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Warum Dolly Partons Millionen-Spende problematisch ist
Aus Echo der Zeit vom 08.12.2020.
abspielen. Laufzeit 07:26 Minuten.
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Philanthropie Philosoph: «Nicht Probleme lösen, sondern Veränderung fördern»

Am 1. April verkündete die US-Sängerin Dolly Parton, sie spende ihrem guten Freund und Wissenschaftler Naji Abumrad eine Million Dollar für die Forschung an einem Corona-Impfstoff. Aus dieser Forschung entstand der Impfstoff des Pharmaunternehmens Moderna, der bald in der ganzen Welt eingesetzt werden könnte.

Reiche Menschen, die Geld fürs Gemeinwohl spenden – klinge gut, habe aber seine Schattenseiten, sagt der politische Philosoph Theodore Lechterman. Die Gefahr steige, dass sich der Staat von seinen Aufgaben für die Allgemeinheit verabschiede.

Theodore Lechterman

Theodore Lechterman

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Theodore Lechterman ist politischer Philosoph und forscht an der Universität Oxford zu Ethik in der Philanthropie.

SRF News: Was kann man an einer so grossen Spende für einen Corona-Impfstoff nicht gut finden?

Theodore Lechterman: Bei dieser Spende gibt es in der Tat viele positive Aspekte. In der aktuellen globalen Gesundheitskrise sind viele Regierungen offensichtlich überfordert oder können nicht liefern. Das ist natürlich gut, wenn alle mithelfen. Dennoch gibt es auch Anlass zur Skepsis.

Wie meinen Sie das?

Wenn wir uns darauf verlassen, dass Privatpersonen öffentliche Probleme lösen, besteht die Gefahr, dass sich der Staat von dieser Aufgabe verabschiedet und sie nicht mehr durch Gesetze und Steuern wahrnimmt. Das ist besonders problematisch bei Superreichen: Wenn sie dermassen gelobt und gepriesen werden wegen ihrer Philanthropie, sinkt die Bereitschaft, sie stärker zu besteuern. Wäre die Spende nicht von Dolly Parton, sondern von Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg gekommen, würden wohl mehr Fragen gestellt.

Dolly Parton
Legende: Die Spende von Dolly Parton sei eigentlich eine Musterspende, so Lechterman: Sie habe keinen Interessenskonflikt und verfolge auch keine anderen Ziele. Keystone

Sie haben Amazon-Chef Jeff Bezos öffentlich kritisiert, weil er Seattle viel Geld für den Kampf gegen die Obdachlosigkeit spendete. Warum ist das ein Problem?

Was besonders auffällt, ist der Interessenskonflikt. Bezos hat in der Vergangenheit mit viel Lobbying eine Gesetzesvorlage zu Fall gebracht, mit der Firmen wie Amazon stärker besteuert worden wären – um so in Seattle verbilligten Wohnraum zu finanzieren. Bezos löst ein Problem, für das er teilweise verantwortlich war, und erhielt dafür öffentlichen Dank.

Sie sagen also, mit Philanthropie lösen Reiche Probleme, die es gar nicht gäbe, wenn sie ordentlich Steuern gezahlt hätten. Was ist zu tun?

Es gibt primär zwei Lösungsansätze. Man sollte die Gesetze so ändern, dass die Macht der privaten Geldgeber eingedämmt wird. Zweitens sollte man die Spender dazu bringen, dass sie mit ihrem Geld tatsächlich auch ein gerechtes System schaffen – also nicht nur Probleme lösen, sondern mithelfen, eine Veränderung zu bringen.

Statt (...) Geld nach eigenem Gutdünken zu spenden, sollten Philanthropen Leute dazuholen, die von einem Problem direkt betroffen sind.

Konkret würde das heissen, statt selber zu entscheiden und einfach Geld nach eigenem Gutdünken zu spenden, sollten Philanthropen Leute dazuholen, die von einem Problem direkt betroffen sind oder die gegen das Problem kämpfen. Im Beispiel von Bezos würde das heissen, er hätte mit Obdachlosigkeits-Experten, mit Aktivistinnen oder sogar mit Obdachlosen selber zusammenarbeiten sollen. Er hätte so sichergestellt, dass sein Geld für nachhaltige Projekte eingesetzt wird, in denen er gar keine grosse Rolle mehr gespielt hätte.

Philanthropie mit politischen Hintergedanken

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Philanthropie sei interventionistischer geworden, stellt Lechterman fest. «Früher sponserten reiche Leute vor allem lokale Projekte. Heute ist das alles aggressiver und disruptiver.» Es würden Strategien und Taktiken eingesetzt, die man aus der Geschäftswelt kenne. «Aber nicht jedes Anliegen sollte wie ein Produkt vermarktet werden. Und im Fokus sollte nicht so sehr der Geldgeber stehen, sondern das Projekt oder die Empfänger des Geldes», so der Philosoph.

Als Beispiel für interventionistische Philanthropie nennt Lechterman die Gates-Foundation von Bill und Melinda Gates und deren Engagement im Bildungsbereich. Früher hätten reiche Leute eine Universität gegründet und Geld an Schulen gespendet. «Die Gates Foundation und andere Stiftungen greifen in die nationale oder internationale Bildungspolitik ein und wollen ganze Bildungssysteme ändern – sogar an öffentlichen Schulen. Das ist ein grosser Unterschied.»

Könnte es nicht sein, dass Regulationen dazu führen würden, dass Vermögende auf Spenden verzichten?

Das ist möglich und ein interessantes Szenario. Stellen Sie sich vor, Philanthropie würde eingeschränkt und Reiche würden ihr Geld ausschliesslich für Dinge wie Schmuck oder Yachten ausgeben. Dann wäre der Druck aus der Gesellschaft plötzlich grösser, die enormen Ungleichheiten zu bekämpfen und ein gerechteres Gesellschaftssystem zu entwickeln.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.

Echo der Zeit, 8.12.2020, 18 Uhr;

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Volkart  (Lex18)
    In einer gerechten Welt gibt es keine Reiche und keine Armee, da das Geld gerecht verteilt ist. Leider bleibt das wohl Wunschdenken.
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  • Kommentar von Nicole Meier  (Oliv)
    Das Spenden unserer Philantropen ist auch nicht ohne Eigennutz. Je nachdem fallen sie Dank Spende in ein anderes Besteuerungsniveau und, sie wollen die Spende natürlich wieder von der Steuer absetzen. Gleichzeitig können sie sich öffentlich als spendable und grosszügige Menschen rühmen... natürlich nur so lange wie es ihnen am besten geht und sie Macht ausüben können. Spenden sind für Spendenempfänger kein sicheres Einkommen. Sie sind willkürlich und allein der König Spender entscheidet.
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  • Kommentar von Susanne Saam  (Biennoise)
    Ich zitiere Heinrich Pestalozzi (1746-1827) wörtlich: Wohltätigkeit ist das Ersaufen des Rechts im Mistloch der Gnade.
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