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Satiriker Renato Kaiser über das Wort des Jahres 2020
Aus Radio SRF 1 vom 07.12.2020.
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Wahl von Corona geprägt «Systemrelevant» ist das Wort des Jahres 2020

Zwölf von zwölf Schweizer Wörtern des Jahres haben einen Bezug zur Corona-Pandemie. In der Deutschschweiz sind es «systemrelevant», «Maskensünder» und «stosslüften».

Das Deutschschweizer Wort des Jahres ist «systemrelevant». Dieses Wort habe in diesem Jahr polarisiert, begründet Jurypräsidentin Marlies Whitehouse von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) den Entscheid: «Einerseits hat der Bundesrat bestimmt, welche Sektoren unabdingbar sind für die Gesellschaft und für die Wirtschaft. Andererseits hat sich jeder Einzelne gefragt: Bin ich nicht auch relevant in diesem System?»

Marlies Whitehouse

Marlies Whitehouse

Leiterin Projekt «Wort des Jahres» an der ZHAW

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Marlies Whitehouse hat Germanistik, Anglistik und Japanologie studiert und in der Finanzindustrie gearbeitet. Sie erforscht an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW ) die Produktion und Rezeption von Finanztexten und arbeitet als Schreibcoach. Selber schreibt sie auch Kurzgeschichten, die mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet worden sind. Sie koordiniert das Projekt «Wort des Jahres» in allen vier Landessprachen und leitet die Deutschschweizer Jury.

Zur ZHAW – Wort des Jahres Schweiz, Link öffnet in einem neuen Fenster

Ein Volltreffer ist das Wort auch, weil es 2020 eine dramatische Bedeutungsverschiebung erfuhr. In seiner ersten Karriere, während der Finanzkrise um 2008, bezog es sich ausschliesslich auf Grossbanken. Diesen Frühling erhielten urplötzlich Pflegepersonal und Verkäuferinnen die Auszeichnung der Systemrelevanz. Trotz pandemischem Applaus hat sich allerdings an den tiefen Einkommen in diesen Berufen nichts geändert.

«Maskensünder» auf Rang zwei

Das Wort befremdet auf den ersten Blick, denn kaum jemand hat es auf dem Radar. Jedenfalls nicht im Vergleich mit Dauerbrennern wie «Corona» oder «Maskenpflicht». Aber die Jury entscheide, so Marlies Whitehouse, nicht einfach nach der Häufigkeit eines Wortes. Die Wörter des Jahres sollen einen Diskurs zusammenfassen und zugleich zum Denken anregen. «Maskensünder» ist ein neues Wort, das in der Schweiz besonders oft gebraucht wird – und das mit dem Stichwort «Sünde» sogar an eine biblische Seuche gemahne.

Was ist mit «Vaterschaftsurlaub»?

Die Jury diskutierte lange über «Ständemehr» und «Vaterschaftsurlaub». Aber schliesslich schaffte es mit «stosslüften» doch ein weiteres «Coronawort» unter die ersten Drei. An diesem Thema kam 2020 nichts vorbei. Genauso wenig wie in den Jurys der anderen Landessprachen: Zwölf von zwölf Schweizer Wörtern des Jahres haben einen Bezug zur Corona-Pandemie.

Eine Frau trägt eine türkisfarbene Mase, auf der «systemrelevant» steht.
Legende: Wort des Jahres 2020 In der Deutschschweiz landen «systemrelevant», «Maskensünder» und «stosslüften» auf den Plätzen eins bis drei. Auch in den anderen Sprachregionen dominiert die Coronakrise die Wahl. Keystone/Paul Zinken

«Wort des Jahres 2020» in den vier Sprachregionen

1. Platz2. Platz3. Platz
DeutschsystemrelevantMaskensünderstosslüften
Französischcoronagrabengestes barrières (Hygienemassnahmen)luttes
ItalienischPandemiaResponsabilitàDistanza
Rätoromanischmascrina (Atem-, Schutz- oder Hygienemaske)extraordinari (aussergewöhnlich, herausragend)positivitad

Umfassende Verantwortung

Hinter «Pandemia» auf Rang eins wählte die italienischsprachige Jury «Responsabilità». Damit ist nicht bloss verantwortungsvolles Handeln jedes Einzelnen gemeint: Zuhause bleiben, Maske tragen etc. Es ist auch – Stichwort Konzernverantwortungsinitiative – die Verantwortung der Wirtschaft für ihr Handeln gemeint.

Ähnlich breit soll das Wort «luttes» (Kämpfe) verstanden werden, das die französischsprachige Jury auf Rang drei setzte. «Luttes» stehe für den Kampf gegen die Pandemie, aber genauso für den feministischen Kampf, für den antirassistischen Kampf und für den Klimakampf, die alle in diesem Coronajahr auch ein Thema waren.

Was sagt uns der Coronagraben?

Überraschend ist das Wort des Jahres in der Romandie: «Coronagraben». Ein deutsches Wort. Geht das gegen die Diskussionen, warum welsche Kantone oft höhere Fallzahlen haben als Deutschschweizer Kantone? Nein, sagt Marlies Whitehouse. Es gehe nicht um eine Ausweitung des Röstigrabens in Coronazeiten, sondern darum, dass im selben Land zur selben Zeit unterschiedliche Massnahmen gegen die Pandemie getroffen wurden und die Menschen deshalb verschiedene Realitäten erlebten.

Wort des Jahres

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Das Wort des Jahres gibt es in der Schweiz seit 2003. Bis 2016 wurde es vom «Büro Wort des Jahres» bestimmt. Seit 2017 ermittelt es die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Sprachforscher des Departements Angewandte Linguistik erstellten eine Liste mit rund 100 Wortkandidaten. Grundlage für diese Liste waren erstens die Analyse des Textkorpus «Swiss-AL», zweitens Einsendungen aus der Bevölkerung und drittens Vorschläge der Jury-Mitglieder.

Die Jury für jede Landessprache besteht aus Journalisten, Künstlern und Sprachschaffenden sowie aus Linguisten der ZHAW. Die Jury wählt aus der ihr vorgelegten Longlist die drei Siegerwörter, die am 8. Dezember bekanntgegeben werden. Alle Wörter des Jahres in der Deutschschweiz, in der Romandie, im Tessin und im rätoromanischen Sprachgebiet finden Sie hier, Link öffnet in einem neuen Fenster.

«Positiv» wird negativ

Ein anderes Zeichen setzt die rätoromanische Jury mit der Wahl von «positivitad» als eines ihrer drei Wörter des Jahres. Dass ein lebensbejahendes Wort wie «Positivität» im Kontext von «Corona» eine so negative Bedeutung bekommt, ist typisch für die Misere dieser Krise. Es zeigt, dass nichts mehr so ist, wie es eben noch war.

Deutschschweizer «Wort des Jahres» 2003 bis 2019

1. Platz2. Platz3. Platz
2019KlimajugendOK BoomerFlugscham
2018DoppeladlerRahmenabkommen079
2017#metooweglachenInfluencer
2016Filterblase
2015Einkaufstourist
2014# (Hashtag)
2013Stellwerkstörung
2012Shitstorm
2011Euro-Rabatt
2010Ausschaffung
2009Minarettverbot
2008Rettungspaket
2007Sterbetourismus
2006Rauchverbot
2005Aldisierung
2004Meh Dräck
2003Konkordanz

Radio SRF 1, HeuteMorgen, 08.12.2020, 06:00 Uhr

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23 Kommentare

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  • Kommentar von Martin Müller  (Nonaeol)
    Hat man sich in der Kategorie geirrt? Für mich ist dieses Wort das Unwort des Jahres. Leben wir als Menschen in einer Welt für alle Lebewesen und alle Nicht-Lebewesen, oder in einem System, in welchem nicht für die Schönheit des Lebens gelebt wird, sondern um das System am Laufen zu halten, und deswegen einige Menschen wichtiger sind als andere? In einer solchen Sichtweise laufen die weniger wichtigen Menschen Gefahr, Lebensrecht, Lebensfreude und Menschenwürde zu verlieren.
  • Kommentar von Markus Troxler  (Markus Troxler)
    Der grösste Medienblödsinn denn ich kenne. „Wort des Jahres“
    Was bringt uns das?
  • Kommentar von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
    Positivitad - wenigstens lernt man noch ein schönes Wort auf Rumantsch! Und ist es denn so schlecht, wenn bspw. jemand das Virus hat mit einem milden oder asymptomatischen Verlauf, es (offenbar wie oft dann) auch nicht weitergibt und keine Komplikationen davonträgt? Die Frage stammt von Streeck. Im Grunde also wohl das einzige Wort dieses Jahres, das sich nicht viel besser als Unwort eignen würde.
    1. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Positivitad bezeichnet wunderschön, aber auch tieftraurig, wie wir mit der Sprache und mit einander umgehen. Für die einen ist es eine reine Falldemie, die anderen erklären jeden, der den gesundheitspolitischen Sonderstatus dieses Virus hinterfragt, zum Leugner oder Verharmloser. Auf beiden oder, besser, allen Seiten werden die Kampfbegriffe der anderen als irreführend und fehlgeleitet empfunden - Unworte. Leider hören wir uns auch nicht zu.