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Debatte um Fair-Food Vielen Tieren könnte es besser gehen

In der Schweiz werden Nutztiere meist besser gehalten als im Ausland. Doch das heisst nicht, dass es allen gut geht.

Legende: Audio Ich wollt' ich wär ein Schweizer Huhn abspielen. Laufzeit 04:56 Minuten.
04:56 min, aus Rendez-vous vom 13.09.2018.

Weisse Hühner picken nach Körnern, scharren im Sägemehl, halten ihren Kopf schief und beäugen neugierig den Eindringling in ihrem Stall. Diese Legehennen leben bis zu eineinhalb Jahren. Danach bringen sie die gewünschte Qualität bei ihren Eiern nicht mehr und werden getötet.

Zu Lebzeiten gehe es ihnen besser als vielen Hühnern in Brasilien oder in einigen EU-Ländern, sagt der Leiter des Forschungszentrums, Hanno Würbel. Wie in den meisten Bereichen des Tierschutzes kenne die Schweiz auch bei den Hühnern höhere Minimalanforderungen als in der EU, so der Professor für Tierschutz an der Universität Bern.

Maximal 18'000 Tiere erlaubt

«Die Bestandsgrösse in der Schweiz ist reguliert. In der EU gibt es das nicht – dort sind Herden von bis zu 100'000 Tieren möglich.» So darf ein Produzent hierzulande maximal 18'000 Hühner halten. Weiter ist die Käfighaltung in der Schweiz verboten, in der EU ist sie immer noch erlaubt. Entsprechend haben die Hühner dort weniger Platz.

Legehennen in Metallkäfigen.
Legende: Hühnerhaltung nach EU-Standard. Imago

Im Forschungszentrum in Zollikofen leben die Legehennen in einer sogenannten Voliere. Die Hühner können sich in dem Käfig frei bewegen – sei es am Boden oder in der Luft. Entscheidend ist, dass die Voliere strukturiert ist: «Es gibt verschiedene Bereiche für verschiedene Verhaltensweisen, die für das Normalverhalten dieser Tiere wichtig ist», erklärt Würbel.

Artgerechte Haltung in der Schweiz

Ein Huhn kann sich zum Eierlegen in eine dunkle Nische zurückziehen oder zum Schlafen auf einer Stange sitzen. Es kann immer fressen und trinken und im Sägemehl scharren, picken und Sandbäder nehmen. Das ist der Minimalstandard, den das Schweizer Gesetz verlangt.

Zehn Prozent der Hühner werden so gehalten. 90 Prozent aller Hühner in der Schweiz haben es sogar noch etwas besser – wie diese hier im Forschungszentrum: Sie profitieren zusätzlich von einer Art Wintergarten. Das heisst, sie haben mehr Platz, sehen Tageslicht und haben frische Luft.

Hühner im Freien vor dem Hühnerstall.
Legende: Freiland-Hühner können artgerecht leben. Weil der Aufwand für den Züchter grösser ist, sind ihre Eier und ihr Fleisch teurer. Keystone

Die Schweiz kann einen Grossteil ihres Bedarfs an Eiern selber abdecken. Gut 60 Prozent werden im Inland produziert. Der Rest wird importiert. Beim Hühnerfleisch sieht es ähnlich aus. Konkret wurden im letzten Jahr gut 45'000 Tonnen Hühnerfleisch eingeführt, am meisten aus Brasilien. Ein grosser Lieferant ist auch Deutschland mit mehr als 7500 Tonnen.

Schweiz lagert Billigproduktion ins Ausland aus

Die meisten dieser Tiere hätten kein gutes Leben gehabt, sagt Friedrich Mülln, Gründer der deutschen Soko Tierschutz. Das Problem sei die Massentierhaltung mit Zehntausenden von Tieren: «Die Hühner werden innert gut vier Wochen durch Turbomast zu knapp zwei Kilogramm schweren Tieren aufgebläht. Das ist Qualzucht.» Danach würden die Tiere abtransportiert und geschlachtet.

Die Hühner werden innert gut vier Wochen durch Turbomast aufgebläht. Das ist Qualzucht.
Autor: Friedrich MüllnGründer der deutschen Soko Tierschutz

Dabei würden sich die deutschen Hühnerfarmen kaum von denen in Brasilien unterscheiden, so der Tierschützer. Auch gebe es in Deutschland viel zu wenige Kontrollen, kritisiert Mülln. Im Vergleich dazu hätten es die Nutztiere in der Schweiz tatsächlich etwas besser – doch er macht sogleich eine Einschränkung: «Das ist dadurch erkauft, dass die meiste Produktion in Länder mit schlechteren Standards ausgelagert wurde.»

Würden alle in der Schweiz konsumierten Tiererzeugnisse auch hierzulande produziert, dann müsste auch die Schweiz auf die umstrittene Massentierhaltung umstellen, ist Tierschützer Mülln überzeugt.

Auch in der Schweiz arbeiten wir tagtäglich daran, um das Leiden und die Schmerzen der Tiere zu lindern.
Autor: Hanno WürbelProfessor für Tierschutz an der Uni Bern

Auch Professor Würbel vom Zentrum für tiergerechte Haltung will die Schweiz nicht nur loben. Man dürfe nicht vergessen, dass Minimalanforderungen in der Nutztierhaltung ein Kompromiss zwischen Tierschutz, Wirtschaft und Gesellschaft seien. Es sei die Grenze vom Tierschutz zur Tierquälerei.

«Auch unter Schweizer Bedingungen gibt es Tierschutz-Probleme, an denen wir tagtäglich arbeiten, um das Leiden und die Schmerzen der Tiere zu lindern.» So würden die Legehennen beispielsweise ein Ei pro Tag legen. Das sei eine enorme Leistung, die ihren Organismus überfordere. Insofern gibt es auch in der Schweiz beim Tierschutz noch Verbesserungspotenzial.

In Deutschland wiederum tue sich etwas, sagt Tierschützer Mölln – allerdings nur sehr langsam. So werde die Käfighaltung bis ins Jahr 2024 landesweit verboten sein. Schweizer Minimalstandards lägen dagegen noch in weiter Ferne.

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30 Kommentare

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  • Kommentar von Renato Pichler (Vegi)
    Soll dieser Werbeartikel für Schweizer Fleisch eine Abstimmungspropaganda sein? Den Schweizer Hühnern geht es nicht so viel besser wie im Ausland. Auch in der EU ist seit 1. Januar 2012 die herkömmliche Käfighaltung für Hühner verboten. Zudem ist es für ein Huhn völlig egal ob es mit 18000 oder mit 100'000 Artenossen zusammen in einer Halle vor sich hin vegetiert: Schon bei 100 Hühnern leben sie im Dauerstress, da die Hackordnung zusammenbricht. Weitere Infos: www.swissveg.ch/HuHngesund?
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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    NEIN für Fair-Food!!! Die Fair-Food betrifft nicht uns sondern das Ausland. Damit wollen die Linken weiter in der Welt "plagieren" was richtig ist und was nicht. Das ist ein Unternehmen ohne Ende! Diese Initiative ist ein Teil des "Gutmenschenschleiers" den die Linken über unsere Gesellschaft ausbreitet. Vorne Gute Taten: dahinter macht die Politik was sie will. Jedoch müssen wir die Ernährungssouveränität mit einem deutlichen JA annehmen, denn diese betrifft unser Land, unsere Bauern + Tiere.
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    1. Antwort von Daniel Beguelin (Daniel Beguelin)
      Haben Sie den Initiativtext zur Ernährungssouveränität gelesen ? Mit der jetzt schon sehr intensiven CH-Landwirtschaft können wir nicht mal die Hälfte der benötigten Nahrungs/Futtermittel produzieren. Die verlangten 100% erreichen wir nur, wenn die meisten Wälder abgeholzt werden und noch intensiver (= mehr Pestizid, Dünger, Chemie) angebaut wird. Oder wenn wir die Kavallerie losschicken, um Ländereien in Bayern zu erobern. NEIN zu diesem Unsinn.
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    Von mir zwar ein Ja, aber dennoch ist mir klar, dass Importware niemals fair sein kann, denn unsere, durch Landraub ausgelagerten Anbauflächen übertreffen längst unsere eigenen. Viele wissen wohl nicht was das uvam bedeutet, dass fast die ganze Welt, vorab China, sich in Entwicklungsländern breit macht, Landraub betreibt, über die Regierung zahllose Bauern für Schmiergelder enteignet werden, abgesehen von der Zerstörung der letzten Regenwälder samt ihrer ungeheuren Vielfalt in Fauna und Flora.
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    1. Antwort von M. Roe (M. Roe)
      Wenn wir die Fair-Food unterstützen, da man dem kleinen Bauer in Afrika helfen will, setzen wir unser Geld eh in den Sand, vor allem in den chinesischen. Die Chinesen haben längst übernommen in den Entwicklungsländern, obwohl auch China noch zum grössten Teil Entwicklungsland ist. Wir müssen an erster Stelle bei uns schauen +die "Ernährungssouveränität" mit einem riesigen JA annehmen. Nur mit dieser Initiative können wir etwas für unsere Landwirtschaft, Bauern +Tiere tun. Schweizer seid mutig!
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    2. Antwort von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
      M. Roe, unsere Agrarflächen sind dank Bauboom geschrumpft, dafür hat die Bevölkerung 2007-2017 um 1 Million zugenommen. Ernährungssouveränität haben wir eh längst nicht mehr, die CH ist überbevölkert und deshalb vom Ausland abhängig. Das passt mir zwar gar nicht, aber ich denke, es ist doch ein kleiner Schritt zum Guten, dass wenn schon Importware, sie wenigstens einigermassen unserem Standard entsprechen muss.
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