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Brandkatastrophe Crans-Montana Botschafter: «Opferfamilien setzten sich für meine Rückkehr ein»

Seit Montag ist der italienische Botschafter Gian Lorenzo Cornado zurück in Bern. Er erklärt, warum man ihn aus der Schweiz abgezogen hatte und weshalb die Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien unbeschadet blieben.

Gian Lorenzo Cornado

Italienischer Botschafter

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Gian Lorenzo Cornado ist seit September 2023 Italiens Botschafter in der Schweiz und in Liechtenstein. Zuvor war er Botschafter und Ständiger Vertreter Italiens bei den Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen in Genf.

SRF News: Herr Botschafter, wie haben Sie von der Brandkatastrophe erfahren?

Gian Lorenzo Cornado: Ich habe es am Morgen des 1. Januar um acht Uhr erfahren; man hat mich aus Rom benachrichtigt und mir eine Agenturmeldung geschickt, in der die Nachricht von dieser schrecklichen Tragödie mitgeteilt wurde. Daraufhin habe ich mich sofort mit den lokalen Behörden in Verbindung gesetzt, die mir sagten: «Es besteht die Gefahr, dass Italiener betroffen sind.» Ich habe Rom sofort darüber informiert, und der italienische Aussenminister hat mir gesagt, ich solle mich unverzüglich dorthin begeben.

Was sehen Sie als Grund für Ihre Zurückberufung nach Italien?

Der Grund dafür war die Freilassung von Jacques Moretti (Anm. d. Red.: der Betreiber der Bar Le Constellation) und die Anordnung von Ersatzmassnahmen anstelle der Untersuchungshaft. Angesichts einer solchen Tragödie, angesichts der qualvollen Leiden, die den Verletzten bevorstehen, und des Fehlens von Sicherheitsvorkehrungen in diesem Lokal hat die Freilassung von Moretti in Italien grosse Empörung ausgelöst und die Gefühle der Familien sowie der Öffentlichkeit zutiefst verletzt.

Die Rückberufung war weder eine drastische noch eine übertriebene Geste.

Aus diesem Grund hat die Regierung meine Rückkehr angeordnet – als Zeichen des Protests gegen eine Entscheidung, die für die italienische Öffentlichkeit unverständlich war. Aber seitdem hat sich einiges geändert.

Was hat sich geändert?

Die italienische Regierung hatte zwei Forderungen an die Schweiz gestellt: zum einen eine effektive Zusammenarbeit zwischen den Justizbehörden beider Länder. Zum anderen ein gemeinsames Ermittlungsteam. Dem ersten Antrag wurde zu hundert Prozent stattgegeben, eine wirksame Zusammenarbeit zwischen den Justizbehörden beider Länder wurde in Gang gesetzt. Das gemeinsame Ermittlungsteam wird faktisch durch die verstärkte Zusammenarbeit ersetzt.

Auch alle Opferfamilien setzten sich für meine Rückkehr ein, um die Entwicklung der justiziellen Zusammenarbeit in engem Kontakt mit den zuständigen Bundes- und Kantonsbehörden aus nächster Nähe verfolgen zu können.

Mann in Anzug wird vor Kamera interviewt, italienische Flagge im Hintergrund.
Legende: Gian Lorenzo Cornado sollte erst nach Bern zurückkehren, wenn es ein gemeinsames schweizerisch-italienisches Ermittlungsteam gibt. Mittlerweile hat man sich auf einen Austausch der Justizbehörden geeinigt. SRF

Es gibt Stimmen, die die Rückberufung eines Botschafters als ziemlich drastische Massnahme bezeichnen. Andere meinen, dies sei etwas übertrieben gewesen. Was sagen Sie dazu?

Es war weder eine drastische noch eine übertriebene Geste, wenn man die Stimmung in den Familien und die kollektive Anteilnahme in Italien berücksichtigt. Die Freilassung von Moretti war ein schwerer Schlag, der weiteres Leid bei den Familien der Opfer und in der italienischen Öffentlichkeit hervorgerufen hat.

Mein Auftrag besteht darin, den Familien zur Seite zu stehen.

Es ging darum, ein Zeichen der Unzufriedenheit, des Protests und der Meinungsverschiedenheit zu setzen – aber nichts, was den Beziehungen zwischen den beiden Ländern schaden könnte. Die Nähe zwischen den beiden Regierungen in vielen Bereichen der internationalen Politik blieb trotz dieser Krise bestehen.

Man muss auch weiterhin ein Auge auf die Tragödie in Crans-Montana haben.

Mein Auftrag – der Auftrag, den ich von der Regierung erhalten habe – besteht darin, den Familien zur Seite zu stehen, ihnen durch meine Kontakte zu Anwälten sowie zu Bundes- und Kantonsbehörden zu helfen und sie in ihrem Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit zu unterstützen. Das hat für uns alle oberste Priorität – auch für die Schweiz.

Das Gespräch führte Rafael von Matt.

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Echo der Zeit, 4.7.2026, 18 Uhr ; 

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