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Heimwege von mehreren Hundert Kilometern zu Fuss
Aus HeuteMorgen vom 30.03.2020.
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Wanderarbeiter in Indien «Die Ausgangssperre hat Zehntausende auf die Strassen getrieben»

Wegen der Corona-Krise herrscht in Indien eine Ausgangssperre. Diese wird von den 1.3 Milliarden Inderinnen und Indern eigentlich gut eingehalten. Die Millionen Wanderarbeiter können aber schlecht zu Hause bleiben. Sie arbeiten nur in den grossen Städten, leben aber fernab in ländlichen Gebieten.

Nun haben sie keine Arbeit mehr. Weil keine Züge mehr fahren, machen sich viele nun zu Fuss auf den Heimweg. Dabei macht ihnen der Hunger grössere Sorgen als das Coronavirus, schildert Südasien-Korrespondent Thomas Gutersohn.

Thomas Gutersohn

Thomas Gutersohn

Indien- und Südasien-Korrespondent, SRF

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Thomas Gutersohn lebt seit 2016 im indischen Mumbai und berichtet für SRF aus Indien und Südasien. Gutersohn hat in Genf Internationale Beziehungen studiert.

SRF News: Was sind das für Menschen, die sich nun auf den langen Heimweg machen?

Thomas Gutersohn: Es sind Eltern, die ihre Kinder auf den Schultern tragen; ältere Leute, die ihre Habseligkeiten in einem Bündel auf den Rücken gepackt haben; und es sind viele junge Männer und Frauen, die gar nichts tragen, weil sie schlicht und einfach nichts besitzen.

Die Löhne der Wanderarbeiter sind so niedrig, dass es am Abend für eine Mahlzeit reicht.

Sie gehen nun mehrere hundert Kilometer auf den grossen Autobahnen zu Fuss aus den Städten wie Neu-Delhi, Kalkutta und Lakhnau zurück in ihre Heimatdörfer. Weil die Menschen aus so vielen Städten fliehen, ist es schwierig, eine Zahl zu nennen. Aber die Bilder sprechen für sich: Die Autobahnstreifen sind voll.

Das heisst: Essen, Trinken und medizinische Versorgung fehlen?

Ja. Ab und zu kommen Hilfswerke vorbei, die ihnen einen Teller Reis geben, aber ansonsten sind sie auf sich alleine gestellt. Sie haben ihre Rückreise ja aus Hunger angetreten. Die Städte sind schlicht zu teuer für sie. Etwas zu essen gibt es nur, wenn sie arbeiten – ihre Löhne sind so niedrig, dass es am Abend für eine Mahlzeit reicht. Und die Ersparnisse sind nach den ersten Tagen der Ausgangssperre aufgebraucht. Auf dem Land haben sie ihre Eltern oder Grosseltern, die vielleicht einen Bauernbetrieb haben und zu ihnen schauen können.

Konnte man so etwas nicht voraussehen?

Doch. In Mumbai wurde das öffentliche Leben heruntergefahren, noch bevor die landesweite Ausgangssperre verhängt wurde. Vor einer Woche haben Tausende Wanderarbeiter fluchtartig die Stadt verlassen und sich in die letzten Züge nach Bihar und Uttar Pradesh gezwängt. Diese Menschenströme sind ein politisch geschaffenes Problem: Sie sind nicht primär eine Folge des Coronavirus, sondern der Massnahmen der Regierung, um dieses einzudämmen. Die Ausgangssperre kam praktisch zeitgleich mit der kompletten Einstellung der Zug- und Busverbindungen.

Hunderte Menschen sind nun sehr nah miteinander unterwegs. Da steigt doch die Ansteckungsgefahr drastisch?

Das ist das Absurde dran. Die Massnahme, dass die Leute drin bleiben sollen, hat Zehntausende, Hunderttausende Menschen auf die Strasse getrieben. Sie verbreiten nun das Virus auf dem Land, wo die Spitäler viel schlechter ausgestattet sind als in den Städten.

In ganz Indien wurden bisher nur etwa 35'000 Menschen auf das Coronavirus getestet.

Zahlen dazu gibt es nicht, weil schwer abzuschätzen ist, wie viele Menschen auf dem Weg sind. Im Moment bringt es auch nicht viel, die landesweiten Fälle zu zählen, denn in ganz Indien wurden bisher nur etwa 35'000 Menschen getestet. Die Schweiz testet im Vergleich rund 8000 Menschen pro Tag.

Was wird unternommen, um diesen Menschen zu helfen?

Es wurde ein Fonds von 20 Milliarden Dollar eingerichtet, um den Ärmsten zu helfen. Die Frage ist, wie man diese Menschen erreicht, die irgendwo zwischen Delhi und ihrem Heimatdorf sind.

Indiens Premier entschuldigt sich bei den Armen

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Mann
Legende: Ein Obdachloser wartet in einer staatlichen Nachtunterkunft in Neu-Delhi auf Essen, 25. März. Reuters

«Ich entschuldige mich für diese harten Massnahmen, die eure Leben erschweren, insbesondere bei den armen Menschen», sagte der indische Premierminister Narendra Modi am Sonntag in einer Radioansprache. Im Kampf gegen das Coronavirus habe er keine andere Wahl gehabt.

Verzweifelt versuchten Tausende Wanderarbeiter am Wochenende, ihre Heimatorte zu erreichen. Der Sender NDTV berichtete von einem Mann, der beim Versuch, die 300 Kilometer lange Strecke von Neu-Delhi nach Morena im Bundesstaat Uttar Pradesh zurückzulegen, an den Folgen eines Herzinfarkts starb.

Indien stuft gut 60 Prozent seiner Bevölkerung – etwa 800 Millionen Menschen – als arm ein. Am Sonntag hatte das Land nach Angaben des Gesundheitsministeriums knapp 1000 bestätigte Covid-19-Fälle. 25 Menschen starben daran. (sda/dpa)

Premierminister Narendra Modi hat sich öffentlich bei den armen Menschen für die Massnahmen entschuldigt. Aber Busse oder Züge hat er nicht zur Verfügung gestellt.

Video
Hunderttausende Wanderarbeiter auf dem Heimweg
Aus Tagesschau vom 29.03.2020.
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Das Gespräch führte Claudia Weber.

Heute Morgen, 30.3.2020, 7 Uhr;

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Mehr als 800 Millionen Menschen gelten in Indien als arm. Ein von Armut und Verzweiflung geprägtes Leben in den aus Millionen von Wellblechhütten bestehenden Mega-Slums, ohne ausreichende Trinkwasserversorgung, ohne Müllabfuhr und in vielen Fällen auch ohne Elektrizität. Die schlechten Hygienebedingungen sind Ursache für Krankheiten wie Cholera, Typhus,an denen vor allem Kinder leiden und sterben. Jetzt werden sie vom Coronavirus bedroht. Kein Gesundheitssystem, zu wenig Nahrung für die Armen.
  • Kommentar von Cornelia Marthaler  (Cornelia Marthaler)
    Vielleicht dämmert es angesichts solcher Videos dem einen und der anderen endlich, dass wir nicht alle Armen dieser Welt bei uns aufnehmen können. Statt dessen sollten wir alles unternehmen, dass die Schweiz nur noch fairen Handel betreibt und dies nur mit Partnern vor Ort, die sich ihren Arbeitnehmern gegenüber fair verhalten. Ausserdem Konzernhaftungs-Initiative annehmen, das sowieso.
  • Kommentar von Eva Werle  (Eva Werle)
    Das Virus bringt nur die Missstände an den Tag, die eh schon bestanden. Modi entschuldigt sich bei den armen für die ergriffenen Massnahmen? Er sollte sich dafür entschuldigen, sie in Armut und solch prekären Arbeitsverhältnissen leben zu lassen! Weltweit wird die Pandemie jetzt die Armen treffen. Wir regen uns über die Pandemie auf, aber nicht über die Armut. Das ist das wirkliche Elend, denn das müsste nicht sein, sondern ist Ausbeutung, Missachtung und Ungerechtigkeit geschuldet.
    1. Antwort von Andreas Müller  (Hugh Everett)
      Wie würden sie den das Problem von 1.4 Milliarden Indern lösen Frau Werle? Ein bisschen Schwadronieren funktiniert in dem Fall dann nicht ,
    2. Antwort von Alois Keller  (eyko)
      Die Inder und alle Armen dieser Welt sind zu bemitleiden, sie wachsen von Generation zu Generation in ihre Armut hinein. Indien ist immer noch ein armes Land oder, besser gesagt, ein Land mit grosser Armut. Und das wird auch noch lange so bleiben. Modi tut zu wenig um das Elend und die Armut in Indien etwas zu verbessern. Indien gilt als vielversprechender Zukunftsmarkt, als aufsteigende Grossmacht, aber nur für Reiche! Gekoppelt mit Umweltproblemen wie Wassermangel und Luftverschmutzung.