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Fanny de Tribolet: «Die meisten Pädophilen fühlen sich auch von Erwachsenen angezogen»
Aus Regionaljournal Zürich Schaffhausen vom 07.06.2021.
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Beratung für Pädophile Pädophilie: «Bei Stress kann jemand zum Täter werden»

Um Kinder noch besser vor sexuellen Übergriffen zu schützen, setzt der Kanton Zürich neu bei möglichen Tätern an. Menschen mit einer pädophilen Veranlagung sollen bei der neu geschaffenen «Präventionsstelle Pädosexualität» niederschwellig Hilfe erhalten. Deren Leiterin Fanny de Tribolet erzählt im Gespräch, wie sie Pädophilen helfen will.

Fanny de Tribolet-Hardy

Fanny de Tribolet-Hardy

Leiterin Präventionsstelle Pädosexualität

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Fanny de Tribolet-Hardy studierte Psychologie und Kriminologie an der Universität Bern. Sie arbeitete unter anderem als Psychologin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Seit 2021 leitet sie die Zürcher Präventionsstelle Pädosexualität.

SRF News: In der Bevölkerung gibt es eine sehr grosse Abneigung gegen Menschen mit pädophilen Neigungen. Sie selbst haben tagtäglich mit diesen Menschen zu tun. Verspüren auch Sie Abneigung oder sogar Ekel?

Fanny de Tribolet: Natürlich lösen schwere Delikte schwierige Emotionen aus. So etwas wollen wir nicht schönreden oder die Täter gar in Schutz nehmen. Wir beziehen ganz klar Stellung gegen sexuellen Missbrauch. Man muss aber auch sagen: Die pädophile Neigung allein bedeutet nicht, dass jemand zum Straftäter wird.

Nur die Veranlagung allein bedeutet nicht, dass man zum Täter werden muss.
Autor: Fanny de TriboletLeiterin Präventionsstelle Pädosexualität

Am Montag wird die neue Fachstelle eröffnet. Was machen Sie, wenn sich jemand meldet und sagt, in seiner Nachbarschaft wohne neu ein 12-jähriges Mädchen und er habe sexuelle Fantasien mit ihr?

Wenn schon Kontaktversuche stattfanden und diese mehr werden, müssen wir eingreifen und dem Patienten nahelegen, dass er auszieht. Es muss Distanz geschaffen und eventuell auch Bezugspersonen informiert werden. Wenn die Fantasien bereits so konkret sind, geht es in erster Linie darum, potenzielle Opfer zu schützen.

Wie realistisch ist ein solcher Fall?

Solche Fälle können schon vorkommen. Die Regel wird aber eher sein, dass die Vorstellungen abstrakter sind. Viele Fälle werden den Konsum von Kinderpornografie betreffen.

Nebst der Veranlagung gibt es offenbar zwei weitere Gründe für pädosexuelles Verhalten: Man glaubt, für Erwachsene nicht attraktiv zu sein, oder man war früher selbst ein Opfer. Wie können Sie diese Faktoren beeinflussen?

Dass jemand zum Opfer wurde, können wir nicht rückgängig machen. Aber wir können mit den Patienten arbeiten und ihnen beibringen, sich von den eigenen Erlebnissen in der Kindheit zu distanzieren. Auch sogenannte kognitive Verzerrungen können wir bearbeiten: Wenn jemand etwa überzeugt ist, sein eigenes Trauma sei nicht so schlimm und deshalb die eigenen Handlungen gegenüber Kindern verharmlost.

Die pädophile Veranlagung selbst ist nicht therapierbar. Die sexuelle Präferenz wählt man nicht, das ist Schicksal. Doch: Da sich die meisten Pädophilen auch von Erwachsenen angezogen fühlen, versuchen wir, diesen Teil zu stärken.

Auf ihrer Homepage steht zum Beispiel: «Wir helfen Ihnen, Ihre sexuellen Präferenzen zu akzeptieren und in ihr Selbstbildnis zu integrieren». Was heisst das konkret?

Wer eine von der gesellschaftlichen Norm abweichende sexuelle Präferenz hat, spaltet diese oft ab und ignoriert sie. Bei Stress und Belastung kann die Person aber trotzdem zum Täter werden. Hier geht es letztlich darum, zu verstehen, woher die Neigung kommt. Dass es eben keine Wahl war und dass man lernen muss, damit umzugehen. Es gilt, Verantwortung für sich und das eigene Verhalten zu übernehmen. Heilen kann man die Veranlagung nicht.

Das Ziel ist es, Kinder zu schützen. Wissen Sie schon, ob Sie dieses Ziel erreichen können?

Da muss ich auf Erfahrungen aus Deutschland verweisen. Da gibt es ähnliche Anlaufstellen und diese berichten, dass es zu einer Abnahme von Kinderpornografie-Konsum kam, einer besseren Kontrolle und Eigenwahrnehmung, oder auch zu mehr Empathie gegenüber Kindern.

Das Gespräch führte Hans-Peter Küenzi.

Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 6.6.21, 17:30 Uhr;

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Mirjam Hoss  (Snipsnapper)
    "Die Regel wird aber eher sein, dass die Vorstellungen abstrakter sind. Viele Fälle werden den Konsum von Kinderpornografie betreffen."

    Dieser ist allerdings nicht minder harmlos, denn hinter Kinderpornographie steht genau das: der Missbrauch von Kindern. Sprich: Damit dieser eine Pädophile als "Konsument" bedient werden kann, filmen andere konkrete sexuelle Handlungen mit Kindern.

    Die SF-Sendung "NZZ Format" hat vorletzte Woche genau diesen Mechanismus ausgeleuchtet.
    1. Antwort von Vinzenz Böttcher  (AfroKaiser)
      Es gibt gute Gründe Missbrauchsabbildungen (so nennt man das in Fachkreisen, "Kinderpornographie" ist verharmlosend, bzw. benennt nicht was geschieht) zu verbieten.
      Trotzdem existiert natürlich ein himmelweiter Unterschied zwischen der Betrachtung von selbst erstellten Bildern einer Minderjährigen und dem Hand anlegen an Kinder. Es gibt wie bei absolut jedem Thema Graustufen. Es gilt immer an der Sachlage zu entscheiden.
  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Niemand, gar niemand, egal mit welcher Ausbildung und Titel (Psychiatrie), kann eine GARANTIE auf Nicht-Aktivität und allfälligen Übergriffen von pädophil veranlagten Männern gegenüber "Kindern" abgeben!!
    Priorität muss haben = die "Prävention und Opferschutz"!!
    Einmaliges "Vergehen", "ist ein Mal zu viel" und kriminell, Leben zerstörend = langjährige bis lebenslange Verwahrung aus Sicherheits-Gründen! STAATS-Verantwortung und Schutz der "OPFER", potenziellen "OPFERN"!!
    1. Antwort von Vinzenz Böttcher  (AfroKaiser)
      Wäre es nicht sinnvoll eine Abstufung vorzunehmen, aufgrund der Schwere der Tat bzw. Alter des Opfers? Eine sexuelle Orientierung ist niemandes Schuld und die schlimmsten Verbrechen dieser Art werden regelmäßig von Leuten ohne die Veranlagung ausgeführt (wobei ich da komplett bei Ihnen bin mit der Verwahrung).
      Forderungen wie die Ihre führen doch nur dazu, dass die Leute sich zurückziehen, keine Hilfe suchen und im schlimmsten Fall potenziell schlimmere Taten verüben.
  • Kommentar von Richard Meier  (meierschweiz)
    Das Thema Pädophilie wird nun in der Öffentlichkeit sichtbar gemacht, die Bevölkerung darüber sensibilisiert. Fast so, wie vor 45 Jahren das Thema Homosexualität breiter diskutiert wurde. Ich bin gespannt, welche Haltung zur Pädophilie in 20 Jahren als richtig angesehen wird.
    1. Antwort von Remy Chevalier  (CheRemy)
      Sorry Sie können doch nicht das eine mit dem anderen vergleichen. Das eine ist eine Straftat. Kinder werden misshandelt, dass wird sich die Haltung auch in zwanzig Jahre nicht ändern!
    2. Antwort von Vinzenz Böttcher  (AfroKaiser)
      @Remy: Also erstens war Homosexualität auch eine Straftat, das ist also nicht das Argument. Das was an sexuellen Handlungen mit KIndern falsch ist, ist das Machtgefälle. Es kann dabei keine Gleichberechtigung existieren, sondern ist immer ein Ausnutzen mit wahrscheinlich negativen Auswirkungen. Darum sind Handlungen nicht zu akzeptieren.
      Pädophilie selbst ist keine Straftat.