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Spannungen in Ostasien Wie schlagkräftig sind Nordkoreas Waffen?

Die Raketen von Kim Jong Un verunsichern das Ausland. Doch wie gefährlich sind diese wirklich? Rüstungsexperte Götz Neuneck sagt, Nordkorea gaukle Fähigkeiten vor, die es gar nicht besitze.

Raketen an nordkoreanischer Militärparade
Legende: Das nordkoreanische Regime präsentiert am Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung Teile seines Waffenarsenals. Keystone

SRF News: Götz Neuneck, Nordkorea hat in den vergangenen Jahren sein Raketenarsenal weiterentwickelt. Welche Fortschritte hat es dabei erzielt?

Götz Neuneck: Nordkorea hat Fortschritte erzielt. Aber da ist sehr viel Show dabei. Unter dem jetzigen Machthaber Kim Jong Un, also seit 2012, hat sich die Zahl der Raketentests enorm erhöht. Es sind verschiedene Versionen getestet worden: Übliche alte sowjetische Technologie, Scud-Kurzstrecken-Raketen. Aber auch neuere Systeme wie etwa die Mittelstreckenrakete vom Typ «Musudan».

Es sind auch grosse Raketen bei Paraden gezeigt worden, so dass man den Eindruck hat, dass hier intensiv entwickelt wird; das kann man nicht bezweifeln. Ich habe aber den Eindruck, dass es für die Fernsehkameras besonders dramatisch dargestellt wird. Das Regime gibt vor, Fähigkeiten zu besitzen, die es im Grunde gar nicht hat.

Das Regime gibt vor, Fähigkeiten zu besitzen, die es im Grunde gar nicht hat.
Autor: Götz NeuneckProfessor, Universität Hamburg

Es gibt Experten, die sagen, Nordkorea werde bald über eine funktionierende Interkontinental-Rakete mit Nuklearsprengkopf verfügen.

Ich sehe den Beweis dafür im Moment überhaupt nicht. Eigentlich macht das Regime immer dasselbe: Es inszeniert grossartige Erfolge, um zu zeigen, dass Nordkorea nicht angreifbar ist. Ob das, was da getestet wird, auch alles wirklich zuverlässig funktioniert und wenn ja, unter welchen Bedingungen, wissen wir nicht. Die Meldungen über die Tests klingen dramatisch und sollen im Westen genau jene Wirkung haben, die sie jetzt hervorrufen. Ich möchte aber nicht bestreiten, dass Nordkorea eine Interkontinental-Rakete entwickeln will.

Wie weit ist Nordkorea in dieser Entwicklung?

Die Entwicklung einer Interkontinental-Rakete ist nicht so einfach. Bisher haben das neben den USA und Russland erst China und Frankreich geschafft. Grossbritannien setzt auf amerikanische Systeme und Indien arbeitet an erweiterten Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite von bis zu 5000 Kilometern. Um die USA zu erreichen, bräuchte Nordkorea eine Rakete mit doppelter Reichweite. Im April 2006 gab es einen ersten Test einer Interkontinental-Rakete, der aber nicht wirklich funktionierte. Ich glaube nicht, dass Nordkorea in den nächsten fünf Jahren eine funktionierende Interkontinental-Rakete entwickeln kann.

Die Meldungen über die Tests klingen dramatisch und sollen im Westen genau jene Wirkung haben, die sie jetzt hervorrufen.
Autor: Götz NeuneckProfessor, Universität Hamburg

Wo liegen denn die Schwierigkeiten beim Herstellen einer Interkontinental-Rakete mit Nuklearsprengkopf?

Zuerst einmal muss die Rakete zuverlässig fliegen können. Momentan ist das nicht der Fall. Beim jüngsten Test ist die Rakete kurz nach dem Start explodiert. Mit einem Atomsprengkopf wäre das natürlich ganz schlecht. Der Sprengkopf muss ausserdem die Beschleunigung aushalten und er muss beim Wiedereintritt in die Atmosphäre mit einem Schutzschild geschützt sein. Bisher verfügt Nordkorea nicht über diese Technologie.

Legende: Video Misslungener Raketenabschuss abspielen. Laufzeit 1:26 Minuten.
Aus Tagesschau vom 16.04.2017.

Mit den U-Boot-Raketen scheint Nordkorea in den vergangenen Monaten aber grosse Fortschritte erzielt zu haben.

Das Land ist in der Lage, von einer unterirdischen Plattform Raketen unter Wasser abzuschiessen. Ob diese Raketen allerdings tatsächlich aus einem U-Boot kamen, weiss man nicht.

Welche Gefahr stellt das nordkoreanische Waffenarsenal denn im Moment für Südkorea oder Japan dar?

Diese Länder kann Nordkorea sicherlich erreichen. Die südkoreanische Hauptstadt Seoul wäre auch mit schweren Mörsern zu erreichen; da braucht es keine Raketen. Die Frage ist allerdings, ob ein solcher Angriff aus nordkoreanischer Sicht sinnvoll wäre.

Das Gespräch führte Andreas Reich

Götz Neuneck

Götz Neuneck

Prof. Dr. Götz Neuneck ist Physiker und stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheits­politik an der Universität Hamburg (IFSH). Er forscht zu den Themen Abrüstung, Rüstungskontrolle und Rüstungstechnologien.

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Paul Grunder (Zimmermeister)
    Es gibt eine Methode herauszufinden, ob die Raketen auf den Bildern aus Holz, Karton und Farbe bestehen oder nicht : das Reifenbild vergrössern und andand der Masse und der Reifen-Knautschzone abschätzen, wie schwer die Last ist und ob der Schwerpunkt der Rakete symmetrisch zwischen den Rädern ist. Viel Spass den Herren vom US-Geheimdienst.
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  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
    Mit dem Verschwinden des Kalten Krieges ist Nordkorea ja irgendwie die Lebensgrundlage abhanden gekommen und so gibt es eigentlich nur ein Mittel: Erpressung. Kim Jong-Uns Vater setzte auf die möglichen Flüchtlingsscharen, die China und Südkorea überfordern können, Kim Jong-Un spielt lieber das Rumpelstilzchen und bis zu einer roten Linie ist das möglich. Dann wird diese Mücke zerdrückt. Weder China noch die USA, noch den Rest der Welt kümmert das wirklich.
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  • Kommentar von Bruno Vogt (bru.vogt)
    Natürlich ist Nordkorea nicht gefährlich für die Welt, genauso wenig wie Syrien es das war. Dennoch sind beide Länder auf Bushs Achse des Bösen erschienen und man sieht in welchem Zustand sich Syrien heute befindet. Im Gegensatz dazu hat Nordkorea einen mächtigen Verbündeten, der ihm schon einmal Beiseite stand. Der Westen verliert immer mehr an Macht und Respekt und man agiert darauf hilflos und verrückt in Washington, selbst ein Angriff auf Pjöngjang kann so nicht mehr ausgeschlossen werden.
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