Zum Inhalt springen

Header

Audio
Wieder Ölkatastrophe in russischer Arktis
Aus SRF 4 News aktuell vom 13.07.2020.
abspielen. Laufzeit 06:53 Minuten.
Inhalt

Ölkatastrophe in Sibirien «70 Prozent der Infrastruktur in der Arktis sind hoch gefährdet»

In Sibirien, bei der Stadt Norilsk, sind am Sonntag tausende Liter Treibstoff aus einer Pipeline ausgelaufen. Das ist nicht die einzige Umweltkatastrophe, die die Region beschäftigt. Ende Mai gelangten 21'000 Tonnen Heizöl in die Umwelt. Aktivisten sprachen von der grössten Ölkatastrophe in der Geschichte der russischen Arktis. Wissenschafterin Gabriela Schaepman-Strub von der Uni Zürich befürchtet noch weitere Unglücke dieser Art.

Gabriela Schaepman-Strub

Gabriela Schaepman-Strub

Professorin für Erdsystemwissenschaften

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Gabriela Schaepman-Strub, ausserordentliche Professorin für Erdsystemwissenschaften an der Universität Zürich, ist Expertin für den Klimawandel in der Arktis. Sie kennt Sibirien von zahlreichen Forschungsreisen.

SRF News: Wieso häufen sich gerade jetzt Ölkatastrophen in der Region?

Gabriela Schaepman-Strub: Leider ist es so, dass in dieser Region die Temperaturschwellwerte des Permafrostes um die null Grad liegen. Das rührt auch daher, dass wir jetzt zwei Jahre hintereinander Temperaturextreme hatten mit sehr hohen Temperaturen schon im Frühjahr und wenig Schnee. Und das hat natürlich zu einer zusätzlichen Erwärmung des Permafrostes geführt.

Inwiefern hängen der auftauende Permafrost und die Umweltunglücke mit den Pipelines zusammen?

Eine Studie hat kürzlich gezeigt, dass vier Millionen Menschen und etwa 70 Prozent der Infrastruktur in der Arktis hoch gefährdet sind wegen des Auftauens. Wenn der oberflächliche Permafrost auftaut, sinken die Pfosten, auf denen die Infrastruktur steht, ab. Das ist, wie wenn Sie diesen Bauten das Fundament wegziehen würden. Entsprechend gibt es dann solche Unglücke.

Wenn der oberflächliche Permafrost auftaut, sinken die Pfosten, auf denen die Infrastruktur steht, ab.

Wenn die Permafrostböden wegen der Wärme weiter auftauen, heisst das, dass mit weiteren Ölkatastrophen zu rechnen ist?

Das ist leider zu erwarten. Im panarktischen Bereich steht etwa ein Drittel der Öl- und Gasförderungsinfrastruktur – in Russland allein etwa 45 Prozent – auf solchen Böden. Entsprechend kann man sich vorstellen, dass es zu weiteren Ölkatastrophen kommen kann.

Wenn Öl ins Ökosystem gelangt, welche Folgen hat das für Sibirien?

Sehr schnell sehen wir ein Vogel- und Fischsterben, aber das sind nur die obersten Glieder in der Nahrungskette. Langfristig gibt es eine Verschmutzung der Böden. Diese Stoffe werden in der Arktis nur sehr langsam abgebaut, weil die Bioaktivität wegen der tiefen Temperaturen und der sehr kurzen Sommer langsam vonstattengeht.

Dass der Permafrost auftaut, löst bei Klimaforschern Sorgen aus. Was sind die grössten Befürchtungen?

Wir haben verschiedenste Rückkopplungen dieser Klimaevents. Einerseits erwarten wir einen Abbau von Kohlenstoff, der jetzt im Permafrost lagert. Das kann in Form von Methangas oder CO2 passieren, wenn es trocken ist.

Die Brände treiben die Wölfe und Bären raus aus der Taiga und rein in die Tundra.

Es gibt aktuell auch sehr viele Brände in der Arktis. Allein im Juni sind dort 56 Megatonnen Kohlenstoff wegen Bränden freigesetzt worden. Das ist mehr als der jährliche Ausstoss an Kohlenstoff der gesamten Schweiz.

Was bedeutet das für Flora und Fauna in Sibirien?

Einerseits treiben die Brände die Wölfe und Bären raus aus der Taiga und rein in die Tundra. Plötzlich gibt es viele Leute, die von diesen Tieren bedroht werden. Es gibt aber auch einen Artenverlust in dieser Region, insbesondere Moose und Flechten, die die Nahrungsgrundlage für Rentiere bilden.

Im Frühjahr kann es wieder zu einem grossen Absterben solcher neuen Vegetationen führen.

Die gehen verloren, neue Arten wandern ein. Man darf aber nicht vergessen: Die sind nicht gerüstet für extreme Ereignisse, wenn dann zum Beispiel trotzdem wieder einmal Frost herrscht. Im Frühjahr heisst das, es kann wieder zu einem grossen Absterben solcher neuen Vegetationen führen.

Das Gespräch führte Christina Scheidegger.

SRF 4 News. 13.07.2020, 08:45 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

7 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Simon Reber  (kokolorix)
    Es trifft ein, wovor vorausschauende Wissenschaftler seit Jahrzehnten eindringlich warnen. Die Politik reagiert darauf wie auf ein Unwetter. Offenkundige Schäden beheben, weitermachen wie bisher...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Lilian Albis  (...)
      Die Politik versucht immerhin etwas zu unternehmen. Die Wirtschaft (und damit die Wirtschafts-Parteien) hingegen bremst die meisten Anstrengungen wieder aus.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Peter Meier  (pmeier)
      Die Politik? Wir haben die Politiker die wir gewählt haben. Und sie führen nur das aus, was ihr politisches Mandat erfordert, entsprechend ihrer relativen Stärke im Parlament. Wenn die Bevölkerungen auf der ganzen Welt starke Massnahmen für den Klimaschutz wollten, würden sie keine Mitte-Rechts-konservativen Regierungen wählen, wie es fast überall der Fall ist, auch hier in der Schweiz.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Auch in den idyllischen Oasen Marokkos schlägt der Klimawandel zu. Sandstürme werden immer häufiger, der Grundwasserspiegel sinkt, Palmen verdorren - die "Ver-Wüstung" schreitet voran. Die Oasen kämpfen um ihr Überleben. Bislang verdienten viele ihr Einkommen mit den Früchten der Dattelpalmen, doch das wird immer schwieriger. Seit Jahren fällt der Regen immer unregelmässiger, die Palmen welken, die Ernte geht drastisch zurück. Das Sterben der Oasen lässt sich schon jetzt beobachten.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von René Balli  (René Balli)
    Der Klimawandel schreitet viel schneller voran als von Klimaforschern prophezeit wurde! Wir haben gar keine Zeit mehr und getan wurde eigentlich noch Nichts, der CO2 Ausstoss nimmt immer noch zu. Es ist selten hoffnungslos im Leben, in diesem Fall aber schon. Die Menschheit muss sich sehr bald einen neuen Planeten suchen, auf der Erde wird es extrem ungemütlich werden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen