Woher kommt die bedingungslose Erdogan-Verehrung?

Warum folgen Tag für Tag Tausende Türken Recep Tayyip Erdogans Aufruf zu «Demokratie-Wachen», um dort einem Mann zu huldigen, dessen Ziel die Zementierung der eigenen Macht zu sein scheint? Erklärungen von Historiker und Türkei-Experte Hans-Lukas Kieser.

Demonstrant hält Türkei-Fahne mit Erdogan-Konterfei Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eigenes Demokratieverständnis: Erdogan verteidigt die Bestimmungshoheit seiner Mehrheit. Reuters

SRF News: Seit Tagen erreichen uns aus der Türkei Bilder fanatischer Erdogan-Anhänger, die Tag für Tag nicht nur die Niederschlagung des Militärputsches, sondern vor allem auch Präsident Erdogan feiern. Repräsentieren diese wie die Erdogan-Partei AKP tatsächlich die Hälfte des türkischen Volkes?

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Hans-Lukas Kieser

Hans-Lukas Kieser

hist.net/kieser

Kieser ist ein Schweizer Historiker. Er forscht zur Geschichte der Türkei und den Beziehungen des Landes zu Europa und der Schweiz. Kieser ist Titularprofessor an der Uni Zürich, Co-Präsident der Forschungsstelle Schweiz-Türkei und Fellow des Australian Research Council. Er beschäftigt sich auch mit dem Völkermord an den Armeniern.

Hans-Lukas Kieser: Das denke ich nicht. Es sind nicht nur, aber vorwiegend junge Männer, die auf die Strasse gehen. Insofern scheint es einfach ein Teil der AKP-Wählerschaft zu sein, der Erdogans Kundgebungs-Aufrufen folgt. Natürlich sind die Massenaufläufe, die wir ja auch in Europa aus verschiedenen Epochen des 20. Jahrhunderts kennen, eine gewaltige Machtdemonstration, die auch ihre Bedeutung hat. Dennoch bildet sie nicht 1:1 die grosse Mehrheit ab.

Dennoch huldigen viele Türken ihrem Präsidenten geradezu. Nicht organisiert und inszeniert wie etwa in Nordkorea, sondern scheinbar aus tiefster Überzeugung. Woher kommt diese totale Identifikation mit dem Präsidenten?

Diese kommt neben den politischen Erfolgen aus Erdogans Zeit als Regierungschef sicher auch aus der politischen Kultur. Die Verehrung einer Retterfigur greift Jahrhunderte zurück auf Sultan- und Khalif-Figuren im Osmanischen Reich und gehört seit Atatürk auch zur modernen Türkei.

Allerdings waren die konservativen, nicht-westlich-orientierten gläubigen Muslime über viele Jahrzehnte von dieser strikt säkular ausgerichteten Atatürk-Verehrung ausgeschlossen. Genau aus diesem Pool setzt sich nun der Kern der treuen Anhängerschaft Erdogans zusammen, der umso mehr zum Präsidenten hält und dem Westen misstraut. Und Erdogan schafft es mit seinem Charisma und seiner Rethorik wie kein anderer, eine Nähe zwischen sich und seinen Anhängern herzustellen.

Das heisst, die Verehrung verdankt Erdogan auch der Abkehr vom säkularen Staatsverständnis?

Ja, auch wenn er im Krieg gegen die Kurden mittlerweile auch radikale Nationalisten ins Boot geholt hat, bleibt der Primärbezug seiner Politik der Islam. Und zwar mit der Ambition auf globale Ausstrahlung. So sehen sich viele seiner Anhänger als Teil einer grossen islamischen Welt.

Aus westlicher Sicht wirkt Erdogans Demokratie-Rhetorik angesichts des rasenden Abbaus von Rechtsstaat und Meinungsfreiheit geradezu absurd. Besteht für seine Anhänger dieser Widerspruch denn nicht?

Nein, denn Erdogan pflegt ein Demokratieverständnis, das sich auf eine Bestimmungshoheit der Mehrheit beschränkt. Für ihn ist dies die sunnitische, türkischsprachige Mehrheit, welche die AKP vertritt. Checks and Balances sind ebensowenig Teil dieses Demokratieverständnisses wie starke Grundrechte zugunsten von Individuen und Minderheiten. Sie sind in dieser Argumentation gar antidemokratisch, da sie Mehrheiten brechen können.

«  Erdogans Demokratieverständnis beschränkt sich auf Bestimmungshoheit der Mehrheit. Grundrechte für Individuen gehören nicht dazu.  »

Gleichzeitig ist Erdogan in seiner Rhetorik sehr um Kontinuität bemüht. In den ersten Jahren unter AKP-Regierung war die Türkei tatsächlich demokratischer geworden. Indem Erdogan jetzt weiterhin von Demokratie, Rechtsstaat oder funktionierenden Mechanismen spricht, vermittelt er seinen Anhängern das Gefühl, sich noch immer im selben, aber nun arg gefährdeten politischen Gebilde zu befinden.

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Fahnen-Boom

Fahnen-Boom

Präsident Erdogan hat die Türken aufgerufen, jeden Tag zur Unterstützung der Regierung zu demonstrieren. Das tun seine Anhänger auch mit der Landesflagge. Die Fahnen-Produktion läuft auf Hochtouren, die Produzenten gehen davon aus, in den nächsten Tagen über 10 Millionen davon zu verkaufen.

Die AKP-Anhänger verstehen die aktuellen Vorgänge tatsächlich als Verteidigung der Demokratie?

Ja, für die ländlich, konservativ und religiös geprägte Bevölkerung ist es sogar die Verteidigung einer besseren Demokratie als die Halb-Demokratien der letzten Jahrzehnte. Damals wurde die Türkei zwar vom Westen bewundert, doch diese Bevölkerungsschicht war in Ankara wenig vertreten und erlebte vor allem die Schattenseiten des politischen Erbes von Atatürk. Nun halten sie zu Erdogan und misstrauen dem Westen.

Und trotzdem geniesst Erdogan selbst bei den im Westen lebenden Türken viele Sympathien. Gilt das auch für die Türken in der Schweiz?

Nicht in dem Masse, wei beispielsweise in Deutschland. In der Schweiz sind die AKP-Anhänger in der Minderheit. Viele kamen als Verfolgte nach dem Putsch von 1980 aus der Türkei in die Schweiz. Sie haben die Möglichkeiten freier Gesellschaft und direkter Demokratie schätzen gelernt und sind meist gut integriert.

Warum ist das in Deutschland anders? Dort hat Erdogans AKP die Mehrheit der grossen türkischen Diaspora hinter sich.

In Deutschland kamen viele Türken, bzw. ihre Eltern und Grosseltern, schon in den 60er-Jahren nach dem deutsch-türkischen Anwerbeankommen in den Westen. Sie blieben mehr unter sich, haben sich weniger integriert und sind von Ankara beeinflussbar. Sie fühlen sich oft gewissermassen als Bürger zweiter Klasse und nun von Erdogan angesprochen, da er ihnen türkisch-muslimischen Stolz verleiht. Nicht zu unterschätzen ist zudem die materielle Dimension: Die Verwandtschaft in der Türkei hat in den letzten Jahren mehr Wohlfahrt genossen. Erdogan scheint der Garant dafür zu sein.

Das Interview führte Bàlint Kalotay

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