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Bauern uneins über künftige Agrarpolitik
Aus 10 vor 10 vom 17.03.2021.
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Agrarreform AP 22+ Der Schweizer Landwirtschaft droht der ökologische Stillstand

Nachdem National- und Ständerat der Weiterentwicklung der Agrarpolitik ab 2022 (AP22+) eine Abfuhr erteilt haben, drängt sich die Frage auf: Wie umweltverträglich ist die Landwirtschaft in der Schweiz?

Mit der AP22+ sollte auch die Landwirtschaft in die Klimapolitik einbezogen werden. Dies sei nicht nötig, sagt Jakob Lütolf, Bauer und Vorstandsmitglied des Schweizer Bauernverbands (SBV). Die Landwirtschaft tue im Vergleicht zu früher bereits genug für den Umweltschutz. Der Bauernverband war es denn auch, der der Reform im Parlament den Dolchstoss versetzte. «In den 1970er und 1980er Jahren war Ökologie noch ein Fremdwort. Doch dann kam die Ökologisierung, und wir haben angefangen zu korrigieren. Wir sind auf einem guten Weg», sagt Lütolf.

Dem widerspricht allerdings Andreas Bosshard. Er ist Geschäftsführer der Denkfabrik Vision Landwirtschaft und selber Bauer: «Alle Zahlen zeigen, dass die Agrarpolitik punkto Umwelt nicht mehr weiterkommt. Mit der AP22+ hätten wir das anpacken können. Doch das wird nun auf die lange Bank geschoben.»

Wie umweltverträglich ist die Landwirtschaft?

Die AP22+ sah vor, den Ausstoss von Treibhausgasen in der Landwirtschaft bis 2030 um 20 Prozent zu reduzieren im Vergleich zum Basiswert von 1990.

Kurvendiagramm
Legende: In der Schweizer Landwirtschaft stagniert der Ausstoss von Treibhausgas-Emissionen. Zielwert sind 6.12 Millionen Tonnen CO2. SRF

Die CO2-Emissionen sinken seit 1990 stetig – aber seit den 2000er Jahren stagnieren sie. Um die angestrebte Reduktion zu erreichen, müsste der Ausstoss bis 2030 um fast eine halbe Million Tonnen CO2 reduziert werden.

Doch die Treibhausgas-Emissionen sind nicht das Hauptproblem. Viel schwerer tun sich die Bauern damit, den Ammoniak-Ausstoss zu reduzieren. Die Ammoniak-Gase entstehen zum Beispiel beim Ausbringen der Gülle. Heute spritzen viele Bauern die Gülle auf dem Feld in hohem Bogen aus einem Fassanhänger.

Viel zu hohe Ammoniak-Mengen

Es gäbe eine umweltfreundlichere Alternative, das Güllen mit einem sogenannten Schleppschlauch. In Deutschland ist diese Technik auf Ackerflächen bereits Pflicht. Doch die Ammoniak-Reduktion beisst sich gemäss Bauer Jakob Lütolf auch mit dem Tierschutz: «Für die Tiere ist die Laufstallhaltung absolut das Beste. Das Tier kann sich frei bewegen. Dadurch werden aber Kot und Harn der Tiere und damit auch Ammoniak viel breiter verteilt als in einem Anbindestall. Der Ausstoss ist damit dreimal so hoch.»

Das Problem mit dem Ammoniak: Die Gase führen zu einer Überdüngung der Böden. Dies ist bei fast 90 Prozent aller Wälder, bei fast allen Hochmooren, bei drei Viertel der Flachmoore und bei einem Drittel der Trockenwiesen der Fall.

Kurvendiagramm
Legende: Die Ammonik-Emissionen in der Schweizer Landwirtschaft werden weit überschritten. Die Obergrenze läge bei 25'000 Tonnen. SRF

Über 90 Prozent des Ammoniaks stammen aus der Landwirtschaft. Die Umweltziele Landwirtschaft des Bundesamts für Umwelt sehen vor, dass pro Jahr maximal 25'000 Tonnen Ammoniak-Gase ausgestossen werden dürfen. Im Moment stammen aus der Landwirtschaft aber 41'800 Tonnen pro Jahr.

Fehlende Anreize ohne Agrarreform

Genügend Platz für seine Kühe will auch Urs Brändli, Biobauer und Präsident von BioSuisse. Es gäbe aber noch andere Bereiche bei der Kuhhaltung, die schonender für die Umwelt gemacht werden könnten. «Mit der Reform wäre belohnt worden, ältere Tiere zu haben, weniger Kraftfutter einzusetzen und die Tiere mehr auf die Weide zu lassen», sagt Brändli.

Keine Agrarpolitik 2022+ bedeutet aber auch keine neuen Anreize für solche ökologischen Massnahmen. Zwar will das Parlament doch noch einige Punkte durchsetzen. Trotzdem droht die ökologische Weiterentwicklung der Schweizer Landwirtschaft ins Stocken zu geraten.

10vor10, 17.03.2021, 21:50 Uhr

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88 Kommentare

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  • Kommentar von David Naegeli  (Dedun23)
    Die intensive Landwirtschaft ist auch schuld an der Abwanderung von Land zur Stadt. Immer grössere Maschinen ersetzen Arbeitskräfte, die dann in die Stadt nach neuer Arbeit suchen müssen. Die Bevölkerung in den Dörfer nimmt ab.
    Schuld daran sind nicht die Bauern, sondern die ewigen gleichen Köpfe in Bern, welche nicht von der ökologischen Landwirschaft profitieren würden.
    Ich frage mich, wann die Bauern das bemerken und nicht mehr diese gierigen Politiker unterstützen.
  • Kommentar von Franz Wyss  (franzw)
    Ich wohne am Siedlungsrand, habe Felder und Wiesen vor mir, und ich sehe, dass da auch von Bauern, die ökologisch sein wollen, auf jeder Kultur (Mais, Weizen, Raps, ...) von der Aussaat bis zur Ernte 4-7 mal gegiftet wird. Die breiten Maschinenspuren auf/in den Feldernsind zur Zeit bestens sichtbar. Aber jeder Bauer verteilt nur soviel Gift, wie unbedingt nötig. Sagt er. Für die meisten Bauern gibt es nur einen Glauben: Geld!!
  • Kommentar von Sancho Brochella  (warum?)
    Das Landwirtschaftssystem, wie es heute ist, ist so gewachsen. Es geht hier nicht um Schuld oder Unschuld bei den Landwirtinnen und Landwirten. Dies müssen in dem Markt zurecht kommen. Allerdings gibt es auch gebildetere und weniger gebildete, aufgeschlossenere und bequeme, wie überall. Es gibt m.E. aber klar "Schuldige" bei den Chemiefirmen und Mittelsmänner & Frauen bei Politikern. Die Problematik ist seit Jahrzehnten bekannt. Weniger Fleisch, mehr Diversität (Permakulturen), möglichst bio.