«Ich habe ein grosses Faible in jeder Hinsicht für die Schweiz.» Über sein Verhältnis zum südlichen Nachbarn spricht Winfried Kretschmann besonders gerne: Da sind über 60'000 Grenzgängerinnen und Grenzgänger, ein gemeinsamer Kulturraum und intensiver Wirtschaftsaustausch. Enge Zusammenarbeit sei auch in der Wissenschaft von überragender Bedeutung, so der leidenschaftliche Fürsprecher der Schweiz in der EU.
Die Gunst der Stunde
Kretschmann sprengte 2011 die Phalanx der CDU-Ministerpräsidenten in Stuttgart und wurde als bisher einziger Grüner Chef einer Landesregierung. Zwei Ereignisse gaben ihm Rückenwind: Die Reaktorkatastrophe von Fukushima und das Mega-Bahnhof-Projekt Stuttgart 21. Der Protest dagegen hielt Deutschland in Atem.
Kretschmann, entschiedener Gegner, hätte das Milliardenprojekt 2025 fast eröffnen und ergo loben müssen. «Das wäre sicher die interessanteste Rede gewesen, die ich gehalten hätte.» Aber die Eröffnung der Baustelle mit immenser Kostenexplosion wurde zum x-ten Mal auf unbestimmt verschoben.
Der flexible Grüne
Kretschmann hatte die grüne Partei 1980 in Baden-Württemberg mitgegründet, schon damals als «Hardcore-Realo», wie er selbst sagt. Konservativ, grün, pragmatisch, manche meinen, er sei über die Schmerzgrenze hinaus anpassungsfähig.
Selbst beim Verbrenner-Aus ist er flexibel. Das machte ihn in der Autohochburg bis tief ins bürgerliche Milieu wählbar. Mit den linken Grünen im Bund kann er wenig anfangen, «die Bundespartei steht uns oft im Weg.»
Kretschmann hat sich für eine «Politik des Gehörtwerdens» engagiert. «Sie müssen die Gesellschaft zusammenhalten, das geht nicht top-down, die Bevölkerung muss mitgehen.» Da habe sich Baden-Württemberg am stärksten verändert. «Infrastrukturprojekte wie Stuttgart 21 so heute zu planen und durchzusetzen, wäre vollkommen ausgeschlossen.»
Spitzen-Wirtschaftsstandort unter Druck
Doch das Vorzeige-Industrieland wird erschüttert: Tausende Arbeitsplätze gingen und gehen verloren. Die Kernbranchen Auto und Maschinenbau seien massiv unter Stress. Das habe externe Gründe, aber Kretschmann erwartet auch ein Umdenken: Die Deutschen müssten mehr arbeiten.
Doch auch die Politik habe viel versäumt. «Wir sind völlig überreguliert, wir müssen in dieses Dickicht richtige Schneisen schlagen.» Sie würden so neidisch auf die funktionierende Bahn in der Schweiz schauen. «Wir haben die Infrastruktur verlottern lassen. Das ist mir wirklich peinlich gegenüber der Schweiz. Die Rheintalstrecke von den Nordseehäfen bis nach Genua – die Schweiz macht ihre Hausaufgaben, wir brauchen nochmal länger».
«Man wird auch müde»
Endlose Projekte, Infrastruktur, die verlottert, das habe politische Folgen. Nie hätte er gedacht, dass die Demokratie so unter Druck gerate, «das verstört mich.» Der Staat müsse funktionieren, das helfe gegen die Demokratiefeinde. Doch den Kampf müssen nun andere fortsetzen. Am 8. März wird der Nachfolger von Winfried Kretschmann gewählt. «Ich bin froh, dass es zu Ende ist. Jetzt ist einfach Zeit. Man wird auch müde.»