Im Streit um Grönland zeigt sich Europa kopf- und orientierungslos. Die Hoffnung europäischer Regierungen, US-Präsident Donald Trump beschwichtigen zu können, hat sich zerschlagen; ihre Taktik erweist sich als Eigentor. Seit gestern droht Trump acht europäischen Nato-Verbündeten mit neuen Strafzöllen. Hoffen können sie nur noch auf die amerikanische Innenpolitik – zumal Trumps Grönland-Ambitionen zu Hause ähnlich unbeliebt sind wie in Europas Hauptstädten.
Nach der Entfernung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro ist Trump mehr denn je entschlossen, die dänische Insel Grönland am Rande des Arktischen Ozeans einzuverleiben – sei es durch Verhandlung, Kauf oder mit militärischer Gewalt.
Vergangene Woche schickten europäische Nato-Staaten kleine Trupps nach Grönland. Damit wollten sie zeigen, man lasse Grönland und Dänemark nicht im Stich. Vor allem aber sollte es an Trump gehen: Wir nehmen deine Warnungen vor Chinas und Russlands Ambitionen in der Arktis ernst und wollen als Verbündete mehr für die Sicherheit der Region tun.
Trump hat Widerspruch erkannt
Doch die Widersprüchlichkeit bleibt Trump nicht verborgen. Er will nicht mehr Nato-Präsenz, er will Grönland kontrollieren und allem Anschein nach ins Territorium der USA integrieren. Voraustrupps wie jener Deutschlands (13 Bundeswehrsoldaten) flössen weder den USA noch China oder Russland Furcht ein – sie liefern eher Stoff für Satire.
Trumps Botschaft ist dagegen eindeutig: Wenn europäische Staaten die amerikanischen Grönland-Ambitionen hintertreiben, bekommen sie es mit seinem Zollhammer zu tun. Ab dem 1. Februar droht er mit einem neuen Strafzoll von zehn Prozent auf «alle Waren» aus Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, den Niederlanden, Norwegen, Schweden und dem Vereinigten Königreich – zusätzlich zu den 15 Prozent, die bereits im vergangenen Jahr verhängt worden waren.
Krisendiplomatie brummt
In Brüssel läuft die Krisendiplomatie auf Hochtouren: EU-Botschafterinnen und -Botschafter beraten in einer Sondersitzung. Die Grönland-Krise wird Thema Nummer eins sein, wenn kommende Woche Trump und viele europäische Präsidenten und Regierungschefinnen ans WEF nach Davos reisen. Sie hoffen auf einen Deal zwischen den USA, Dänemark und Grönland, mit dem alle Seiten das Gesicht wahren können.
Zurzeit sieht es eher danach aus, dass eigene Anhänger und Weggefährten Trump von einem militärischen Abenteuer in der Arktis abbringen. Denn auch in der eigenen Partei und der Maga-Basis stösst der Plan, Grönland gegen den Willen Dänemarks einzuverleiben, auf wenig Gegenliebe. Zu gross wäre für viele der Schaden für das Ansehen der USA – und hatte Trump nicht versprochen, sich vor allem um Innen- und Wirtschaftspolitik zu kümmern?
Zu den Grönland-Skeptikern gehört Thom Tillis, Senator aus North Carolina. «Der Gedanke, dass die USA Grönland übernehmen könnten, ist absurd», sagte Tillis am Mittwoch. Auch er will kommende Woche nach Davos reisen. Auf Männern wie ihm ruhen die letzten Hoffnungen der Europäer.