Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Brandkatastrophe Crans-Montana Nähe und Distanz: schwierige Balance in der kleinen Schweiz

Rund um die Brandkatastrophe im Wallis ist auch von Filz die Rede. Unabhängigkeit in einem kleinen Raum scheint schwierig zu sein.

Das Wallis ist klein. Man kennt sich. «Der Filz gehört zum Wallis wie die Berge», sagt der Walliser Hotelier Art Furrer. Und für die in Visp aufgewachsene Historikerin Elisabeth Joris sind Tourismus und Baugewerbe, die zwei wichtigsten Wirtschaftszweige des Kantons, eng mit der Politik verflochten.

Sie sagt: «Das heisst, dass man es mit den Vorschriften nicht unbedingt immer genau nimmt.» Doch dem Klischee eines «quasimafiösen Kantons» dürfe man nicht aufsitzen. Verflechtung gebe es überall.

Eine Flagge des Kantons Wallis weht vor dem Matterhorn.
Legende: Die Sterne auf der Flagge des Kantons Wallis symbolisieren die 13 historischen Verwaltungseinheiten. Die Farben Rot und Weiss stehen für das Blut Christi und die Reinheit der Jungfrau Maria: Politik und Kirche nahe beieinander. KEYSTONE / Christian Beutler

Rund um die Brandkatastrophe von Crans-Montana war immer wieder von Filz und Vetternwirtschaft – subsumiert unter dem Begriff «Walliserei» – die Rede.

Unter diesem Begriff wurde auch die Unabhängigkeit der Generalstaatsanwältin des Kantons infrage gestellt, weil sie und der Gemeindepräsident von Crans-Montana Parteikollegen und in derselben Weinzunft sind.

Vernetzung gehört zur Wirtschaft, zur Politik und zum Leben

Man kenne sich im Wallis. Der Mensch lebe auch nicht für sich alleine, erklärt Tamar Hosennen. Sie kennt sich aus mit Beziehungen zur Wirtschaft und zur Politik.

Sie ist Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung Oberwallis und politisierte bei den Grünliberalen im Kanton. Beziehungen und Verbindungen sind für sie eine der Grundlagen der Existenz.

Ein Mann schaut betrübt.
Legende: Nicolas Féraud, Gemeindepräsident von Crans-Montana, ist in der gleichen Partei und in der gleichen Weinzunft wie die Generalstaatsanwältin, die die Katastrophe untersucht. Ist das bereits zu viel Nähe? KEYSTONE / Cyril Zingaro

Die Menschen – nicht nur im Wallis – seien hochgradig vernetzt und würden dadurch immer wieder in einen Graubereich gelangen, wo Beziehungen in Filz und Vetternwirtschaft übergehen könnten, sagt Hosennen. Eine Unterscheidung sei nicht immer einfach.

Vernetzung sei aber ein wichtiger Bestandteil der Wirtschaft, der Politik, der Menschheit. Wir würden in einer informellen Gesellschaft leben, sagt sie. Doch es gebe Grenzen: persönliche und institutionelle. Die müsse man kennen.

«Informalität darf nicht zur Falle werden»

Die Generalstaatsanwältin des Kantons Wallis ist Mitglied der FDP. Der beschuldigte Gemeindepräsident von Crans-Montana, Nicolas Féraud, und der für Sicherheit und Brandschutz verantwortliche Staatsrat, Stéphane Ganzer, sind ebenfalls Mitglieder der FDP. Féraud und Pilloud gehören derselben Weinzunft an.

Distanz am Beispiel von Rotary Schweiz

Box aufklappen Box zuklappen

Rotary Schweiz lancierte eine Spendenaktion zur Unterstützung der Opfer der Brandkatastrophe in Crans-Montana. Bis Anfang Februar wurden gemäss Angaben des Clubs über 100'000 Franken gesammelt.

Andrea Weber, die zur Landesleitung des Clubs gehört, sagt: «Ich bin froh, dass niemand von der Gemeindebehörde von Crans-Montana im Rotary-Club ist.» Denn dann wäre die Hilfe schwieriger geworden.

Solche Beziehungen hätten diese Hilfe korrumpieren können. Dann, wenn mögliche Interessen seitens der Gemeinde oder gar persönliche von Behördenmitgliedern eingeflossen wären.

Rotary betont, dass die Spendengelder ausschliesslich für Massnahmen im Zusammenhang mit Crans-Montana verwendet würden. Man ersetze damit keine staatliche Verantwortung und keine Versicherungsleistungen.

Zwei Beispiele:

  • Eine Mutter aus der Westschweiz verliert in dieser Nacht ihren 16-jährigen Sohn. Mit seinem Tod verliert sie monatlich 1411 Franken an Unterhalt und Zulagen. Damit die Mutter zumindest vorerst in ihrer Wohnung bleiben kann, unterstützt sie die Rotary-Stiftung finanziell.
  • Rotary übernimmt vorübergehend die Kosten einer psychotherapeutischen Behandlung eines freiwilligen Feuerwehrmanns aus der Region. Dieser rückte am Morgen nach der tragischen Nacht aus. Aufgrund der Katastrophe wurde bei ihm eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.

Ausgeprägt informell, das kennzeichne die Schweiz, sagt Urs Thalmann, der als Geschäftsführer von Transparency International Schweiz sehr kritisch auf Netzwerke und Vetternwirtschaft schaut.

Diese Informalität bringe auch Vorteile. «Aber wenn es darum geht, mit Beziehungen nach Regeln vorzugehen, dann wird sie zum Hindernis.» Und zwar dann, wenn Regeln nicht eingehalten würden.

Dann, wenn jemand auf Vorteile verzichten müsste, wenn jemand – wie das bei Generalstaatsanwältin Pilloud gefordert wurde – in den Ausstand treten sollte, wenn Distanz und nicht Nähe angebracht sei.

Eine Frau faltet die Hände vor ihrem Gesicht.
Legende: Beatrice Pilloud, Generalstaatsanwältin des Kantons Wallis: Ihre Unabhängigkeit wurde hinterfragt. Doch sie führt die Untersuchungen zur Brandkatastrophe in Crans-Montana weiter. KEYSTONE / Jean-Christophe Bott

Informalität dürfe nicht zur Falle werden, Integrität sei das Schlüsselwort. An Menschen mit Einfluss und Macht würden diesbezüglich hohe Ansprüche gelten, sagt Urs Thalmann: Zum Beispiel an Gemeinde- oder Strafverfolgungsbehörden.

Diskutieren Sie mit:

Rendez-vous, 13.4.2026, 12:30 Uhr; wilh

Meistgelesene Artikel