Zum Inhalt springen

Header

Audio
«Pizzagate is real»: QAnon verbreitet sich in den USA
Aus Echo der Zeit vom 26.08.2020.
abspielen. Laufzeit 04:47 Minuten.
Inhalt

Verschwörungstheorien im Netz QAnon: Trump und die Erlösung von Satans Weltenlenkern

Bis zu 20 Millionen Amerikaner glauben, dass eine geheime Elite dem Teufel Kinder opfert – und sucht nach Beweisen.

In einer Pizzeria in Washington D.C. verhaftet die Polizei Anfang Dezember 2016 einen schwer bewaffneten Mann. Er ist überzeugt, dass im Keller der Pizzeria Hillary Clinton und Verbündete einen Pädophilen-Ring betreiben.

Denn solches behaupten ultrarechte Internetseiten unter dem Titel «Pizzagate» wochenlang während des letzten Wahlkampfs. Doch in besagter Pizzeria gibt es weder einen Keller noch misshandelte Kinder.

Kryptische Hinweise in Internetforen

Trotzdem verschwindet die Wahnvorstellung, dass eine satanistische Clique Kinder misshandelt und die Welt beherrscht, nicht: Auf dem Internetforum «4chan» erscheinen im Oktober 2017 wieder entsprechende Botschaften – anonym platziert unter dem Pseudonym «QAnon» – oder Q-Anonymous.

Wer dahinterstecke sei nicht bekannt, sagt Politologie-Professor Joseph Uscinski, Autor des Buches «American Conspiracy Theories». Q, der behauptet, ein hochrangiges Mitglied des militärischen Geheimdienstes zu sein, platziert in Internetforen kryptische Hinweise und Informationsschnipsel.

Q-Anhänger bei Trump-Veranstaltung
Legende: Qs Anhängerinnen und -Anhänger sind überzeugt, dass US-Präsident Trump diese satanistische Clique hinter den Kulissen bekämpft und die Welt schliesslich von ihr befreien wird. Keystone

QAnon-Anhängerin Marjorie Taylor Greene erklärt in einem Youtube-Video: Q stelle vor allem Fragen, sie recherchiere dann, um diese zu beantworten und damit könne sie Ereignisse voraussagen. Bei QAnon arbeitet die Anhängerschaft also quasi mit bei der Aufdeckung der sogenannten Verschwörung.

Damit werde den Anhängerinnen und -Anhängern das Gefühl vermittelt, Teil einer Gruppe von Eingeweihten zu sein, sagt Professor Uscinski: «QAnon ist eine neue Form eines Online-Kults, der durchaus auch religiöse Elemente enthält.»

QAnon-Anhängerin.
Legende: «Rettet die Kinder»: Die Q-Bewegung hat vor allem in den USA Millionen von Anhängerinnen und Anhänger. Keystone

Viele von Q's Prophezeiungen erwiesen sich zwar als falsch. Doch die QAnon-Anhänger kümmere dies wenig, sagt Uscinski. Denn sie glaubten, Q lege ab und zu absichtlich falsche Fährten, um den Gegner abzulenken. Das immunisiere die Anhängerschaft gegenüber den eigenen Widersprüchen, sagt der Experte für Verschwörungstheorien.

In Europa weniger verbreitet – aber auf dem Vormarsch

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Die USA waren schon immer empfänglich für Verschwörungstheorien. Doch wie fruchtbar ist der Boden für diese Gedanken auf unserer Seite des Atlantiks? Gesicherte Zahlen dazu gebe es nicht, sagt Michael Butter, Professor für amerikanische Literatur und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen.

Klar sei: Im Zuge der Corona-Krise habe QAnon auch in Europa Anhänger dazugewonnen. Dennoch sei die Zahl derjenigen, die sich offen zu dem Gedankengut bekennen, überschaubar: «In den meisten europäischen Ländern sind Verschwörungstheorien generell deutlich weniger verbreitet als in den USA», sagt Butter, der sich wissenschaftlich mit Verschwörungstheorien beschäftigt. Gleichzeitig würden ihnen auch Politiker und Menschen in Führungspositionen weniger zuneigen als in den USA.

Befeuert werden die Verschwörungstheorien aber von der Corona-Pandemie. Kein Zufall, sagt Butter: «Sie bieten Orientierung, insbesondere in Zeiten der Unsicherheit. Und welche Zeit ist unsicherer als diese?» Während Wissenschaft und Politik ihre Positionen fortwährend der sich wandelnden Realität anpassen müssten, würden Verschwörungstheoretiker klare Antworten liefern: «Sie wissen immer, wohin alles führt und wer dahintersteckt. Das mag eine grausige Gewissheit sein, weil es um ein grosses Komplett geht – aber sie bietet Sicherheit.»

Der Glaube an Q's Unfehlbarkeit stehe am Anfang, so Uscinski. Danach suchten die Anhänger sogenannte Beweise. So ist zum Beispiel eine E-Mail, in der eine Clinton-Vertraute ironisch von einem Hühneropfer im Hinterhof schreibt, für QAnon-Anhängerin Marjorie Taylor Greene der klare Beweis, dass die politische Elite Teufelsanbetung betreibe.

Dass es sich bei ihr um eine republikanische Kandidatin handelt, die im November aller Voraussicht nach ins Repräsentantenhaus gewählt werden wird, sorgte in den USA für einiges Aufsehen.

Wahlwerbespot von Greene: Botschaft an die «Antifa-Terroristen»

Aber auch, dass sich Präsident Trump positiv über Greene und über QAnon äusserte: «Ich weiss nicht viel über die Bewegung, abgesehen davon, dass sie mich sehr mögen. Wie ich höre, lieben diese Leute unser Land.»

Trump sieht potenzielle Wähler

Die häufig geäusserte Befürchtung, dass die Republikanische Partei zunehmend von QAnon unterwandert werde, teilt Politologie-Professor Uscinski aber nicht. «Trump erkennt in der Anhängerschaft von QAnon potenzielle Wählerinnen und Wähler, die bisher den Urnen fernblieben.»

Und dieses Wählerpotenzial ist beachtlich: In den Befragungen, die Uscinski seit zwei Jahren regelmässig durchführt, bekennen sich 5 bis 6 Prozent der US-Bevölkerung zu QAnon. Das sind zwischen 15 und 20 Millionen Menschen.

Echo der Zeit vom 26.08.2020, 18 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

105 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Thomas F. Koch  (dopp.ex)
    Die Frage, mit der sich unsere moderne Gesellschaft auseinandersetzen muss, ist bis wann ist etwas eine Meinung, ab wann nicht mehr? Gelten klar bewiesene Fakten zu Leugnen noch als Meinung?
    Die Grenze zwischen Meinung und Beleidigung, Verleumdung bis Hetze gegen einzelne Personen und ganzer ethnischer, politischer, religiöser und sonstiger Gemeinschaften ist noch viel verschwommener.

    Die Diskussion wurde im Rahmen des Rassismusgesetzt begonnen, ist aber noch lange nicht abgeschlossen.
  • Kommentar von Daniel Keller  (d.keller)
    Der Ursprung dieser Bewegung gründet sicher in der Nähe des zu bekämpfenden deep state, und irgendwo ist in jeder Verschwörungstheorie ein Körnchen Wahrheit.
  • Kommentar von Max Wyss  (Pdfguru)
    In Social Media wird QAnon als die "amerikanische Version von ISIS" tituliert.

    hmm… könnte irgendwie passen.