlust als Chance zu sehen und dass aus der Trauer auch etwas Schönes wachsen kann, selbst wenn die Situation nach wie vor schwierig ist.»

Wildblumen als leises Zeichen der Hoffnung, während Dana Goodyear und Tausende andere in Los Angeles weiter mit Verlust, Trauma und Unsicherheit leben müssen. Der Wiederaufbau wird noch lange dauern.

Echo der Zeit, 13.01.2026, 18:00 Uhr; noes

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