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«In Kiew ignorieren viele den Bombenalarm»
Aus Echo der Zeit vom 30.07.2022. Bild: Keystone-sda
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Zwischen Krieg und Normalität «Charkiw und Kiew leben in unterschiedlichen Realitäten»

Die Ukraine lebt zwischen Krieg und Normalität. Das zeigt sich in den beiden Millionenstädten Kiew und Charkiw. Charkiw wird häufig bombardiert, Kiew deutlich weniger. Wie leben die Leute in diesen Städten mit den Gefahren dieses Krieges?

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert nun schon über fünf Monate – im Moment konzentrieren sich die Kampfhandlungen auf den Osten und den Süden der Ukraine. Aber auch abseits der Front gibt es immer wieder Bombardierungen und Angriffe. Für viele Menschen gehören Bomben-Alarm und nächtliche Raketenangriffe mittlerweile zum Alltag. Es ist ein Leben zwischen Krieg und so etwas wie Normalität. Auch in Charkiw im Osten – und in der Hauptstadt Kiew. Dort war SRF-Auslandredaktor David Nauer in den letzten Tagen unterwegs.

David Nauer

David Nauer

Auslandredaktor

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David Nauer ist Auslandredaktor bei Radio SRF. Von 2016 bis 2021 war er als Korrespondent von Radio SRF in Russland tätig.

SRF News: Wie leben die Menschen in der Ukraine mit der Angst, ständig bombardiert werden zu können?

David Nauer: Sie leben unterschiedlich – in Kiew herrscht schon eine Art Normalität. Das heisst, der regelmässige Luft-Alarm wird von den Leuten wirklich ignoriert. Und das hat damit zu tun, dass erstens die Hauptstadt doch eher selten angegriffen wird und zweitens auch damit, dass Kiew durch die Luftabwehr ziemlich gut geschützt ist. In Charkiw dagegen ist das ganz anders. Dort gibt es täglich Beschuss und nach den Detonationen schreiben sich die Leute, ob alles in Ordnung sei und man wisse, wo die Rakete niedergegangen ist? Und so weiter.

Man kann sagen, die beiden Städte leben in ganz unterschiedlichen Realitäten.

Also da ist es ein permanentes Thema und man kann auch so sagen, dass die beiden Städte in ganz unterschiedlichen Realitäten leben.

Der Alltag in Charkiw

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«Der Krieg ist in Charkiw im Gegensatz zu Kiew sehr stark spürbar, und zwar nicht nur wegen des Raketenbeschusses. Es ist auch so, dass in Charkiw viele Gebäude im Stadtzentrum zerstört sind. Und am nördlichen Stadtrand, wo ich auch unterwegs war, haben die Russen ganze Wohnviertel in Schutt und Asche gelegt. Und eben die Front ist ja nach wie vor nah. Also man hört auch Artillerie-Duelle, man hört Explosionen irgendwo in der Ferne, man sieht Soldaten, die offenkundig gerade erschöpft mit zerbeulten Autos von der Front zurückkommen. Ich habe auch zivile Beamte der Stadtverwaltung getroffen und Politiker und viele von denen sind auch im Kriegs-Modus. Diese die haben zum Beispiel eine Pistole an der Hüfte und arbeiten an geheimen Orten. Also man kann nicht einmal in Ansätzen von einem normalen Alltag sprechen.»

Viel zu reden gibt international momentan die Bombardierung eines Gefangenenlagers südöstlich von Charkiw, südlich der Stadt Donezk. Da wurden gemäss ukrainischen Angaben 50 ukrainische Soldaten in einem Gefängnis getötet – Kriegsgefangene des russischen Militärs. Weiss man inzwischen, wer für diesen Angriff verantwortlich ist?

Also ich weiss es nicht. Ich kann das nicht sagen. Die russische Seite stellt es ja so dar, dass das Gefängnis von den Ukrainern mit einem amerikanischen Raketenwerfer beschossen worden sei. Die Ukrainer sagen, die Russen selber hätten das Gefängnis in Brand geschossen.

Welche dieser beiden Versionen stimmt, kann ich nicht beurteilen. Es gibt Experten, die darauf hinweisen, dass Bilder von der Zerstörung im Gefängnis eher für die ukrainische Darstellung sprechen, weil diese betreffenden US-Raketenwerfer eben viel grösseren Schaden anrichten müssten. Was man auch sagen kann ist, dass die Russen seit Kriegsausbruch schon derart viel gelogen haben, dass es um ihre Glaubwürdigkeit da sehr schlecht bestellt ist. Aber das alles ist natürlich kein Beweis für eine russische Verantwortung. Fest steht aber in jedem Fall, dass die Bombardierung dieses Gefangenenlagers ein ganz fürchterliches Verbrechen ist.

Genau, Kriegsgefangene zu beschiessen, gilt international als Kriegsverbrechen. Könnte denn jetzt dieser Angriff auf dieses Gefängnis bei der Aufarbeitung des Ukraine-Krieges dereinst mal noch eine grössere Rolle spielen?

Das müsste es eigentlich, weil wir haben es ja mit einem so horrenden Verbrechen zu tun, dass man sich – wenn es Beweise gäbe – auch neue Sanktionen gegen Russland von den USA oder der EU vorstellen könnte. Aber es ist leider auch so, dass in diesem Krieg schon so viele fürchterliche Dinge geschehen sind.

Wir haben es mit einem richtigen Strom an Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten zu tun und da gehen einzelne Fälle einfach unter, weil eben dann schon das nächste Thema wieder auftaucht. Und es ist zu befürchten, dass hier mit diesem Gefängnis das Gleiche passiert.

Die Menschen wollen endlich weiterleben

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Generell ist mein Eindruck, dass sich viele Leute einfach an den Krieg gewöhnt haben, sich irgendwie arrangieren mit dem Krieg und weiterleben. Und es ist ja auch so, dass es aktuell an der Front nicht so schlecht für die Ukrainer läuft. Und ukrainische Politiker reden auch gerne vom bevorstehenden Sieg, von der Befreiung der besetzten Gebiete. Bei den Menschen im Land aber spüre ich diesen Optimismus nicht, diesen demonstrativen Optimismus. Ich spüre eher auch Sorge, was die Zukunft betrifft. Also: Wie wollen wir weiter leben? Wovon wollen wir leben? Was passiert mit unserer Wirtschaft? Haben wir genug Gas, um unsere Wohnungen zu heizen im Winter? Was machen wir, wenn die Russen zum Beispiel wieder mit Bodentruppen Kiew angreifen?

Das Gespräch führte Roger Brändlin.

Echo der Zeit, 30.07.2022, 18 Uhr;

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