Zum Inhalt springen
Inhalt

Abzocke statt Kredit Tausende Schweizer geschädigt durch tückische Kreditfalle

Legende: Video Tückische Kreditfalle – Tausende Schweizer betroffen abspielen. Laufzeit 10:36 Minuten.
Aus Kassensturz vom 30.10.2018.

Das Wichtigste in Kürze

  • Unseriöse Finanzsanierer versprechen, die Geldsorgen unkompliziert zu beseitigen.
  • Stattdessen hinterlassen sie Betroffene mit noch mehr Schulden.
  • «Kassensturz»-Recherchen zeigen: In der Schweiz haben Geschädigte so Millionen verloren.
  • In 13 Kantonen ermitteln die Behörden, unter anderem wegen Betrugs. Jetzt soll die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernehmen.

Der Vorwurf ist happig: In mehreren Kantonen ermitteln die Behörden unter anderem wegen gewerbsmässigen Betrugs. So läuft die Masche: Im Internet richten sich die selbsternannten «Finanzsanierer» an Menschen, die Geldsorgen haben. Sie versprechen etwa eine «Kreditalternative für Schulden», Anträge würden «sofort» bearbeitet. Die Hoffnung auf eine einfache Lösung, auf einen Kredit, verleitet viele zu einem raschen Klick.

Doch statt eines Kredits oder einer seriösen Schuldenberatung erhalten die Geschädigten Rechnungen, die sie zuerst bezahlen sollen: Gebühren für die Vermittlung und die «Finanzsanierung».

Der St. Galler Anwalt Simon Epprecht kennt zahlreiche Kreditsuchende, die so in die Falle getappt sind und bezahlt haben. Er sagt, sie würden getäuscht: «Die Firmen nennen etwa auf Ihrer Homepage Schlagwörter wie Finanzsumme oder Ratenzahlung. Betroffene gehen davon aus, es handle sich um ein seriöses Angebot.» Viele merken erst, nachdem sie mehrere Tausend Franken bezahlt haben, dass sie keinen Kredit bekommen werden und nur ihren Schuldenberg erhöht haben.

Die Anzahl der potentiell geschädigten Personen kann nur annähernd geschätzt werden. Diese Anzahl dürfte sich aber auf mehrere tausend Personen belaufen.
Autor: Staatsanwaltschaft Thurgau

Internationales Ausmass

Die Schadenssumme geht schweizweit in die Millionen. Das schreibt die Staatsanwaltschaft Thurgau auf Anfrage von «Kassensturz»: «Die Anzahl der potentiell geschädigten Personen kann nur annähernd geschätzt werden. Diese Anzahl dürfte sich aber auf mehrere tausend Personen belaufen.» Derzeit ermitteln die Behörden in 13 Kantonen gegen diverse Firmen. Mittlerweile haben die Kantone aufgrund des Ausmasses die Bundesanwaltschaft aufgefordert, die Ermittlungen zu übernehmen.

Recherchen von «Kassensturz» zeigen: Das wahre Ausmass ist noch grösser. Dies belegt das Beispiel der Firma Topmoney und deren Verantwortlichen. Auch gegen diese Firma wird in mehreren Kantonen ermittelt, darunter Zürich und St. Gallen. Über Topmoney haben sich zahlreiche Zuschauer beschwert. Viele Geschädigte haben die Firma auch betrieben, um Geld zurückzuerhalten.

Legende: Video Christian Maltry, Schuldnerberatung Landratsamt Main-Spessart abspielen. Laufzeit 00:42 Minuten.
Aus Kassensturz vom 30.10.2018.

Briefkastenfirmen stecken dahinter

Hinter Topmoney steckt Thomas Walter Schmutz, Geschäftsführer der Mutterfirma Top AG im englischen Manchester. Die Firmenadresse entpuppt sich als eine Briefkastenfirma. Thomas Walter Schmutz betreibt an der gleichen Adresse weitere Firmen, die dort ebenfalls nur einen Briefkasten haben.

Diese Firmen sind in Deutschland negativ aufgefallen. Im bayerischen Karlstadt arbeitet Schuldnerberater Christian Maltry, der ganze Netzwerke von dubiosen Finanzsanierern aufgedeckt hat.

«Kassensturz» vom 29.03.2011

«Kassensturz» vom 29.03.2011

«Kassensturz» berichtete bereits 2011 von einer fiesen Kreditvermittlungsabzocke der Firma Creditzone, bei der die Kreditsuchenden stundenlang auf einer teuren Hotline vertröstet wurden. Einen Kredit gab es nicht, dafür eine hohe Telefonrechnung. Geschäftsführer der Creditzone war damals Thomas Walter Schmutz, der heutige Geschäftsführer der Topmoney. Mehr

Die Masche der «Schmutztruppe»

Christian Maltry findet klare Worte: «Diese Firmen haben sich darauf spezialisiert, den Ärmsten noch ein paar hundert Euro aus der Tasche zu ziehen, indem sie Versprechen machen, die sie nicht einhalten. Letztendlich wird man viele dieser Angebote als kriminell qualifizieren müssen.» Der Experte schätzt, solch unseriöse Anbieter von Finanzsanierungen hätten in Deutschland einen Schaden von rund 150 Millionen Euro verursacht.

Christian Maltry untersuchte viele unseriöse Anbieter. Eine zentrale Figur hinter diesen Netzwerken in Deutschland: Thomas Walter Schmutz. Bereits 2007 habe Thomas Walter Schmutz Kreditsuchende in Deutschland mit teuren Telefonhotlines das Geld aus der Tasche gezogen. Dann kam die Masche mit den Internetangeboten zur Kreditvermittlung, erklärt Christian Maltry: «Die Schmutztruppe ist damit aufgefallen. Tatsächlich ist aber kein einziger Kredit vermittelt worden. Tatsächlich ist auch keine sinnvolle Finanzsanierung erbracht worden.»

Abzocke auch in Österreich

Auch in Österreich hinterliessen die Firmen von Thomas Walter Schmutz zahlreiche Geschädigte. Und auch hier haben die Behörden schon ermittelt gegen Thomas Walter Schmutz. Die Staatsanwaltschaft Wien hat vor Kurzem ein Verfahren wegen Betrugs eingestellt.

Für «Kassensturz» ist Thomas Walter Schmutz nicht zu sprechen. Durch seine Anwältin lässt er ausrichten: «Dem Geschäftsführer der Top AG Ltd. ist kein einziger Fall bekannt, in dem die von der Top AG Ltd. vermittelten Vertragspartner (Finanzsanierungsinstitute) ihren vertraglichen Verpflichtungen nicht nachgekommen wären.»

Die Webseite wurde explizit im Hinblick auf allfällig irreführende Aussagen überprüft und auch bearbeitet. Wer tatsächlich meint, er bekomme einen Kredit vermittelt, sollte das Angebot der Webseite richtig lesen.
Autor: Top Money

Zum Vorwurf der Täuschung durch den Internetauftritt schreibt der Topmoney-Chef: «Die Webseite wurde explizit im Hinblick auf allfällig irreführende Aussagen überprüft und auch überarbeitet. Wer tatsächlich meint, er bekomme einen Kredit vermittelt, sollte das Angebot der Webseite richtig lesen.»

Zur Tätigkeit in Deutschland lässt Thomas Walter Schmutz ausrichten, er sei bis 2008 in der Schweiz angestellt gewesen.

Zu den laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaften will sich Herr Schmutz nicht äussern. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

7 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Bruno Hochuli (Bruno Hochuli)
    Bevor man einen Kredit aufnimmt, sollte man überlegen ob man das Gewünschte kaufen soll und ob man es braucht. Oder man spricht mit der Behörde ob es eine andere Lösung gibt. Wer Kredite aufnimmt der kommt meistens aus dem Sumpf nicht mehr raus. Ohne Schulden lebt sich's gemütlicher.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Adrian Gerber (Gerber)
    Grundsätzlich sollte man sich schon die Frage stellen, wie Jemand 65'000 Fr bewilligen kann, ohne Jemals einen Gehaltsnachweis oder Ähnliches eingefordert zu haben? Ich merke es selber, bin mit 38ig Vater geworden. Wir mussten X Sachen anschaffen und das Gehalt meiner Frau fällt weg. Wir haben genug Rücklagen. Wie ich Mitte 20ig mit dieser Situation umgegangen wäre, weiss ich nicht.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Peter Imber (Wasserfall)
    Also, wenn jemand aufgefordert wird, zuerst mal einiges an Geld zu bezahlen, bevor er seinen Kredit erhält, dann sollten doch auch bei in finanziellen Angelegenheiten wenig bis gar nicht bewanderten Leuten sämtliche Alarmglocken schrillen. Umso mehr, da ja konstant vor kriminellen Abzockern im Netz etc gewarnt wird. Eine gewisse Eigenvernunft muss man schon noch walten lassen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen