Zum Inhalt springen
Inhalt

Vorgetäuschter Mordanschlag Heftige Kritik – nicht nur aus Russland

Alle freuen sich, dass der kremlkritische Journalist Arkadi Babtschenko noch lebt. In die Freude mischt sich aber auch Wut.

Legende: Audio Vertrauen in die Journalistengilde untergraben abspielen. Laufzeit 01:08 Minuten.
01:08 min, aus SRF 4 News aktuell vom 31.05.2018.

Der russische Investigativ-Journalist Andrei Soldatov schreibt, Babtschenko haben mit seinem Verhalten die Glaubwürdigkeit von Journalisten beschädigt. Im Zeitalter von Fake News sei Vertrauen die wichtigste Währung für Medienschaffende.

Vorgetäuschter Mordanschlag

Vorgetäuschter Mordanschlag

In der Nacht auf Mittwoch machte die Meldung die Runde, der kremlkritische Investigativ-Journalist Arkadi Babtschenko sei vor seiner Wohnung in Kiew erschossen worden. Am Abend dann trat Babtschenko vor den Medien auf. Er sagte, der ukrainische Geheimdienst habe mit der Täuschungsaktion ein russisches Mordkomplott gegen ihn aufgedeckt. Der angeheuerte Auftragsmörder sei verhaftet worden, hiess es von den ukrainischen Behörden.

«Das ist ein Terroranschlag auf die Gemeinschaft von Journalisten in Russland und in der Ukraine», schrieb Babtschenkos Freund, der Investigativreporter Pawel Kanygin von der Moskauer «Nowaja Gaseta». Dann die Erleichterung: «Er lebt, das ist das Wichtigste! Und abends kriegt er eins hinter die Löffel, weil mir die letzten Haare ausgegangen sind.»

Lügen ist besser als morden

Die oppositionelle Moskauer Zeitung, für die Babtschenko eine Weile gearbeitet hat, hält es ausserdem für plausibel, dass auf Babtschenko echte Mörder angesetzt waren. Um die Gefahr abzuwenden, hätten die Ukrainer eben gelogen, schreibt das Blatt jetzt. Ausserdem sei lügen immer noch besser als morden.

Eine Provokation gegen die ganze Journalistenzunft.
Autor: Pawel GussewChefredaktor der russischen Zeitung «Moskowski Komsomolez».

Der Journalist Ilya Azar findet, die Lügengeschichte aus Kiew sei jenseits von Gut und Böse. In Journalistenkreisen werde gerade diskutiert, Babtschenko eine Tracht Prügel zu verpassen, schreibt Azar.

Babtschenko neben einem Mann in Uniform und einem im Anzug.
Legende: Babtschenko lebt: Auftritt vor den Medien mit einem Vertreter des Geheimdienstes und einem Vertreter der Staatsanwaltschaft. Keystone

Der Chefredaktor der russischen Zeitung «Moskowski Komsomolez», Pawel Gussew, schreibt, der vorgetäuschte Mordanschlag sei «nicht nur eine Provokation gegen Russland. Das ist auch eine Provokation Babtschenkos gegen die ganze Journalistenzunft».

Tatsächlich könnte sich der inszenierte Mord als Eigentor erweisen. Seit Jahren beklagen kritische russische Medien, der Kreml manipuliere die Wahrheit. Auch die Ukraine prangert regelmässig die Fake News aus der russischen Propaganda-Küche an. Jetzt hat Kiew selber gelogen.

Fakenews, Propaganda – was soll man noch glauben?

So regten sich offizielle Vertreter Moskaus zunächst zwar über die Anschuldigungen aus Kiew auf. Und dann darüber, dermassen reingelegt worden zu sein. Doch sie erkannten schnell die Möglichkeit, auch andere unangenehme Vorwürfe als unglaubwürdig abzutun – wie etwa bei dem in Grossbritannien vergifteten Ex-Agenten Sergej Skripal.

Die Kiewer Inszenierung sei «eine dreckige und zynische Provokation im Stil des Falls Skripal», sagte denn auch der Dumaabgeordnete Leonid Sluzki. Er bedauere, dass ein russischer Staatsbürger Teil eines solch ungeheuerlichen Spektakels geworden sei.

Scharfe Kritik auch von deutschen Journalisten

Und auch aus dem Westen gibt es Kritik aus der Journalisten-Gilde: «Es ist gefährlich, in einer Welt zu leben, wo die Behörden, wo die Politik die Bürger und die Öffentlichkeit dreist belügen», sagte der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbands DJV, Frank Überall, der Nachrichtenagentur DPA. «In dem Moment, wo wir unseren Regierungsvertretern nicht mehr trauen können, wird es für eine Demokratie sehr gefährlich.»

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

24 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.