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Das «Gymi» soll sich neu erfinden
Aus Rendez-vous vom 10.08.2021.
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Aargau als Vorreiter Die Matura-Reform ist eine Knacknuss

Nicht alle Vorschläge zur Matura-Reform stossen auf Zustimmung. Vor allem die Unterteilung in zwei Phasen wird von Experten kritisiert.

In Fachkreisen wird eine Modernisierung der Matura befürwortet – aber nicht alle Vorschläge stossen auf Gegenliebe. Gross ist die Skepsis vor allem gegenüber dem Vorschlag, den Weg zur Matura in eine Grund- und in eine Vertiefungsphase bestehend aus je zwei Jahren zu unterteilen, wie das die Aargauer Gymnasien schon heute tun.

Lucius Hartmann, Präsident des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrerinnen und -lehrer, sagt es so: «Wir sind überzeugt, dass dieser Vorschlag mehr Nachteile als Vorteile mit sich bringt.» Die Schwierigkeit liege vor allem darin, dass gemäss dem Vorschlag die Fächerdichte in den ersten zwei Jahren enorm gross sei und andererseits in der Vertiefungsphase viele Fächer nicht mehr unterrichtet würden.

Die Aufteilung in Grund- und Vertiefungsphase bringt mehr Nachteile als Vorteile.
Autor: Lucius Hartmann Präsident des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrerinnen

«Durch den Vergessenseffekt geht so viel Wissen schon vor der Matura wieder verloren», befürchtet Hartmann. Er selber unterrichtet im Kanton Zürich. Ähnliche Befürchtungen äussern die Mittelschulämter der Kantone Bern, Luzern und Uri.

Der Weg zu einer neuen Matura

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Der Weg zur Matura ist letztmals vor einem Vierteljahrhundert reformiert worden. Bund und Kantone wollen nun eine Weiterentwicklung. Konkret soll die Ausbildung am Gymnasium moderner und schweizweit einheitlicher werden. Derzeit tauschen sich die Fachgremien aus, im nächsten Jahr soll dann auch die Politik ein Wort mitreden können. Die wichtigsten Punkte:

  • Der Weg zur Matura dauert mindestens vier Jahre: Dieser Punkt ist unbestritten.
  • Die vier Jahre gliedern sich in zwei mal zwei Jahre – in eine Grund- und in eine Vertiefungs-Stufe. Umstritten: Die Fachkreise wünschen sich hier keine strikten Vorgaben und verweisen auf die kantonale Autonomie.
  • Die Fächer – Inhalt, Zahl und Gewichtung – müssen überdacht werden. Hier gibt es unterschiedliche Einwände – so soll die Zahl der unterrichteten Fächer nicht überborden. Es droht Überforderung von Schüler- und Lehrerschaft. Zudem wäre die Chancengleichheit gefährdet, wenn an kleinen Gymnasien nur ein kleiner Teil der Fächer angeboten werden könnte. Trotzdem sollen neue Fächer dazukommen und Lehrerschaft und Mittelschulämter äussern die Befürchtungen, dass bisherige, bewährte Fächer zu kurz kämen. Dass teils bisherige Fächer (Sprachen und Naturwissenschaften) weniger intensiv unterrichtet werden sollen, schürt zudem Bedenken, dass das Wissen junger Menschen nicht für die Hochschule reicht.

Derweil können sich die Schulleitungen eine vorgegebene Struktur durchaus vorstellen. Mit der Vertiefungsphase werde der Entwicklung der Schülerinnen und Schüler Rechnung getragen, sagt Stefan Zumbrunn, Präsident der Konferenz der Gymi-Rektorinnen und -Rektoren. Für grössere Lerneinheiten oder selbstorganisiertes Lernen wäre so mehr Platz. «Deshalb ist das der richtige Weg.»

Im Rahmen der internen Konsultation sind auch andere Varianten eingereicht worden, die das strikte zwei-Mal-zwei-Muster aufbrechen wollen, beispielsweise aus den Kantonen Luzern und Baselland. Deshalb werde die weitere Diskussion zeigen, was genau festgelegt werde, so Zumbrunn.

Gegen noch mehr Matura-Fächer

Die Reform betrifft zudem nicht nur die Gliederung des gymnasialen Weges. Sie setzt auch bei den Fächern an: So sollen neue Fächer wie Informatik, Wirtschaft und Recht, Religionen oder Philosophie dazukommen. Aus heute zehn Grundlagen-Fächern, die für die Matura zählen, würden so 14 oder 16.

Diese Fächer zählen heute für die Matura

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  • Die Erstsprache
  • Eine zweite Landessprache
  • Eine dritte Sprache (Landessprache, Englisch oder eine alte Sprache)
  • Mathematik
  • Biologie
  • Chemie
  • Physik
  • Geschichte
  • Geographie
  • Bildnerisches Gestalten und/oder Musik

Die 10 Grundlagenfächer, ein Schwerpunktfach, ein Ergänzungsfach und die Maturaarbeit bilden die Maturitätsfächer.

Die Wahl des Schwerpunktfaches wird auf folgende Bereiche eingegrenzt: eine alte Sprache, eine moderne Sprache, Physik und Math-Anwendungen, Biologie und Chemie, Wirtschaft und Recht, Philosophie/Pädagogik/Psychologie, Bildnerisches Gestalten, Musik.

Die Wahl des Ergänzungsfaches wird eingegrenzt auf einen der folgenden Bereiche: Physik, Chemie, Biologie, Anwendungen der Mathematik oder Informatik (wird für die Matura nicht bewertet), Geschichte, Geographie, Philosophie, Religionslehre, Wirtschaft und Recht (wird für die Matura nicht bewertet), Pädagogik/Psychologie, Bildnerisches Gestalten, Musik, Sport.

Diese Idee stösst auf wenig Gegenliebe – weder bei den Schulleitungen noch bei der Lehrerschaft. Wenn neue Fächer hinzukämen, müsse man bereit sein, sich von bisherigen Fächern zu trennen, betont Rektor Zumbrunn. «Denn bereits heute besuchen die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten bis zu 15 Fächer parallel während eines Schuljahres.»

Befähigung zum Studium

Und für Gymnasiallehrer Hartmann ist ausschlaggebend, dass die Maturandinnen und Maturanden über jenes Wissen verfügten, das sie befähigt, ein Studium aufzunehmen und später wichtige Funktionen in der Gesellschaft übernehmen zu können. «Da braucht es bis zu einem gewissen Grad auch Mut zur Lücke.»

Diese Fächer stehen für die Zukunft zur Diskussion

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  • Informatik
  • Wirtschaft und Recht
  • Philosophie
  • Bilderisches Gestalten
  • Musik
  • Religionen
  • Sport

Neu sind zusätzliche Fächer und Wahlmöglichkeiten vorgeschlagen. Die Zahl der Grundlagenfächer käme so auf 14 oder 16.

Bei der Wahl des Schwerpunkt- (ein oder zwei Fächer) und Ergänzungsfachs (ein oder zwei Fächer) öffnen die Vorschläge die Möglichkeiten. Die Kantone könnten ausserdem noch zusätzliche Angebote machen, wenn genügend Lehrkräfte dafür vorhanden sind.

Die Matura-Reform ist eine Gratwanderung: Wie weit soll man die Ausbildung zur Mittleren Reife modernisieren und neue Fächer einbeziehen – und dafür andere wie die Sprachen oder Naturwissenschaften zurückstufen? Sicher nur so weit, dass trotzdem allen nach der Matura die Hochschulen mit allen Fächern offenstehen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Bildungsfragen unter Kantonshoheit stehen und die einzelnen Kantone an ihren Bildungswegen festhalten möchten. Dennoch sollte ein Matura-Abschluss in der Ostschweiz mit einem in der West- oder Zentralschweiz vergleichbar sein. Kurz: Die Reform der Matura ist eine Knacknuss.

Rendez-vous, 10.08.2021, 12:30 Uhr

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34 Kommentare

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  • Kommentar von harald keller  (pragmatiker)
    man sollte vor allem erst mal harmonisieren, bzw. die Prüfung sollte im ganzen Land die gleiche sein. Die kantonalen Unterschiede im Niveau sind gewaltig, die Quote beispielsweise im Tessin (oder lateinische Kantone generell) viel zu hoch. Das sie nicht intelligenter sind, merkt man, wenn man mit ihnen zusammen studiert.
    1. Antwort von Martin Gebauer  (Mäde)
      Als Student sollten sie aber gemerkt haben, dass eine Anhäufung von Wissen grundsätzlich nichts mit Intelligenz zu tun hat. Die Befähigung für ein Studium drückt sich meiner Ansicht darin aus, dass man in der Lage ist klar und strukturiert zu denken, rasch Zusammenhänge erkennen kann, dass man über sehr gute kommunikative, soziale und herausragende selbstreflexive Fähigkeiten verfügt. Wer nur fleissig ist und Wissen anhäufen kann, taugt nicht für eine akademische Laufbahn.
  • Kommentar von Christian Halter  (⌒o⌒)人(⌒-⌒)
    Also ich habe die Matura im Aargau abgeschlossen und fand es toll. Schwerpunktfach Bio+Chemie. Wir hatten Wirtsch.+Recht glaube ich sogar als Pflichtfach. Fand ich super hilfreich, z.B. Eheverträge, Verfassung etc. Zusätzlich wählte ich moderne Geschichte als Ergänzungsfach. Wenn ich damals schon gekonnt hätte, hätte ich Informatik noch gewählt. Ich finde je mehr Auswahl desto besser. So kann jede/r seine/ihre Fächer gemäss Interessen und Talenten optimal zusammenstellen und fördern.
  • Kommentar von Fabian Welsch  (Fabii)
    Es ist absurd, nochmals mehr Fächer in den sowieso schon sinnlos vollen Stundenplan des Gymis reinzuquetschen. Eine Reform, die auf Interessen und Fähigkeiten der Studierenden fokussiert, ist sinnvoll: Sprachlich Begabte sollen in Sprachen gefördert werden und in den MINT-Fächern Basics lernen. Begabte in Naturwissenschaften sollten eben dort gefördert werden und dafür weniger in Sprachen bewertet werden. Menschen haben verschiedene Talente und auf die sollte man auch in Gymis eingehen.
    1. Antwort von Mirjam Hoss  (Snipsnapper)
      Das Traurige ist, dass das, was Sie sich wünschen, wir früher gehabt haben, mit den Gymi-Typen A-E (durch die Schüler frei wählbar). So konnte jeder ab Alter 16 seinen Stärken folgen, diese wurden 4 weitere Jahre lang verstärkt, woraufhin der Maturand mit 20 nach dem Gymi optimal vorbereitet ein Studium startete in einer Fachrichtung seiner Stärken.