Berner Kesb-Chef: «Wöchentlich Fälle der Komplexität von Flaach»

Die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde hätte die Gefahr vor der Kindstötung von Flaach (ZH) nicht frühzeitig erkennen können. Ist die schweizweit in der Kritik stehende Kesb mit dieser Feststellung eines Gutachtens rehabilitiert? Dazu nimmt der bernische Kesb-Präsident Patrick Fassbind Stellung.

SRF News: Ist die Kesb mit dem Bericht zu den Vorgängen rund um den Fall Flaach nun rehabilitiert?

Patrick Fassbind: Dieser Fall zeigt, wie komplex Kinderschutz ist. Und wir reden hier nicht von Einzelfällen. Alleine in der Stadt Bern haben wir jede Woche drei Fälle, die ähnlich komplex oder gar noch komplexer sind als jener in Flaach. Das zeigt, dass es einen professionellen Kinderschutz braucht, das ist aus meiner Sicht die Lehre aus diesem Fall.

«  Alleine in der Stadt Bern haben wir jede Woche drei Fälle, die ähnlich komplex oder gar noch komplexer sind. »

Aber genau dieser Punkt wird Ihnen auch zum Vorwurf gemacht. Dass Sie viel zu weit weg seien als beispielsweise früher die Vormundschaftsbehörden in den Gemeinden.

Es braucht eine gewisse Distanz, um neutral über diese Fälle zu entscheiden. Im Kanton Bern haben da wir sehr gutes System. Die Entscheidungen sind etwas weiter weg, was aber nicht heisst, dass wir nicht nahe bei den Betroffenen sind. Wir hören sie an und beziehen sie ein.

Die Abklärungen werden von den Gemeindesozialdiensten vor Ort gemacht, wo man die Verhältnisse kennt. Diese Kombination hat sich in Bern bewährt und sollte auch ein Modell für die Schweiz sein.

Beunruhigen Sie die diversen politischen kantonalen und überkantonalen Vorstösse, die die Kompetenzen der Kesb einschränken und den Gemeinden wieder mehr Spielraum geben wollen?

Nein, denn professioneller Kinderschutz ist wichtig und die Gemeinden haben da auch eine wichtige Rolle. Aber sobald solch komplexe Fälle zu beurteilen sind braucht es Profis. Aber in den einfachen Fällen haben die Gemeinden eine wichtige Funktion.

Dennoch haben jüngst in einem Interview politische Unterstützung gefordert.

Es geht einfach um die Debatte, dass in der Schweiz sehr viele Kinder sehr schwerwiegend gefährdet sind und wir zu deren Schutz eine professionelle Behörde brauchen. Es wird immer der Eindruck erweckt, wir nähmen gerne Kinder aus den Familien. Das Gegenteil ist aber der Fall. Wir sind Dienstleistungsorganisationen, die versuchen, das Kindeswohl zu schützen und unter Einbezug der Eltern Lösungen ohne die Kesb zu finden. Mein liebster Fall ist immer, wenn wir gar nicht entscheiden müssen, weil in der Abklärung die beste Lösung zum Wohl des Kindes und der Eltern gefunden wurde.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Kesb muss Kommunikation verbessern

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    Die Zürcher Justizdirektion stellte heute ein unabhängiges Gutachten zum Tötungsfall in Flaach vor. Eins ist klar: Es gibt Schwächen in der Kommunikation der Kesb. Daran will die Behörde nun arbeiten.

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    Die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde KESB Winterthur-Andelfingen ist nicht schuld am Tod von zwei Kindern und ihrer Mutter. Gutachten kritisieren aber die Informationspolitik der Behörde als mangelhaft. Teilweise habe man den Betroffenen kein rechtliches Gehör gewährt. Die Kinder hätten eine eigene Rechtsvertretung benötigt. Die Mutter litt an Realitätsverlust und extremer Geltungssucht. Nun will die Zürcher Justizdirektion die Abläufe verbessern.