Der Bundesrat beschliesst mit der Armeebotschaft 2026 eine massive Aufrüstung und warnt, die Schweiz sei ungenügend geschützt. Die Armee sei nicht bereit, sagt auch der neue Ausbildungschef Gregor Metzler im Interview mit dem «Club».
SRF News: Mit welcher Gefühlslage haben Sie das Amt als Chef der Ausbildung der Armee übernommen?
Gregor Metzler: Ich bin jetzt seit dreissig Jahren Berufssoldat und seit vierzig Jahren in der Armee. In meiner Zeit war immer schönes Wetter. Jetzt zeichnet sich eine sehr anspruchsvolle Lage ab, und davor habe ich grossen Respekt.
Was heisst das konkret für die Schweiz?
Wenn Europa bedroht wird, werden wir auch bedroht. Es kann noch in diesem Jahrzehnt losgehen. Das macht mir Sorgen, weil unsere Armee noch nicht bereit ist, unser Land nachhaltig zu verteidigen.
Heute geben wir am wenigsten von allen in Europa für die Sicherheit aus.
Wir rechnen mit drei Phasen: die hybride Bedrohung, zum Beispiel von kritischen Infrastrukturen wie Strom. Schon jetzt stellen unsere Nachrichtendienste fest, dass sie etwa durch kleine Drohnen bedroht werden. Das könnte riesige Auswirkungen auf unser Land haben. Die zweite Phase ist die Bedrohung auf Distanz, aus der Luft durch Marschflugkörper oder ballistische Raketen. Dagegen haben wir heute gar nichts in der Hand. Die letzte Phase wäre ein umfassender Konflikt mit Bodentruppen.
Verteidigungsminister Martin Pfister sagt, erst 2050 wäre die Armee wieder voll einsatzfähig. Sie sagen auch, wir sind nicht bereit.
Ich finde es nicht moralisch, dass wir junge Leute ausbilden im Wissen, dass wir nicht genug Material haben. Momentan könnten wir einen Drittel ausrüsten, zwei Drittel nicht.
Immerhin wird die Schweiz bis 2032 die Verteidigungsausgaben auf ein Prozent des BIP erhöhen. Reicht das nicht?
Das ist eine politische Diskussion. Wie viel Geld wollen wir für Sicherheit ausgeben? Heute geben wir am wenigsten von allen in Europa aus. Ich habe das Gefühl, auch als Bürger dieses reichen Landes, dass wir uns viel mehr Sicherheit leisten könnten. Denn wenn es einmal so weit ist, dann würden wir auch die Systeme und Waffen gebrauchen, die wir heute nicht haben.
Laut Umfragen würden rund 41 Prozent der über 18-jährigen Schweizer und Schweizerinnen im Ernstfall ihr Land verteidigen. Ist das nicht zu wenig?
Ich glaube, die jungen Leute, die zu uns kommen, sind überzeugt, dass wir ein schützenswertes Land haben. Aber wir verlieren zu viele auf dem Weg. Es kommen etwa 36'000 junge Männer und Frauen zur Rekrutierung. Bis zum Start der RS verlieren wir aus medizinischen Gründen oder im Wechsel zum Zivildienst etwa einen Drittel. Einen weiteren Drittel verlieren wir bis zum Ende der Dienstpflicht.
Was läuft da falsch?
Ich glaube nicht, dass die Leute etwas gegen die Armee haben. Heute ist der Zivildienst nun mal oft einfacher. Das ist die Opportunität, die ein junger Mensch nutzt. In der heutigen Gesellschaft ist die Individualität wahrscheinlich grösser als das Gemeinschaftsgefühl.
Viele meinen, der Krieg sei noch weit weg. Aber das ist ein Trugschluss.
Sind wir als Gesellschaft nicht bereit, zusammenzurücken?
Der ehemalige Armeechef sagte einmal, es liege daran, dass wir noch nie einen Krieg hatten. Unsere Nachbarn hatten schon mal Krieg, haben einen Grossvater, der sich noch an einen Krieg erinnert.
Viele meinen, er sei noch weit weg. Aber das ist ein Trugschluss. Es gibt Leute, die sagen: «Wir sind ja neutral, das schützt uns.» Aber das würde es nur, wenn wir nachhaltig bewaffnet wären. Der letzte Trugschluss ist, dass die Nato das für uns erledigen wird. Da sind so viele unbekannte Faktoren, dass wir ein sehr hohes Risiko tragen, wenn wir nicht selbst investieren.
Das Interview führte Peter Düggeli.