Seit dem 1. Januar ist Viktor Rossi (GLP) neuer Bundeskanzler der Schweiz. Im ersten Interview nach seinem Amtsantritt spricht der Berner über seine Kindheit, berufliche Herausforderungen und die Lehren, die sein Amt aus der Aufarbeitung der Corona-Pandemie gezogen hat.
SRF News: Sie haben in Ihrer Antrittsrede im Dezember erwähnt, dass Ihre Eltern in die Schweiz eingewandert sind. Inwiefern hat Sie das geprägt?
Viktor Rossi: Meine Eltern sind in den 50er-Jahren als Saisonniers in die Schweiz gekommen. Mein Vater, ursprünglich aus Neapel, arbeitete als Knecht bei einem Bauern, meine Mutter als Haushaltshilfe. Nach den Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg war für sie klar, dass sie in der Schweiz bleiben wollten. Deshalb heisse ich Viktor und nicht Vittorio. Das war der erste Schritt zur Integration (lacht).
Für immigrierte Menschen war es in der Schweiz damals nicht einfach. Unter anderem prägte die Schwarzenbach-Initiative den politischen Diskurs. Eine Initiative, die auch bei meinen Eltern Ängste auslöste. Diese Angst, ob man in der Schweiz bleiben kann oder nicht, hat unter anderem meine Kindheit geprägt.
Sie haben als Jugendlicher eine Ausbildung zum Koch absolviert. Welche Fähigkeiten aus dieser Zeit können Sie heute noch gut gebrauchen?
Eine Kochlehre vermittelt viele Fähigkeiten, die ich auch heute noch brauchen kann. Zum Beispiel kommt es beim Kochen auf das Mise en Place an. Die Vorbereitung ist das A und O, um für alles gewappnet zu sein. Eine gute Vorbereitung ist auch in meinem jetzigen Beruf sehr wichtig. Dasselbe gilt auch für eine gute Zusammenarbeit.
In der Küche habe ich gelernt, was gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit bedeutet. Das ist in der Bundesverwaltung nicht anders. Es ist wichtig, dass wir über die verschiedenen Departemente hinweg gut zusammenarbeiten.
Es gehört auch zu meinen Aufgaben, etwas unbequem zu sein und den Elefanten im Raum anzusprechen.
Was ist das Faszinierende an ihrem neuen Amt als Bundeskanzler?
Der Bundeskanzler steht der Regierung nahe. Er nimmt nicht nur an den Bundesratssitzungen teil, sondern ist auch eine wichtige Vertrauensperson der Bundesratsmitglieder. Ich kann direkt zu den Geschäften Stellung nehmen, meine Eindrücke schildern und den Bundesrat auf blinde Flecken aufmerksam machen. Es gehört auch zu meinen Aufgaben, etwas unbequem zu sein und den Elefanten im Raum anzusprechen.
Die Welt wird immer komplexer. Wie verändert das die Arbeit des Bundeskanzlers?
Die Corona-Krise hat uns gezeigt, dass wir im Krisenmanagement besser werden müssen. Wir haben zwei Evaluationen durchgeführt und unter anderem festgestellt, dass der Einstieg in den Krisenmodus zu lange gedauert hat. Zudem müssen wir nationale und internationale Entwicklungen, die zu einer Krise führen können, besser antizipieren. Wir haben auf diese Ergebnisse reagiert und einen permanenten Kernstab eingerichtet, der die Beobachtungen aus allen Departementen bündelt. Dieser soll ein ständiges Vehikel sein, das permanent seine Fühler ausstreckt. Im Weiteren wird auch die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft und mit den Kantonen verstärkt.
Das Gespräch führte David Karasek.