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«Ich fühle mich wie im Gefängnis mit Hofgang»
Aus Espresso vom 22.04.2020.
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Altersresidenz zu Coronazeiten «Ich fühle mich wie im Gefängnis mit Hofgang»

Die Zürcher Stiftung Atlas verbietet Bewohnenden ihrer Altersresidenzen selbst Spaziergänge ausserhalb des Geländes.

Martha Müller* ist frustriert: Die Bewohnerin einer Altersresidenz der Zürcher Stiftung Atlas kann nicht mehr auf ihren täglichen Spaziergang. «Es gilt eine strenge Hausordnung, die uns selbst Spaziergänge verbietet.» Sie könne verstehen, dass die Verantwortlichen Bedenken hätten wegen des Coronavirus: «Aber ich halte mich an alle Regeln: Ich gehe alleine und treffe niemanden, ich wasche auch meine Hände gründlich, wenn ich zurück bin.»

Die Residenz verfüge zwar über einen kleinen Innenhof. «Aber da fühle ich mich wie im Gefängnis mit Hofgang.» Die rüstige 85-Jährige versteht nicht, weshalb sie das Gelände nicht mehr verlassen darf: «Nicht einmal der Bund verbietet Spaziergänge.»

«Zum Schutz unserer Bewohnenden»

Auf Anfrage heisst es bei der Stiftung Atlas, man habe sich mit der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich abgesprochen. «Dabei wurde uns diese Massnahme ausdrücklich empfohlen.» Es gehe um den «Schutz unserer Bewohnenden, welche allesamt als besonders gefährdete Personen gelten». Man versuche, das Risiko bestmöglich zu reduzieren.

Die Stiftung räumt ein, dass es täglich Ausnahmebewilligungen gebe. Dies aber nur für «dringliche Situationen» wie etwa Arzt- oder Spitalbesuche, die nicht aufgeschoben werden können.

Juristisch umstritten

Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit ist eine drastische Massnahme. Curaviva, der Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Unterstützungsbedarf, geht davon aus, dass eine solche Regelung rechtlich nicht durchgesetzt werden kann. «Für Mieterinnen und Mieter einer Altersresidenz sind die Bestimmungen der Kantone sowie die Empfehlungen des Bundesrats nicht wirklich anwendbar», teilt Curaviva auf Anfrage mit. Die Massnahme lasse sich allenfalls moralisch begründen – etwa mit der Vermeidung von Ansteckungen.

Ringen um Lösungen

Letztendlich müsste ein Gericht klären, ob die Atlas Stiftung die Bewegungsfreiheit zu stark einschränkt für die Bewohnenden. Denn nebst den Alterswohnungen gehören zu ihren Residenzen auch kleine Pflegeabteilungen mit rund 20 Betten. Das Problem könnte sich allerdings schon bald lösen: Die Stiftung stellt in Aussicht, die strenge Anordnung «im Zuge der geplanten Lockerungen der Massnahmen des Bundes» zu überprüfen, um die Bewohnenden nicht länger als notwendig einzuschränken.

Auch die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich stellt eine Lösung in Aussicht. Aktuell werde intensiv über die weitere Handhabung diskutiert, sagt ein Sprecher. Es ist eine Lösung, die schweizweit gefunden werden muss, denn solange es keinen wirksamen Impfstoff gibt, bleiben insbesondere betagte Personen besonders gefährdet durch das Coronavirus.

Ewig einsperren kann man sie deswegen nicht, die gesundheitlichen Konsequenzen der kompletten Isolation sind nämlich ebenfalls gravierend: «Hier müssen wir sehr sorgsam abwägen zwischen dem Schutz vor dem Virus und den langfristigen sozialen oder psychischen Folgeschäden», sagte etwa Markus Leser von Curaviva im «Tagesgespräch» von Radio SRF.

*Name geändert

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Espresso, 22.04.20, 08:13 Uhr

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34 Kommentare

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  • Kommentar von Stefan Huwiler  (huwist)
    Die Bewohner dürfen selbstverständlich das Altersheim verlassen. Sind ja keine Gefangenen.
    Rchtigerweise dürfen sie aber zum Schutz derer, die nicht raus gehen, am Abend nicht wieder zurückkommen.
    Schade muss man solche Dinge so strikt regeln und die ersten kommen schon auf die Idee dagegen zu klagen. Eigentlich ist es selbstverständlich dass man nicht für einen Spaziergang riskiert Corona in ein Heim einzuschleppen.
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    1. Antwort von Astrid Meier  (Swissmiss)
      Sich bei einem Spaziergang um den Block, unter Einhaltung der Distanzmassnahmen anzustecken, dürfte deutlich schwieriger sein, als durch das Personal, das mit dem ÖV zur Arbeit muss, und nicht über genügend Schutzkleidung verfügt!
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  • Kommentar von Ruedi Lais  (Ruedi Lais)
    Gegen eine solche Anweisung der Heimleitung kann man bei der zuständigen Aufsichtsinstanz, dem Bezirksrat Zürich, rekurrieren und gleichzeitig beantragen, dass sie superprovisorisch aufgehoben wird. Als Mitglied eines anderen Bezirksrates näme mich wunder, wie die KollegInnen in Zürich über einen solchen Eingriff in individuelle Grundrechte zugunsten der Gesundheit aller MitbewohnerInnen entscheiden.
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  • Kommentar von Dorothee Meili  (DoX.98)
    Besten Dank für die spannende Diskussion! Meine Einstellung zu: wie, wo Aelter-, Altwerden, Altsein (selbstverständlich dumm und trottelig!) wandelt sich. Nach vertiefter Information über Covid-19, Krankheitsverlauf/-folgen, ist für mich klar: ich schütze mich 1.wegen mir selber 2.um nicht andere zu gefährden. Gerade in Zürcher Institutionen zeigt sich, dass Alte auch "nur" Trägerinnen sein können; ein derartiges Zusammenleben scheint sehr anspruchvoll. Ich habe etwas Verständnis für die Leitung
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