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Svetlana Tichanowskaja tritt gegen Lukaschenko an
Aus Echo der Zeit vom 31.07.2020.
abspielen. Laufzeit 09:46 Minuten.
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Wahlen in Weissrussland Drei Frauen gegen einen Diktator

Ein Trio will Langzeitherrscher Lukaschenko stürzen. Und sich dann zurückziehen, um der Demokratie den Weg zu ebnen.

Ein Moderator kündigt die Präsidentschaftskandidatin Svetlana Tichanowskaja an. «Sveta, Sveta!» ruft die Menge in einem Youtube-Video, das weissrussische Oppositionelle veröffentlicht haben. Sveta ist der Kosename für Svetlana.

Der Platz in der Provinzstadt Mogiljow ist voller Menschen – wie überall, wo die 37-jährige Tichanowskaja derzeit auftritt. Sie, eine zurückhaltende, fast schüchterne Frau, die plötzlich im Rampenlicht steht. «Danke, dass Ihr heute gekommen seid», sagt Tichanowskaja zur Menge. «Wir wollen Veränderungen – und ich bin froh, dass Ihr das auch wollt.»

Mit «wir» sind noch zwei andere Frauen gemeint, die neben Tichanowskaja auf der kleinen Bühne stehen: Veronika Zepkalo und Maria Kolesnikowa. Die drei sind zu einem Symbol geworden für den Kampf gegen Staatschef Alexander Lukaschenko.

Sie treten zusammen in Interviews auf und haben ein gemeinsames Ziel: am 9. August den Langzeitherrscher Lukaschenko zu besiegen. Und sie haben in gewisser Weise ein ähnliches Schicksal: Sie tun, was sie tun, weil die Männer es nicht können.

Frauentrio will Lukaschenko stürzen

Frauentrio will Lukaschenko stürzen

Der Mann von Svetlana Tichanowskaja (Bildmitte), Sergej, sitzt in Haft. Er wollte für die Präsidentschaft kandidieren genauso wie der der Mann von Veronika Zepkalo (links), Valeri. Dieser musste nach Russland flüchten. Und Maria Kolesnikowa (rechts) war die Wahlkampfmanagerin von Wiktor Babaryko. Auch er sitzt in Haft.

Tichanowskaja liess sich als Kandidatin registrieren, nachdem ihr Mann festgenommen wurde. Die beiden anderen Frauen unterstützen sie seither. Was besonders ist: Die Kandidatin will gar nicht selber an die Macht, wie sie an einer Wahlkampfveranstaltung erklärte: «Wenn wir gewinnen, befreien wir die politischen Gefangenen – und unsere Männer werden wieder mit uns sein. Vor allem aber werde ich als Präsidentin faire und demokratische Neuwahlen durchführen.»

Ein politisches Programm im eigentlichen Sinn hat Tichanowskaja nicht. Nur sechs Monate will sie im Amt bleiben – und dann einem demokratisch gewählten Nachfolger, einer demokratisch gewählten Nachfolgerin Platz machen.

Es hat etwas Heldinnenhaftes, was die 37-jährige Frau für diese Mission auf sich nimmt. «Mein Mann sitzt im Gefängnis und ich habe Drohungen bekommen, auch gegen meine Kinder, weswegen ich sie ins Ausland habe bringen lassen. Mein 10-jähriger Sohn hat mir eine SMS geschickt: ‹Mama›, schreibt er, ‹ich habe Angst um dich.›»

Gemäss unserer Verfassung hat der Präsident sehr viel Macht. Deswegen muss ein richtiger Mann das Amt innehaben – nicht eine Frau, die bloss nett lächelt.
Autor: Alexander LukaschenkoStaatschef von Weissrussland

Tichanowskaja ist keine Politikerin. Sie würde lieber zu Hause am Herd stehen und für die Familie kochen, erklärte sie mal. Für Lukaschenko ist sie dennoch eine Gefahr. Der autoritär herrschende Präsident hat ohnehin ein Popularitätsproblem: Viele Menschen leiden unter der schlechten Wirtschaftslage – und der paternalistische Stil Lukaschenkos, der an einen sowjetischen Fabrikdirektor erinnert, wirkt wie aus der Zeit gefallen.

Anhänger von Tichanowskaja in Minsk, 30.07.2020
Legende: In Weissrussland geschieht in diesen Tagen bemerkenswertes. Am Donnerstag haben in der Hauptstadt Minsk Zehntausende demonstriert – in einem Land, das als letzte Diktatur Europas gilt. Keystone

Gegen Tichanowskaja ist ihm bisher kein Argument eingefallen – ausser dieses: «Die Weissrussen werden keine Frau wählen. Gemäss unserer Verfassung hat der Präsident sehr viel Macht. Deswegen muss ein richtiger Mann das Amt innehaben – nicht eine Frau, die bloss nett lächelt.»

Hemmungsloser Machismus also vom Staatschef. Wobei man auch sagen muss: ein feministisches Projekt ist Tichanowskajas Kandidatur nicht. Sie ist vielmehr Ersatz für ihren Mann – und will, wenn der aus dem Gefängnis kommt, in den Hintergrund treten.

Prognosen kaum möglich

Wie die Wahl ausgeht, ist schwer vorherzusagen. Vertrauenswürdige Meinungsumfragen gibt es nicht. Lukaschenko kontrolliert die Wahlkommissionen, deswegen ist mit weitreichenden Fälschungen zu rechnen. Tichanowskaja und ihre Mitstreiterinnen setzen auf einen Drei-Punkte-Plan: Hohe Wahlbeteiligung, möglichst viele Wahlbeobachter und wenn nötig Strassenproteste.

Es könnte ein langer Kampf werden. An Tichanowskajas Veranstaltungen singen sie in diesen Tagen häufig ein Protestlied: «Sprengt die Fesseln, zerbrecht die Peitsche und die Mauern werden fallen», heisst es darin.

Das Lied stammt ursprünglich aus Polen. Dort mussten die Aktivsten der Solidarność-Bewegung diese Melodie viele Jahre lang immer und immer wieder anstimmen, bis das kommunistische Regime endlich fiel.

Echo der Zeit, 31.07.2020, 18:00 Uhr

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
    Interessantes Frauentrio, dessen politische Verbindungen über die Männer, insbesonder Babaryko/Zepkalo aber durchaus ein wenig kritischer dargestellt werden sollten. Das Wohl des Volkes als Ziel, oder nicht nur die Macht? Ob da nicht der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben werden soll?
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  • Kommentar von Ed Jacobs  (Anti-Mainstream)
    „...um der Demokratie den Weg zu öffnen“?Dieser Artikel erinnert mich an die Berichterstattung über die Ukraine. Über die Ukraine wurde von den Medien der vom Westen eingesetzte Präsident und Oligarch Poroshenko verherrlicht. Der neue Präsident Selenski wurde als Hoffnungsträger betitelt. Dabei ist die Ukraine seit dem Staatsstreich von 2014 wirtschaftlich noch mehr abgestürzt. Die Bevölkerung verarmt. Korruption noch schlimmer. Das selbe droht Weissrussland auch.
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  • Kommentar von Fabian Sarbach  (F. Sarbach)
    Ich weiss ehrlich gesagt wenig über Weissrussland, aber diese moralisierende schwarz weiss Darstellung macht mich misstrauisch. Wie sagte Egon Bahr so schön: "In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt."
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