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Bieler Bürgerbewegung stoppt Autobahnprojekt
Aus Schweiz aktuell vom 07.12.2020.
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Autobahn A5 in Biel Kein Westast: Wie eine Bürgerbewegung eine Autobahn versenkte

Die geplante Autobahnumfahrung in Biel ist vom Tisch, gebodigt von einer Bürgerbewegung. Eine Premiere in der Schweiz.

Eigentlich hätten in diesem Jahr die Bauarbeiten für den Westast in Biel starten sollen. 20 Jahre hätten sie gedauert. 2.2 Milliarden Franken hätten sie gekostet. Das Ziel: Eine der wenigen Lücken im schweizerischen Autobahnnetz zu schliessen, Neuenburg und Solothurn zu verbinden. Diese A5-Westumfahrung von Biel ist in der geplanten Form jedoch gescheitert.

Autobahn zwischen Solothurn und Neuenburg
Legende: SRF

Die Pläne waren fixfertig, 2014 abgesegnet durch den Bundesrat, das Projekt in dieser Form ist nun aber gestorben. Die Behördendelegation wird dies zwar erst in einer Woche definitiv beschliessen. Christoph Neuhaus, Verkehrsdirektor des Kantons Bern sagt jedoch bereits heute: «Das jetzige Projekt ist abgeschrieben, der Westast ist vom Tisch.» Somit werde die Kantonsregierung beim Bund beantragen, das Projekt zu sistieren.

Schweizweit einmalig

Damit hat sich in Biel eine Bürgerbewegung gegen Bund und Kanton durchgesetzt. «Das ist etwas Einzigartiges in der Schweiz», sagt Urs Scheuss vom Verkehrsclub Schweiz. Der VCS war Teil des Dialogprozesses, der 2019 startete, nachdem das Projekt sistiert worden war.

Das ist etwas Einzigartiges in der Schweiz.
Autor: Urs ScheussGrüner Verkehrspolitiker aus Biel

Bei diesem Dialogprozess trafen sich Gegner und Befürworter regelmässig, um eine Lösung in dieser verfahrenen Situation zu finden. Zwar gehen die Meinungen über eine mögliche Autobahn immer noch weit auseinander, beide Seiten sind sich jedoch einig: Das Projekt wird so nicht weiterverfolgt. Ihr Abschlussbericht haben sie am Montag Verkehrsdirektor Christoph Neuhaus übergeben.

Wie konnte es so weit kommen?

Dass eine Autobahn kommen wird, wusste man in Biel seit Langem, seit den 60er-Jahren wurde sie geplant. Doch als die ersten konkreten Pläne vorlagen, verging vielen das Lachen. Es wurde deutlich, dass die Autobahn mitten durch die Stadt – durch Häuser und Gärten – führen soll.

Bildvergleich

Regler nach links verschieben Regler nach rechts verschieben
Legende:So sollte die Ausfahrt Biel Stadtzentrum verändert werden.So sollte die Ausfahrt Biel Stadtzentrum verändert werden.zvg/Tiefbauamt Kanton Bern

«Die Zufahrt hätte durch meine Stube führen sollen», sagt Anwohner Denis Rossel, ein Gegner der ersten Stunde. Er habe dies per Zufall aus den Zeitungen erfahren: «Sofort formierte sich die Nachbarschaft.» Der erste Verein gegen den Westast wurde gegründet.

«Einerseits haben Fachleute ein Gegenprojekt initiiert, andererseits hat es Demostrationen gegeben», sagt Catherine Duttweiler vom Komitee «Westast so nicht». Gegner aus allen Bevölkerungsschichten und politischen Lagern spannten zusammen. 2017 gingen erstmals 4000 Leute auf die Strasse, ein Jahr später 5000 – die grösste Demonstation in der Geschichte von Biel. Laut einer Umfrage unterstützten damals nur noch 21 Prozent der Bevölkerung den Westast.

Protest in biel
Legende: Anfang November 2018 demonstrierten 5000 Personen in Biel gegen den Westast. Keystone

Auf der anderen Seite standen die Befürworter, die mit dem Westast das Verkehrsproblem lösen und die Lebensqualität erhöhen wollen. Dies spielte plötzlich jedoch keine Rolle mehr, sagt Gilbert Hürsch, Geschäftsführer Wirtschaftskammer Biel-Seeland: «Es ging nur noch um Autobahnanschlüsse im Zentrum.» Es habe ihn überrascht, dass nicht mehr das Gesamte angeschaut und der Widerstand so gross wurde.

Bieler Bürgeraufstand wird zum Vorbild

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Diese Geschichte hat Autobahngegner in der ganzen Schweiz inspiriert. Mitte November haben sich zwölf Komitees, Interessensgemeinschaften oder Vereine zu einem grossen Netzwerk zusammengeschlossen. Dieses will, dass künftig keine Autobahnen gebaut werden, die von der betroffenen Bevölkerung nicht unterstützt werden. Mit dabei sind Zusammenschlüsse aus der ganzen Schweiz. Aufwind gibt das Nein vom Februar zum Züricher Rosengartentunnel, das Nein im September in Luzern zur Spange Nord und das Bodigen des Westast-Projekts in Biel.

Die Fronten wurden immer verhärteter, der Ton gehässiger. Der Kanton beschloss den Marschhalt, das Ergebnis wie eingangs erwähnt: Ein Bürgerprotest bringt ein fixfertiges Autobhanprojekt zu Fall.

Wie weiter?

Das Problem ist noch nicht gelöst. Zwar ist das geplante Autobahnprojekt vom Tisch, dafür wurde ein breit abgestützter Kompromis gefunden. Die Lücke im Autobahnnetz besteht jedoch weiter und die Befürworter wollen langfristig immer noch eine Autobahn.

Lücke soll geschlossen werden, aber wie?

«Der Kompromiss ist sehr einseitig», sagt Autobahn-Befürworter Peter Bohnenblust, FDP-Politiker und Mitglied des TCS. Auch wenn die Befürworter hinter dem Kompromiss stehen, die Aussage deutet an, dass es noch ein langer Weg sein wird, bis die Verkehrssituation in Biel geregelt ist. «Wir sind in der Hälfte des Marathons», meint Befürworter Urs Scheuss.

Beid Seiten haben sich geeinigt, dass die Lücke im Nationalstrassennetz geschlossen wird, das wurde auch im Abschlussbericht so festgehalten. Wie genau dies aussehen soll, herrscht weiter Uneinigkeit. Die Befürworter wollen eine unterirdische Autobahn, die Gegner gar keine. «Man könnte auch eine nationale Hauptstrasse bauen, ohne Anschlüsse», meint Scheuss.

Eine gemeinsame neue Variante wurde nicht gefunden, aber ein Lösungsansatz, betont Bohnenblust. Nun müssen die Behörden über die Bücher.

Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 07.12.2020, 17:30 Uhr

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Sergio Del Rio  (Del Rio Sergio)
    Also ich verstehs nicht..hab in lyss gewohnt..lehre in biel gemacht und jahrelang dort gearbeitet..wenn mann von der Schnellstrasse her kommt..stau..will man ins Zentrum..stau..fährt man vom zollhaus richtung Bahnhof oder See..wem wunderts?..Stau..jetzt hätte man endlich mal was tun können..aber nee..passiert die nächsten 10 jahre wieder nichts..in 5 jahre wenn der Stau dann vom See bis zur Rolex reicht..heisst es dann..warum macht man nichts dagegen..janu..viel spass.
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    1. Antwort von andi capol  (-:) (:-)
      Darf ich anmerken, von Lyss fahren während der Stosszeit pro Stunde 6 Züge von Lyss nach Biel ins Zentrum. Wurde diese Option geprüft, statt jeden Tag eine Tonne Stahl während der Stosszeiten zu bewegen?
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  • Kommentar von Christian Schenk  (Kojak)
    Einerseits nachvollziehbar. Andererseits fahren die Gegner mit dem Auto auf der Autobahn, die dank dem Wegzug vieler anderer gebaut werden konnte und ihnen das rasche Vorwärtskommen ermöglichen. Würde jeder so denken und handeln wie die Bieler, was ja laut dem Artikel das Ziel sein soll, bräuchte man für Bern-Zürich 2.5-3h mit viel Dreck in den Städten dazwischen. Also bitte nur halb so laut jubeln. Das Problem in Biel ist immer noch da.
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  • Kommentar von Gusti Pollak  (Gusti Pollak)
    Mit dem Bieler Westast dürfte die Idee endgültig aus den Köpfen sein, dass Autoverkehrsprobleme im Stadtbereich "weggebaut" werden können. Zur Lebensqualität gehört nicht mehr Auto-Mobilitätssehnsucht wie zur Zeit, als die Projekte entstanden - und in den Köpfen der Planer noch bis heute weitergeisterten. Wer würde heute noch glauben, dass die allererste Stadt-Autobahn in Bern (städt. Express-Strasse) zwischen Bahnhof und Heiliggeistkirche durchführen sollte ?! Auch da brauchte es Widerstand.
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