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Untersuchung Nawalny: Gewehre statt Spurensuche
Aus 10 vor 10 vom 01.10.2020.
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Vergiftung von Alexej Nawalny Tatort Tomsk: Wachen vor Nawalnys Hotelzimmer

Knapp sechs Wochen nach der Vergiftung von Alexej Nawalny deutet alles darauf hin, dass er im sibirischen Tomsk im Hotel vergiftet worden ist. SRF gelingt es in jenem Hotelzimmer Aufnahmen zu machen, in dem Nawalny übernachtete und in dem er vergiftet worden ist. Gegenüber Medien gibt die Hoteldirektion keinen Kommentar.

Erstes Interview nach Vergiftung

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Zum ersten Mal hat sich Alexej Nawalny nach seiner Vergiftung in einem Interview geäussert. Er schildert gegenüber dem «Spiegel», die Wirkung des Nervengiftes: «Du fühlst keinen Schmerz, aber du weisst, du stirbst. Und zwar jetzt sofort.»

Dass Nawalny den Giftangriff überlebt hat, ist einer Verkettung von Zufällen und dem Engagement seines Umfelds und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel zu verdanken.

Für Nawalny steht ausser Frage, wer hinter dem Angriff steckt: «Ich behaupte, dass hinter der Tat Putin steht. Andere Versionen des Tathergangs habe ich nicht.» Diese Aussage Nawalnys im Interview mit dem «Spiegel» hat der Sprecher des Kremls als Beleidigung gegenüber Wladimir Putin bezeichnet. Unter anderem deswegen wolle man sich nicht dazu äussern.

Die Wirkung des Nervengiftes setzte nicht im Hotel ein, sondern während des Rückflugs nach Moskau. Als Nawalny nach Notlandung des Flugzeugs ins Krankenhaus gebracht wurde, informierte seine Pressesprecherin die Mitarbeiter, die noch im Hotel waren. Diese riefen den Anwalt Anton Timofejew zu Hilfe und gemeinsam sicherten sie Beweismaterial im Hotelzimmer Nawalnys, dass zu diesem Zeitpunkt noch nicht gereinigt worden war.

Wir haben nicht einen Augenblick nachgedacht, in welcher Gefahr wir uns befanden.
Autor: Anton TimofejewMitarbeiter von Nawalny

Wachen vor dem Hotelzimmer

Im Interview mit SRF schildert Anton Timofejew, wie sie die Wasserflaschen im Zimmer von Nawalny gesammelt hätten: «Wir haben nicht einen Augenblick darüber nachgedacht, in welcher Gefahr wir uns befanden. Keine Sekunde.» Experten eines deutschen Labors fanden später an einer der Wasserflaschen Spuren eines russischen Nervengiftes. Hätten die Mitarbeiter die Flaschen im Zimmer nicht eingepackt, hätte man den Nervenkampfstoff «Nowitschok» nicht nachweisen können.

Was der Anwalt im Hotel miterlebte, liess ihn an einer unabhängigen Untersuchung zweifeln: «Später stellten sich Männer von der Sondereinheit ‹Rosgwardja› vor die Türe. Nicht Mitarbeiter der Spurenfahndung, die es in einem solchen Fall bräuchte. Sondern Männer mit Sturmgewehren, die man zur Bewachung des Zimmers vor Ort berief und die niemanden mehr ins Zimmer liessen.»

Teilerfolg für die Opposition

Überhaupt nach Tomsk gereist war Nawalny für eine Recherche über Korruption unter den Stadtbehörden und um seine Mitarbeiter im Wahlkampf zu unterstützen. Darunter die 28-jährige Ksenia Fadejewa. Die Wahlen des Stadtparlaments fanden knapp drei Wochen nach der Vergiftung statt.

Ksenia Fadejewa gewann gegen Putins Partei «Einiges Russland»: «Geändert hat sich nach der Vergiftung, dass viele sich unser Video über die Korruption in Tomsk angesehen haben und von uns gehört haben. Das zeigt sich auch an den Wahlresultaten.», erzählt die Tomskerin eine Woche nach ihrem Sieg.

Das Stadtparlament von Tomsk wurde zum ersten Parlament in Russland, in dem sich Mitarbeiter von Nawalny einen Sitz sichern konnten. Der grösste Sieg der Opposition liegt in der neuen Mehrheit im Parlament. 32 von 37 Sitzen kamen vor den Wahlen auf die Partei «Einiges Russland». Seit Mitte September hat Putins Partei noch 11 Sitze.

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Aus dem Archiv: Vergiftung bei Nawalny bestätigt
Aus 10 vor 10 vom 02.09.2020.
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Absoluter Machtanspruch

Auch 3000 Kilometer von Moskau entfernt wird Konkurrenz nur auf dem Papier geduldet. Der Kreml will die Kontrolle von ganz unten bis oben im Staat. Das zeigt sich auch bei der laufenden Untersuchung zur Vergiftung. Offiziell liegt die Untersuchung bei einer lokalen Polizeistation, die sich üblicherweise mit kleinen Verbrechen wie Gepäckdiebstahl beschäftigt.

Das wirft Fragen auf bei Ksenja Fadejewa: «Als die junge Frau der Transportpolizei die Befragung durchführte, habe ich sie gefragt: Weswegen liegt der Fall bei Ihnen – das gehört doch nicht in Ihren Zuständigkeitsbereich? Sie sagte, sie wisse es nicht – ein hoher Vorgesetzter habe ihr den Fall übergeben.»

Gegenüber SRF lehnen die Behörden in Tomsk Interviews ab. Vor Ort verstärkt sich der Eindruck, dass man im Kreml nicht wirklich an einer Aufklärung des Falles interessiert ist.

10vor10, 01.10.2020, 21:50 Uhr

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14 Kommentare

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  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Es wurden schon viele Kremelkritiker "sauber" beseitigt ohne dass die Presse auch nur gezuckt oder es uns gekümmert hätte. Russland kann das. Und dafür muss u.a. Putin gerade stehen.
    Was mir nicht in den Kopf will, warum Russen die scheinbar unaufklärbaren Novitschokangriffe befehlen sollten, die ihnen mit Ungereimt- und Unaufklärbarkeit überlange Medienpräsenz und damit den größtmöglichen Image-Schaden zufügen, den sie mit den üblichen Alternativen nicht hätten? Macht das Sinn?
  • Kommentar von Willi Fetzer  (wi)
    BRD und weitere veründete westliche Länder der " Guten "hatten ja von ganz zu Anfang an gewusst, dass es mal wieder die bösen Russen sind! Und immer wieder fordern sie RU auf in Untersuchung tätig zu werden. GLEICHZEITIG verbergen und verstecken sie elementare Beweise und berauben sie so RU wichtiger Beweise und blockieren noch Zusammenarbeitsanfragen! Wie ist dann das bitte zu verstehen?
    1. Antwort von Reto Derungs  (rede)
      Ja, für den interessierten Beobachter ist es nur schwer nachvollziehbar, dass das Ende August von Russland an Deutschland gesendete Rechtshilfegesuch bis heute nicht beantwortet wurde. Es waren ja die Russen, die Nawalny ausreisen liessen und auch sämtliche Daten aus dem Krankenhaus an die Charité in Berlin übermittelten. Der Datenverkehr Russland-Deutschland funktioniert also. Aber umgekehrt?
    2. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @rede: Zum X-ten mal verweise ich Sie auf den Artikel 140 der russischen StPO in welcher der Ablauf ueber Rechtshilfegesuchen zwischen RU und DE ausfuehrlich und detailiert erwaehnt ist. Beide Staaten haben dieses zwischenstaatliche Abkommen unterzeichnet. Sie jedoch versuchen, ohne sich um die ratifizierten Tatsachen DE eine Schuldzuweisung gegenueber DE zu suggerieren. Zudem blockiert ja RU moeglicherweise auch Beweise, in dem RU die Privatkleider von Nawalny nicht herausgibt.
    3. Antwort von Reto Derungs  (rede)
      @Hans Peter Auer: Na ja, und zum widerholten Male mache ich Sie darauf aufmerksam, dass sich der von ihnen erwähnte Artikel auf Rechtshilfe innerhalb von Russland bezieht. Hier haben wir es aber mit einem internationalen Rechtshilfegesuch zu tun und somit greift der von Ihnen erwähnte Artikel nicht. Zudem hat gemäss der Tagesschau des ARD vom 11.09. Deutschland versprochen, dem Rechtshilfegesuch zu entsprechen. Leider ist das aber bis heute nicht geschehen. Seltsam, nicht?
    4. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @rede: Nein, der Artikel 140 ff der russischen StPO behandelt nicht nur die Rechtshilfegesuche innerhalb Russlands, sondern auch ALLE mit Russland und von Russland unterzeichnete zwischenstaatliche Abkommen und nicht nur mit DE. Ihre Aussage auf den Artikel 140 bezogen ist absolut falsch und entspricht nicht der Wahrheit. Dies wuerden Sie selbst erkennen, wenn Sie diesen einmal ganz durchlesen wuerden.
    5. Antwort von Reto Derungs  (rede)
      @Hans Peter Auer: Gerne verweise ich Sie auf die Seite des Bundeamtes für Justiz von Deutschland. Da wird die Rechtsgrundlage für Rechtshilfegesuche aus Russland aufgeführt. Und da kann nachgelesen werden, dass die rechtliche Grundlage das Haager Zustellungsübereinkommen, das Haager Zivilprozessübereinkommen und das Europäisches Rechtsauskunftsübereinkommen sind. Die Strafprozessordnung Russlands gilt nur innerhalb Russlands. Aber natürlich werden Sie mir das nicht glauben, nur ist es so.....
    6. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @rede: All diese Abkommen bspw. Budapester Memorandum, Helsinki Akte, Wiener Ubereinkommen usw. ) haben und unterliegen keinem "zwingenden "Charakter. Dies ist einzeln nachzulesen auf wikipedia.
  • Kommentar von Hans Peter Auer  (Ural620)
    Mich wuerde in erster Linie interessieren, weshalb die russische Untersuchungs- und Ermittlungskommission, die von Nawalny am Tag der angeblichen Vergiftung getragenen Privatkleider nicht an den Eigentuemer zurueckgeben werden und diese konfisziert halten?