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Neue Affenart entdeckt
Aus Echo der Zeit vom 11.11.2020.
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Affenentdeckung in Burma Zoologe: «Wir können nur Arten schützen, die wir kennen»

Forscherinnen und Forscher aus Deutschland und Burma haben eine neue Affenart entdeckt, den sogenannten Popa-Langur. So etwas ist selten: Christian Roos vom Deutschen Primatenzentrum verglich den Fund mit 100 Jahre alten Affenexponaten in einem Museum, um sich sicher zu sein.

Christian Roos

Christian Roos

Zoologe

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Christian Roos ist leitender Wissenschaftler in der Abteilung Primatengenetik am Deutschen Primatenzentrum. Dieses gehört zum Leibniz Institut für Primatenforschung in Göttingen.

SRF News: Wie sieht die neue Affenart, die Sie entdeckt haben, aus?

Christian Roos: Die Kopf-Rumpf-Länge beträgt circa 50 bis 60 Zentimeter. Der Schwanz ist mit 70 bis 80 Zentimetern deutlich länger. Insgesamt sind die Tiere etwa 1 Meter 50 gross. Sie haben grosse weisse Augenringe, grösser als bei anderen bekannten Arten. Generell ist ihr Fell grau bis braun. Die Hände und Füsse sind richtig schwarz, fast wie Handschuhe. Und auf dem Kopf haben sie einen schönen Schopf. Sie sehen fast aus wie Punks.

Woher wissen Sie, dass es eine neue Affenart ist?

Wir haben vor acht Jahren von unseren Partnern Kotproben aus Myanmar bekommen. Sie wollten wissen, welche Art das ist. Wir haben die Proben genetisch untersucht und haben herausgefunden, dass sie keiner bekannten Art zuzuordnen sind. Es hat sich dann herausgestellt, dass diese Tiere, die im Zentralflachland in der Trockenzone vorkommen, eine bisher unbekannte Linie darstellen.

Man braucht ja immer, wenn man eine neue Art beschreibt, ein Belegexemplar. Man hätte also eins schiessen müssen.

Konnten Sie die Tiere vor Ort genauer untersuchen?

Das Problem ist das Freiland: Die Tiere haben eine hohe Fluchtdistanz. Und sie sind sehr scheu. Wenn wir sie sehen, hauen sie sofort ab. Daher bin ich ins Museum nach London gegangen. Es besitzt viele Tiere aus Myanmar, die vor circa 100 Jahren gesammelt wurden. Auf den ersten Blick war klar, dass diese Tiere ganz anders aussehen. Ich habe Schädel und Zähne vermessen. Auch da gibt es ganz deutliche Unterschiede zu den bekannten Arten.

Popa Langur
Legende: Die neu entdeckte Affenart ist sehr scheu. Sie hat auffällig schwarze Hände und Füsse. Thaung Win/Deutsches Primatenzentrum

Das heisst, alte Präparate waren wichtig für die Entdeckung?

Ja, das war mit ausschlaggebend, um überhaupt eine neue Affenart zu beschreiben. Man braucht ja immer, wenn man eine neue Art beschreibt, ein Belegexemplar. Man hätte also eins schiessen müssen. Das wollten wir auf keinen Fall. Darum hatten wir Glück, dass vom Mount Popa in Myanmar – also von genau dieser Typuslokalität – in London schon Tiere lagen.

Und wie war dieser Moment, als Sie sich sicher waren?

Man freut sich natürlich. Man sieht, dass man heute auch noch neue Grosssäugerarten entdecken kann. Es ist klar, dass es jeden Tag neue Bakterien und Kleintiere gibt, die neu beschrieben werden. Aber dass man noch einen relativ grossen Säuger entdeckt, ist ganz herausragend.

Warum ist es wichtig, dass man weiss, dass es eine neue Affenart ist?

Wir leben in einer grossen Biodiversitätskrise. Wir verlieren täglich unglaublich viele Arten. Dazu kommt der Klimawandel. Wir müssen versuchen, das ökologische System zu erhalten, bevor es kollabiert. Und es wird kollabieren, wenn immer mehr Arten aussterben. Aus diesem Grund müssen wir erst mal alles kennen, dann können wir es auch schützen.

Wie viele Exemplare gibt es noch von der neuen Art?

Wir haben insgesamt vier Populationen mit maximal 250 bis 260 Tieren. Das ist dramatisch wenig. Es braucht einerseits weitere Feldarbeit, bei der man neue Populationen sucht. Das andere ist, dass man die bekannten Populationen versucht, besser zu schützen. Mount Popa selber ist ein Nationalpark, da haben wir einen ganz guten Schutzstatus.

Wir müssen versuchen, das ökologische System zu erhalten, bevor es kollabiert. Und es wird kollabieren, wenn immer mehr Arten aussterben.

Aber die anderen drei Populationen sind bis jetzt wenig bis gar nicht geschützt. Da muss man jetzt versuchen, an den Stolz der lokalen Bevölkerung zu appellieren und ihnen sagen, dass sie hier eine ganz besondere Affenart haben, damit sie etwas für den Schutz tun.

Das Gespräch führte Simone Hulliger.

Echo der Zeit, 11.11.2020, 18.00 Uhr;

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Die Ausbeutung von Wildbeständen ist als eine der fünf Ursachen des grossen Artensterbens klar benannt. Bei solch eindringlichen Warnungen ist es kaum zu glauben, dass es immer noch einen Riesen-Kraftakt bedeutet, das Handelsverbot für Elfenbein und Rhino-Horn aufrechtzuerhalten. Auch werden noch immer zahllose Tiere hunderter, wenn nicht gar tausender bedrohter, dennoch international noch immer ungeschützter Reptilien-, Amphibien- und Fischarten völlig unkontrolliert aus der Wildnis genommen.
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  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Fast jede Tierart auf der Welt brauch heute Schutz. Der illegale Tierhandel setzt Milliarden Dollar um. Vor allem Brasilien ist dabei Hauptschauplatz von Jägern und Mittelsmännern. 218 Arten sind alleine hier durch Wilderei vom Aussterben bedroht. Tierschützer bedrängen deshalb Politiker und Polizei, endlich energischer durchzugreifen. Auch Asien und Afrikas Tiere sind bedroht. China trägt dazu bei, dass viele Wildtiere aus der Wildnis gestohlen werden für die Chinesische Medizin.
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  • Kommentar von Monika Mitulla  (momi)
    "...den Stolz der lokalen Bevölkerung zu appellieren und ihnen sagen, dass sie hier eine ganz besondere Affenart haben, damit sie etwas für den Schutz tun."
    Schauen Sie sich doch einmal um in Myanmar! Die Menschen dort sind bitterarmarm. Es gibt weder flächendeckend Schulen, noch eine Gesundheitsversorgung. Zudem atmen die Menschen viel Gift ein, weil Abfälle einfach ohne Filteranlagen verbrannt werden. Besser die Menschen unterstützen als ihnen sagen, was sie für den Tierschutz tun sollen.
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