Zum Inhalt springen

Header

Audio
Syrien: Wo das Leid zur Institution geworden ist
Aus HeuteMorgen vom 10.03.2021.
abspielen. Laufzeit 02:24 Minuten.
Inhalt

Zehn Jahre Krieg Der ganz alltägliche Horror in Syrien

Verzweiflung, Armut und eine Generation, die mit Tod und Vertreibung aufwuchs: In Syrien herrscht unerträgliche Not.

In Syrien begann vor zehn Jahren alles voller Hoffnung. Die Protestbewegung des «Arabischen Frühlings» sollte auch in dem Vielvölkerstaat die politische Öffnung bringen. Doch es kam anders.

Das Regime Assad setzte auf Spaltung, der Krieg zerriss das Land, tötete Hunderttausende und machte Millionen zu Flüchtlingen. Zehn Jahre später ist die Not unbeschreiblich und die Mittel der Hilfsorganisationen reichen nirgends hin.

Pro-Assad Demonstration 2011 in Syrien
Legende: Der Konflikt brach 2011 mit Protesten gegen Machthaber Baschar al-Assad aus. Sicherheitskräfte gingen mit Gewalt gegen Demonstrationen vor. Das Regime trieb seine Anhänger auf die Strasse. Bald entwickelte sich ein Krieg mit internationaler Beteiligung. Getty Images

Adnan Hizam schildert den Alltag in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Er arbeitet für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und sieht, wie die Menschen in Damaskus versuchen, einen Schein von Normalität aufrechtzuerhalten. Und wie schwer es ihnen fällt.

Ein ausgezehrtes Land

«Vor den Bäckereien mit dem subventionierten Brot bilden sich lange Schlangen, ebenso an den Tankstellen», sagt Hizam. Manche Nahrungsmittel sind heute dreimal so teuer wie noch vor einem Jahr. Das Zentrum von Damaskus wurde von Kämpfen verschont, und doch sei die Not auch in der Hauptstadt an jeder Ecke greifbar.

IKRK-Chef Peter Maurer appelliert an die Welt

Box aufklappenBox zuklappen
IKRK-Chef Peter Maurer appelliert an die Welt
Legende: Reuters/Archiv

Der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), der Schweizer Peter Maurer, klagte vergangene Woche, die humanitäre Lage in Syrien werde durch eine schwere Wirtschaftskrise verschärft. Die Corona-Pandemie komme noch obendrauf. Er befürchte, dass die internationale Gemeinschaft Syrien abschreibe. Zivilisten bezahlten den Preis für einen fehlenden politischen Durchbruch. «Wir brauchen eine politische Lösung für den Konflikt», mahnte Maurer. «Die Syrer können sich kein weiteres Jahr wie dieses leisten, geschweige denn weitere zehn Jahre.»

Ganze Landstriche im Norden und Osten Syriens entziehen sich noch der Kontrolle der Regierung, um sie wird sporadisch weitergekämpft. Dort ist das Leid besonders schlimm. Alle wichtigen Städte und ihr Umland sind in der Hand des Regimes, zum Teil seit Jahren wieder. Stabilität ist deswegen nicht eingekehrt.

Überflutetes Flüchtlingscamp bei Idlib, Januar 2021.
Legende: Überflutetes Flüchtlingscamp bei Idlib, Januar 2021: Syrien leidet nach zehn Jahren Bürgerkrieg unter einer der schwersten humanitären Krisen seit Ausbruch des Konflikts. Getty Images

«Syrien insgesamt steckt in einer schweren Krise», sagt der Sprecher des IKRK in Damaskus. Die Landeswährung zerfällt. Erst diese Woche stürzte sie auf ein neues Rekordtief ab. Das hat auch mit dem Kollaps des Bankensystems im benachbarten Libanon zu tun.

Syrien war davon abhängig. Auch liegt es selbst unter Sanktionen, leidet an hausgemachter Korruption und einem Konflikt, der das Land zum strategischen Spielball der Regionalmächte werden liess.

Corona verfestigt das Elend

Die Wirtschaftskrise bedroht Existenzen. Inzwischen hat die Hälfte der Bevölkerung keine Arbeit mehr. Über achtzig Prozent der Menschen sind auf Hilfe angewiesen. Schwer gezeichnet ist auch das Gesundheitswesen.

«Die Hälfte der Spitäler oder Krankenstationen funktionieren nicht oder nur teilweise», sagt Hizam. Und das mitten in der Coronakrise, welche die Not noch einmal vergrössert, die Bereitschaft vieler Staaten zur Hilfe im Ausland aber senkt.

Doch die Staatengemeinschaft dürfe nicht wegschauen. Die syrische Bevölkerung brauche dringend Unterstützung, so der IKRK-Vertreter. Seine Hilfsorganisation legt zugleich eine Studie vor, die verdeutlicht, wie tief zehn Jahre Krieg die syrische Gesellschaft zerrissen haben.

Strassenszene in Idlib, Februar 2021.
Legende: Mehr als 400’000 Menschen wurden getötet, rund zwölf Millionen vertrieben. Mittlerweile kontrolliert die Regierung wieder rund zwei Drittel des Landes. Wegen Sanktionen ist sie aber international stark isoliert. Im Bild: Strassenszene in Idlib, Februar 2021. Getty Images

Von den in Syrien befragten Jugendlichen gibt die Hälfte an, sie hätten im Krieg einen Angehörigen oder engen Freund verloren. Ebenso viele sagen, sie seien gezwungen gewesen, ihr Haus zu verlassen. Der Krieg machte zwölf Millionen Syrerinnen und Syrer zu Flüchtlingen, versprengt innerhalb Syriens oder in Nachbarländer und die halbe Welt.

Die meisten haben ihre Heimat seit Jahren nicht mehr gesehen und ebenso lange viele Familienmitglieder nicht mehr in die Arme geschlossen. Nicht nur materiell, auch psychisch seien die Schäden des Kriegs enorm, so Adnan Hizam vom IKRK.

«Für Träume und Hoffnung ist kein Platz»

Box aufklappenBox zuklappen
«Für Träume und Hoffnung ist kein Platz»
Legende: Wintereinbruch in Idlib, Februar 2021. Getty Images

Die Nahostexpertin und Journalistin Kristin Helberg lebte vor Ausbruch des Kriegs in Damaskus, der Hauptstadt Syriens. Auch sie bestätigt: Die syrische Bevölkerung ist zutiefst zerrissen. Je nach dem, wo die Syrer den Krieg erlebt haben, seien verschiedene Narrative entstanden: «Wer an der türkisch-syrischen Grenze in einem zugigen Zelt sitzt, weiss nicht, wie er seine Kinder ernähren soll. Wer in den vom Regime kontrollierten Gebieten lebt, steht stundenlang für Brot an und hat Angst, von den Geheimdiensten verhaftet zu werden.»

In den kurdisch verwalteten Gebieten im Nordosten des Landes wiederum herrsche grosse Angst vor einer weiteren türkischen Militärintervention. Und auch in den Nachbarländern leben die Menschen oft unter prekären Bedingungen. Im Libanon habe kaum jemand offizielle Papiere, die Menschen würden schamlos ausgebeutet, sagt Helberg. «Und auch in der Türkei schlägt die einstige Sympathie der Bevölkerung zunehmend in Abneigung um. Das heisst, die Syrerinnen und Syrer sind nirgendwo mehr willkommen.»

Zuletzt seien auch die über eine Million Kriegsflüchtlinge in Europa damit beschäftigt, anzukommen und sich zu integrieren. «Für Träume oder die Hoffnung auf ein demokratisches Syrien, in dem man in Würde leben könnte, ist kein Platz», resümiert die Syrien-Expertin nach zehn Jahren Krieg. «Für die allermeisten Menschen herrscht grosse Enttäuschung und Verbitterung.»

Heute Morgen, 10.03.2021, 6:08 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

48 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Wenn ich hier lese wie viel Unwahrheiten hier in den Kommentarspalten geschrieben stehen, denke ich, dass SRF entweder einen schlechten Job gemacht hat, oder es diese Leute nicht kümmert, was in Syrien tatsächlich passiert.
    Insbesondere Carla del Ponte hatte - was z.B. die Chemieeinsätze betrifft, ein differenzierteres Bild zu vermitteln versucht. Dieses wird genauso ignoriert wie die Lieferung von Waffen, Militärberatung und "Intelligence" durch die USA, Frankreich und England...
  • Kommentar von Karl Frank  (Europäer)
    Erster Aufruhr wurde vor Allem durch Israel angezettelt. Wie seit 50 Jahren in Libanon
  • Kommentar von Norbert Zeiner  (ZeN)
    Kein Wort weder in Artikel noch Kommentaren zur Vielzahl westlicher NGOs, die kräftig für und vor allem in diesen "Arabischen Frühling" mitgewirkt und mitgefiebert haben. Vergesse nicht mehr, wie Medien-Journalisten damals vor Ort in täglichen Sonderberichtern von einem Zeitenwechsel geschwärmt haben. Auch das hat das Seinige beigewirkt wie es zu dieses völlig zerfahrenen Situation über die letzten 10 Jahre gekommen sit. Auch Genannte trügen Verantwortung dafür, vor der sie sich drücken.
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Norbert Zeiner: Da haben Sie (leider) Recht. Ich war damals auch sehr skeptisch und bezweifelte, dass man einfach so, nach tausend Jahren autoritären Regimes, quasi über Nacht Demokratie nach westlichen Vorbild einführen kann. Das ging auch bei uns nicht einfach rasch. Zudem standen und stehen in all diesen Ländern obskure Islamisten "Gewehr bei Fuss", die nur darauf warten, im entstehenden Chaos die Macht zu übernehmen und ihre eigenen archaischen und menschenverachtenden Regeln einzuführen.
    2. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Tleu: dann wollen sie weitere tausend Jahre auf die Demokratie warten oder was schlagen sie vor?