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BBC zieht weg aus der urbanen Blase
Aus Echo der Zeit vom 24.03.2021.
abspielen. Laufzeit 06:16 Minuten.
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Weg aus dem Newsroom Die BBC zieht in die britische Provinz

Die BBC soll näher an die Menschen rücken: Hunderte Journalistinnen und Journalisten verlassen die Londoner Blase.

Die BBC gehört seit bald 100 Jahren wie das Königshaus zum britischen Inventar. Umso mehr erschreckte Generaldirektor Tim Davie die Britinnen und Briten, als er kürzlich verkündete, die Zukunft der BBC sei nicht mehr gesichert: «Unser Publikum schrumpft trotz unseren aussergewöhnlichen Bemühungen. Immer mehr Leute halten uns für entbehrlich.»

Tim Davie
Legende: «Wir müssen uns weiterentwickeln, um das zu schützen, was wir an der BBC schätzen. Nämlich Verlässlichkeit und Qualität», sagt Davie. Die Zukunft einer universellen BBC könne nicht länger als selbstverständlich angesehen werden. Getty Images

Ein junges Publikum, das sich längst im Internet informiert, ist die eine Kraft, welche am Fundament der BBC rüttelt. Mindestens so viel Sorgen bereitet Davie aber auch die Frage, wie er all die Dinge finanzieren soll, die sein Haus täglich produziert.

Wir halten es für grundlegend falsch, dass Menschen ins Gefängnis gehen müssen, weil sie keine Gebühren zahlen, für ein Angebot, das viele gar nicht mehr nutzen, weil sie sich auf anderen Kanälen informieren.
Autor: Liam DickJurist und BBC-Kritiker

Der Jurist Liam Dick ist gewissermassen der Schöpfer einer verdünnten, britischen Variante der «No Billag»-Initiative. Er will die jährliche Rundfunkgebühr von rund 200 Franken, die jeder britische Haushalt zu zahlen hat, zwar nicht abschaffen – aber diese nicht zu zahlen soll nicht mehr strafbar sein. Was faktisch einer Abschaffung gleichkommt.

«Wir halten es für grundlegend falsch, dass Menschen ins Gefängnis gehen müssen, weil sie keine Gebühren zahlen, für ein Angebot, das viele gar nicht mehr nutzen, weil sie sich auf anderen Kanälen informieren», sagt Dick. Er fordert, die BBC müsse selbsttragend werden. «Wenn sie so gut ist, wie sie behauptet, werden haufenweise Leute freiwillig für diesen Service bezahlen. Zwang ist aber zutiefst unmoralisch.»

BBC-Regenschirm
Legende: Dick schlägt vor, dass sich BBC mit einem Abo-Modell wie Netflix finanzieren soll. Bis jetzt hat sich die Regierung dazu nicht geäussert, aber spätestens in fünf Jahren, wenn die Konzession der BBC erneuert werden muss, könnte dieser Vorschlag Realität werden. Getty Images

BBC-Chef Davie kann damit nichts anfangen. Verlässliche Informationen gehören für ihn zur Grundversorgung eines Landes – wie Schienen oder Strassen. «Mit einem solchen Modell könnten wir wahrscheinlich ein anständiges Geschäft machen, aber nur in bestimmten Regionen und Gesellschaftsschichten, es würde uns zu einem weiteren Medienunternehmen machen, das nur eine bestimmte Gruppe bedient.»

Spätestens seit die BBC die Saläre ihrer Star-Moderatoren publiziert hat, die teilweise bis zu einer Million Franken verdienen, ist die Mission von Davie nicht einfacher geworden. Auch von der Politik kann er nicht wirklich Hilfe erwarten. Der Brexit hat das Klima zwischen der BBC und Downing Street nachhaltig vergiftet.

Passanten vor BBC-Zentrale in London
Legende: Rund 120 Stunden Radio und Fernsehen produziert die BBC jeden Tag. Kritiker möchten diese Fülle längst eindämmen. Reuters

Die Konservative Partei hat der BBC während des Scheidungsdramas eine tendenziöse Berichterstattung vorgeworfen. Der frühere Labour-Chef Jeremy Corbyn unterstellte dieser gar Arglist. Wenn beide Seiten unzufrieden sind, könne die Brexit-Berichterstattung gar nicht so schlecht gewesen sein, meint der Publizist Liam Halligan.

Seine Kritik zielt in eine andere Richtung: Die BBC habe den Kontakt zum Publikum verloren. «Viele Menschen haben das Gefühl, dass ihnen die BBC nur noch die Weltanschauung von jungen gutsituierten Journalisten aus London präsentiert.»

Die Mehrheit der Zuschauerinnen und Hörer seien jedoch Leute aus der Provinz. «Sie haben das Gefühl, dass die BBC ihnen Themen präsentiert, die nichts mit ihrem Alltag zu tun haben. Und dies oft noch auf eine herablassende Weise.»

Die BBC zieht aus

Die Entfremdung ist offenbar auch BBC-Chef Davie nicht entgangen. Wenigstens für diese Herausforderung hat er eine Antwort gefunden. Vergangene Woche hat er entschieden, dass die BBC ihren Ton ändert.

400 Journalistinnen und Journalisten sollen ihre Umzugskisten packen und die urbane Blase verlassen. Gesendet wird nicht mehr allein aus London, sondern aus dem ganzen Land. Die Informationssendungen werden verteilt nach Cardiff, Bristol oder York. Dorthin, wo der reale Alltag der Menschen stattfindet.

Echo der Zeit, 24.03.2021, 18 Uhr

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Michel Koller  (Mica)
    Die Leute wollen "Gratis"-News und bezahlen nur noch für Unterhaltung, wenn überhaupt. Ihr Wissen ist auch meist entsprechend dürftig und einseitig, falls sie überhaupt über Boulevardmeldungen hinaus informiert sind. Wird eine interessante Welt werden.
    1. Antwort von Andrea Esslinger  (weiterdenken)
      Zustimmen
  • Kommentar von Andrea Esslinger  (weiterdenken)
    Und wir haben SRF bi dä Lüüt. Damit wird auch kein junger Zuschauer hinter dem Sofa hervorgelockt.
  • Kommentar von Martin Haber  (Martinowitsch)
    @SRF: Stellen Sie sich die folgende Überschrift mit nachfolgender Ergänzung vor:

    "Das SRF zieht in die Schweizer Provinz"

    "Das SRF soll näher an die Menschen rücken: Hunderte Journalistinnen und Journalisten verlassen die Züricher Blase."
    1. Antwort von Samu Peri  (samuperi)
      Hallo Herr Haber,
      Verglichen mit der City, meinen Sie wohl eher das Zürcher Blöterli...
      Sich in einer 300'000 Seelen Ortschaft abzukapseln kann sich das SRF natürlich nicht erlauben. Ich sehe allerdings auch nicht, dass es das tut.
      Bedenken Sie doch nur schon beim Radio die regionale Austrahlungen.

      Das Vorgehen der BBC finde ich natürlich auch eine gute Idee.