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Grosse Wirtschaftskrise in Südamerika
Aus Rendez-vous vom 15.01.2021.
abspielen. Laufzeit 04:22 Minuten.
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«Verlorene Dekade» Südamerika erleidet grössten Wirtschaftsabschwung seit 120 Jahren

Südamerikas Wirtschaftsleistung ist 2020 um 7.3 Prozent zurückgegangen. Nach Angaben der UNO-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (Cepal) liegen die Ursachen der Wirtschaftskrise vor allem in den Folgen der Corona-Pandemie.

Südamerika sei unter den Regionen der Entwicklungs- und Schwellenländer am schlimmsten von den Folgen der Pandemie betroffen. Cepal spricht von «einer verlorenen Dekade für den Kontinent».

Millionen Menschen neu in Armut

Am schwerwiegendsten ist, dass es Millionen neue Arme geben wird, und das wird langfristige wirtschaftliche Folgen haben. Letztes Jahr sind über 45 Millionen Menschen neu in die Armut gerutscht.

Diese Menschen werden weniger produktive Arbeit verrichten, Kinder werden die Schule verlassen müssen, um zu arbeiten. Das wird zu grösserer politischer Instabilität führen. Zugleich bewirkt diese Krise höhere Staatsausgaben und zusätzliche Schulden.

Was bedeutet das für die soziale Ungleichheit?

Die zwei verschiedenen Phänomene Armut und Ungleichheit hängen zusammen. Südamerika gehört zu den Weltregionen mit der grössten Ungleichheit in der Einkommensverteilung.

Die Wirtschaftskrise wird diese grossen sozialen Unterschiede fördern. Aber die Krise bietet auch die Chance, versäumte Reformen nachzuholen oder solche mindestens zu fordern.

In vielen Ländern ist beispielsweise das Steuersystem regressiv. Reiche zahlen prozentual weniger als Arme, und es ist schon lange versucht worden, das zu ändern. Aber die reiche Elite hat bisher meistens solche Reformen vereitelt.

Es gibt wenig Grund zu Optimismus, dass sich das ändern könnte. Doch möglicherweise wächst angesichts einer tiefen Krise und der raschen Zunahme der Armut der politische Druck für einen Wandel.

Viele Verlierer, ein Gewinner

Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass das durchschnittliche Bruttoinlandprodukt und der Stand der Armut wegen Coroona auf das Niveau von 1990 sinken wird.

Südamerika wird also in der Entwicklung 30 Jahre zurückgeworfen. Diese schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden durch die nun anrollende zweite Corona-Welle verschärft.

Der Zerfall der Rohstoffpreise, die Tourismusflaute und auch die Stagnation der Wirtschaft der USA und der EU werden sich tragisch auswirken. Die grösste Nachfrage nach Produkten aus Südamerika kommt derzeit von China. Diese Beziehung wird sich jetzt intensivieren.

Die Pandemie zerschlägt also nicht nur die Wirtschaft Südamerikas. Es zeichnet sich auch eine geopolitische Verschiebung an.

David Karasek

David Karasek

Südamerika-Korrespondent, SRF

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David Karasek ist seit Anfang 2021 Südamerika-Korrespondent von SRF. Von 2015 bis 2018 lebte und arbeitete er als freier Journalist in Kolumbien und berichtete aus verschiedenen Ländern wie Ecuador, Venezuela oder Kuba für mehrere Medienunternehmen – unter anderem für SRF, die «Neue Zürcher Zeitung» und den «Tages-Anzeiger». Danach war er als Produzent und Redaktor bei SRF 4 News tätig. Karasek studierte in Bogotá an der Universität Javeriana Politologie.

Rendez-vous vom 15.01.2021, 12:30

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Valentin Haller  (Projektionsfläche)
    Die bittere Ironie ist hier, dass der Westen überhaupt erst den Nährboden für diese Misere geschaffen hat. In der Nachkriegszeit entwickelten sich die Länder Lateinamerikas dank einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik zunächst prächtig, wurden dann aber vom Westen mit klandestin unterstützten Staatsstreichen, militärischen Interventionen und Programmen zur Strukturanpassung destabilisiert. Der oktroyierte Neoliberalismus verhinderte starke Staaten, nun sehen wir ein weiteres Resultat.
    1. Antwort von Karl Frank  (Europäer)
      nicht der Westen ruiniert Lateinamerika. Nach dem spanischen, portugiesischen, französischen Imperialismus Lateinamerika wird von amerikanischen Imperialismus plattgemacht. Und in Venezuela, Kuba oder Allendes Chille ist nicht wegen Sozialismus oder Kommunismus schlecht gegangen, sondern wegen Sanktionen der USA. Aber immerhin Kuba ist einziges Land in Südamerika, wo kein Analphabetismus herrscht.
    2. Antwort von Valentin Haller  (Projektionsfläche)
      Danke für die Ergänzung, Herr Frank. Mit dem „Westen“ waren die ehemaligen Kolonialmächte gemeint, die als Erste den Kontinent ausbeuteten, und in der jüngeren Vergangenheit die USA und die von ihnen quasi dominierten Weltorganisationen, insbesondere Weltbank und IWF.
  • Kommentar von Jürg Sand  (Jürg Sand)
    Weswegen?! Diese Frage lastest auf unseren „Helden“ der Politik. Lasten ist zugegebener Massen ein unpassend melodramatischer Ausdruck, wird wohl kaum einen der Damen und Herren kratzen.
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Weswegen? Weil in Lateinamerika jedes Land für sich allein Kämpft und die Länder von US-Unternehmen ausgebeutet werden.
  • Kommentar von Rico Rieder  (Rico Rieder)
    Die grosse Frage bleibt: hat das Feuer (Virus) mehr zerstört oder das Löschwasser (coronamassnahmen).
    1. Antwort von Valentin Haller  (Projektionsfläche)
      Die Analogie ist gut, aber die Fragestellung zwecklos. Denn wäre die Feuerwehr nicht ausgerückt, hätte sich der Flächenbrand ziemlich sicher zum unkontrollierbaren Feuersturm entwickelt.

      Man kann sehr wohl darüber streiten, welches und wieviel Löschwasser benötigt wird, das ist legitim. Aber man darf nicht darüber streiten, dass überhaupt gelöscht werden muss, das wäre unmoralisch.

      Insofern: Ohne Feuer kein Löschwasser. Und: Bei unklarem Brandherd sicherheitshalber grosszügig löschen.