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Was taugen die Modelle von Epidemiologen?
Aus Echo der Zeit vom 11.06.2020.
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Massnahmen gegen die Pandemie Was Computermodelle können – und was nicht

Computersimulationen geben wichtige Informationen zur Pandemie. Doch sie allein reichen nicht für Regierungsentscheide.

Am 16. März warnte ein britisches Forscherteam, Grossbritannien müsse mit einer halben Million Corona-Toten rechnen, wenn die Regierung nicht schnell handle. Kurz darauf verfügte Premier Boris Johnson einschneidende Massnahmen.

Die Prognose der Forscher fusste auf einem Modell der Pandemie. Sie verwendeten dazu jene Angaben zum Verhalten des Virus, die bereits bekannt waren. Für die unbekannten Eigenschaften mussten sie Annahmen treffen.

Zu viele Unbekannte

Melissa Penny vom Schweizer Tropen- und Public-Health-Institut sagt, solche Modelle seien nützlich, weil die meisten Menschen sich nicht vorstellen können, was exponentielles Wachstum bedeutet. «Die Prognose des Modells hat Regierung und Öffentlichkeit klargemacht, was auf dem Spiel stand.»

Die Modelle können keine exakten Prognosen abgeben.
Autor: Melissa PennySchweizer Tropen- und Public-Health-Institut, Mitglied der Corona-Taskforce des Bundes

Epidemiologin Penny ist in der Corona-Taskforce des Bundes und arbeitet selbst mit Modellen. Sie sagt, in der aktuellen Pandemie sei vieles noch unbekannt. So sei etwa die genaue Rolle der Kinder bei der Verbreitung des Virus noch immer unklar. «Das führt dazu, dass die Modelle keine exakten Prognosen abgeben können.» Die Rolle der Modelle sei vielmehr, verschiedene Szenarien untereinander abzuwägen.

Leere Strassen in London während des Lockdowns.
Legende: Wie viel Shutdown ist nötig? Ausbreitungsmodelle sollen die Wahl der Mittel erleichtern. Reuters

Das hatte auch das britische Team um Neil Ferguson Mitte März getan. Die Forscher untersuchten ein Szenario, bei dem schwächere Massnahmen die Verbreitung des Virus nur verlangsamen sollten, sowie einen harten Lockdown, der die Verbreitung abwürgen sollte.

Kommunizieren die Forscher unvollständig?

So weit, so gut, sagt der Epidemiologe Gérald Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Aber aus seiner Sicht haben viele Modelle Schwächen – weil viele Faktoren in den Modellen nicht berücksichtigt würden. Dazu gehöre etwa die ungeklärte Frage, ob sich das Virus im Sommer weniger stark verbreitet.

Zwar sei verständlich, dass man in solchen Modellen, nicht alles berücksichtigen könne, zumal man ja schnell Ergebnisse brauche. Doch die Frage sei, wie weit sie als Grundlage für Entscheide dienen könnten.

Für Krause steht ausser Zweifel, dass die britische Regierung Mitte März handeln musste. Aber er habe den Eindruck, dass sich viele Forscher, die mit Modellen arbeiten, der begrenzten Aussagekraft nicht immer bewusst seien – oder sie würden diese Grenzen zumindest nicht genügend kommunizieren.

Auch frühere Erfahrungen sind wichtig

Dem widerspricht die Epidemiologin Penny. Sie und ihre Kollegen wüssten sehr wohl um die Unsicherheiten ihrer Modelle und Prognosen. Es sei die Aufgabe der Forscherinnen und Forscher, Regierungen und Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen. «Aber es kommt halt vor, dass dies in den kurzen Medienbulletins vergessen geht.» Oder dass die Medien diese wichtige Information nicht weitergeben würden.

Auch menschliche und politische Erfahrung, ethische Werte, Machbarkeit, gesellschaftliche Akzeptanz und die Langzeitwirkung müssen mitbedacht werden.
Autor: Gérald KrauseEpidemologe im Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig

Einig sind sich Penny und Krause darin, dass sich Regierungen bei ihren Entscheiden auf keinen Fall nur auf Modelle abstützen sollten. Auch Erfahrungen und Daten aus früheren Epidemien müssten dazu berücksichtigt werden, so Penny. Und Krause ergänzt: «Auch menschliche und politische Erfahrung, ethische Werte, Machbarkeit, gesellschaftliche Akzeptanz und die Langzeitwirkung müssen mitbedacht werden.»

Das Ganze ist also eine komplexe Gemengelage, mit der sich Regierungen und Gesellschaft in den letzten Monaten auseinandersetzen mussten und müssen. Modelle können dabei helfen – aber sie nehmen uns die Entscheidungen nicht ab.

SRF 4 News, Echo der Zeit vom 11.6.2020, 18.00 Uhr

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Andreas Müller  (Hugh Everett)
    Modelle sind eben Modelle und nicht die Realität. Damit muss man umgehen können. Ich hoffe das wird nun endlich auch mal bei der Klimajugend "klingeln" denn Prognosen wie das Klima in 100 Jahren sein könnte, sind noch viel hypothertischere Modellrechnungen als die Verbreitung von Viren in einer Bevölkerung. Der Vorteil der Virensache ist, dass wir relativ schnell sehen wie der Verlauf wirklich ist. Beim Klima würde das allenfall die übernächste Generation sehen.
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    1. Antwort von Vera Kehrli  (Vera Kehrli)
      Es wären wohl eher Autofahrer wie Sie die ihr Model, dass sie keine Auswirkungen auf das Klima hätten, besser fundieren müssten. Wer wie Sie meint, Voraussagen seien nicht machbar oder unzuverlässig sollte auf keinen Fall autofahren.
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    2. Antwort von Andreas Müller  (Hugh Everett)
      Ich Modell wer ich sein könte ist schon falsch. Ich war fast 30 Jahre lang strikter Zug und Velofahrer und habe bis heute nie ein Auto gekauft oder besessen. Flugreisen habe ich, bis ich etwa 40 Jahre alt war 3 gemacht. Die CO2 Bilanz meines Lebens dürfte im Vergleich zur Bilanz heutiger Kinder, die schon Schulreisen per Flugzeug machen, erheblich viel besser aussehen. So schnell kann man sich irren Frau Kehrli.
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    3. Antwort von Steven Baumgartl  (Steven B.)
      Werter Herr Müller, zu gerne würde ich Ihnen recht geben, doch man kann die Modelle schon nicht nur ins hypothetische verdammen, sondern es kann eben auch anders ausgehen - Prognosen können positiv oder negativ sein, entscheidend ist hier die Betrachtungsweise. Prognosen können verfehlt werden, manchmal eben zum positiven und eben zum negativen. Wir spüren nun schon seit Jahren die Veränderungen, viel früher als vorangegangene Prognose prophezeit haben. Traurig, aber wahr!
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  • Kommentar von Franz Giger  (fjg)
    Dass diese bahnbrechende Erkenntnis doch noch den Weg in die Medien gefunden hat finde ich höchst bemerkenswert.

    Führen in Krisenzeiten heisst: In völliger Unkenntnis aller Tatsachen entscheiden und darauf hoffen, dass es gut kommt.
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    1. Antwort von Lucy Meier  (LucyM)
      "Völlige Unkenntnis" wohl kaum, wir konnten ja schon sehen, was in anderen Ländern passiert ist, z.B. Italien. Aber es ist natürlich einfacher, hinterher alles zu kritisieren, nicht wahr? Zudem ging es im fraglichen Modell darum, dass weder Massnahmen getroffen werden noch die Menschen ihr Verhalten anpassen. Dann kann jeder selbst ausrechnen, was das für die Zahlen bedeutet hätte.
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    2. Antwort von Franz Giger  (fjg)
      Wer Entscheidungen aufgrund der Macht der Bilder aus Bergamo trifft gehört nicht an die Staatsspitze. Wir beschäftigen 39.000 Beamte in Bern. Wenigstens einigen schlauen Köpfen hätte es in den Sinn kommen können, die Situation in Italien zu analysieren. Innerhalb allerkürzester Zeit wäre man zum Schluss gekommen: Bei uns nie und nimmer möglich.
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  • Kommentar von Shaira Ruiz  (ShairaSelene)
    Naja, die Regierungen haben Entscheidungen aufgrund Meinungen einiger Virologen getroffen, die nur mal in der Politik mitspielen wollten und natürlich ging es auch um Forschungsgelder, darum haben die falsche Behauptungen verbreitet. Die Regierungen hörten nicht auf die 1000 anderen, die dies anderes sahen. Da es schon zu spät war. Die haben den falschen geglaubt.
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    1. Antwort von Franz Giger  (fjg)
      Das selbe gilt auch fürs Klima einfach mit anderen Akteuren. Da werden Prognosen für die nächsten 30 Jahre auf 0.1 Grad genau abgegeben und dies dann als die alleinige Wahrheit verkauft.
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    2. Antwort von Stefan Huwiler  (huwist)
      Wer hat den falschen geglaubt? Ausser Bolsonaro, am Anfang Trump und Johnson und ein paar Exoten hat keine Regierung den Verharmlosern geglaubt. Wohl nicht zuletzt weil die meisten davon eine sehr überschaubare Reputation haben.
      Man muss den Satz natürlich schon ganz lesen. Wenn jemand vor einer halben Million Toten warnt wenn man nichts tut, ist das nicht falsch nur weil es keine halbe Million Tote gibt wenn man einen monatelangen Lockdown macht.
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    3. Antwort von Lucy Meier  (LucyM)
      Ich gehe davon aus, dass alle Regierungen, die einen Lockdown verfügt haben, dies nach Abwägen aller Vor- und Nachteile getan haben und nicht aufgrund der "Meinung" einiger Virologen. Und mit "Glauben" hat das schon gar nichts zu tun. Davon abgesehen scheinen Sie zu ignorieren, dass in Ländern ohne oder mit verspäteten Massnahmen die Fall- und Todeszahlen deutlich höher sind.
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    4. Antwort von Dominic Müller  (Domi3)
      Frau Meier
      Von den 3 Ländern, die die höchste Mortalität bisher haben pro Einwohnerzahl, Belgien, Spanien, England, ist allen gemeinsam, dass sie für eine Pandemie ein ungenügend vorbereitetes Gesundheitssystem haben. Man kann mit dem Lockdown zwar noch etwas retten, aber nicht unbeschränkt. Spanien und Belgien hatten früh mit dem Lockdown begonnen.
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    5. Antwort von Lucy Meier  (LucyM)
      @Domi3: Gerade heute war zu hören, dass aufgrund des Lockdowns in Deutschland lediglich 0,8 % der Bevölkerung eine nachweisbare Infektion hatten oder haben, in den anderen grossen Ländern in Europa wie Spanien, Frankreich und Italien es aber zwischen 4 und 5 % sind. Deutschland hat sehr früh Massnahmen ergriffen und früh einen Lockdown gehabt. Was die Mortalität anbelangt, haben Sie Recht, es spielt aber auch die Altersstruktur eine Rolle und noch weitere Faktoren.
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