Man stelle sich vor: Eine ganze Stadtregierung ist mehrere Tage lang abwesend – weil alle Mitglieder gleichzeitig im Kantonsparlament sitzen. Genau dieses Szenario erwartet die Stadt Thun. Bei den Berner Kantonswahlen haben sämtliche Mitglieder der Thuner Exekutive einen Sitz im Grossen Rat errungen. Und sind nun nicht nur im städtischen Gemeinderat, sondern auch im kantonalen Grossen Rat.
«Das gab es noch nie, das ist ein Novum», sagt der Thuner Stadtschreiber Bruno Huwyler Müller auf Anfrage. Am Wahlsonntagabend sei ihm klar geworden, was das bedeutet: Zwei weitere Gemeinderatsmitglieder schafften den Sprung in den Grossen Rat – und damit ist nun die komplette Stadtregierung in Bern vertreten.
Damit werden während der Sommersession des Kantonsparlaments, die Anfang Juni beginnt, alle Thuner Gemeinderätinnen und Gemeinderäte gleichzeitig im Rathaus in Bern beschäftigt sein.
Die Distanzen sind ja nicht so riesig.
Organisatorisch sei dies jedoch kein Problem, sagt Stadtschreiber Huwyler Müller. Der Sitzungskalender sei bereits angepasst worden: Während der Session tagt der Thuner Gemeinderat nicht am Mittwoch, sondern am Freitag. So könne die Exekutive ihre Geschäfte weiterhin regulär führen.
Und es müsse auch niemand in Thun die Stellung halten: «Die Distanzen sind ja nicht so riesig», sagt der Stadtschreiber. Und im Notfall sei man innert rund 30 Minuten von Bern zurück in Thun.
Für die Stadt Thun seien solche Doppelmandate sogar ein Gewinn, betont Bruno Huwyler Müller: Die Vernetzung werde immer wichtiger. Wenn die Exekutivmitglieder direkt im Kantonsparlament vertreten seien, könnten sie Anliegen der Stadt unmittelbar einbringen, Informationen schneller beschaffen und hätten besseren Zugang zur kantonalen Verwaltung.
Ersatzwahlen im Juni
Auch aus persönlicher Erfahrung könne er sagen: «Wenn sich eine Stadt in anderen Parlamenten engagieren kann, hilft das der Stadt und der Stadtverwaltung in den Beziehungen zu Kanton und Bund.»
Allerdings ist die Situation nur vorübergehend so aussergewöhnlich. Mitte Juni finden in Thun Ersatzwahlen für das Stadtpräsidium sowie für einen Sitz im Gemeinderat statt. Danach könnte es gut sein, dass zumindest ein Mitglied der Stadtregierung kein Doppelmandat mehr ausübt – und damit während der Session des Berner Kantonsparlaments in Thun präsent wäre.