Das Wallis ist klein. Man kennt sich. «Der Filz gehört zum Wallis wie die Berge», sagt der Walliser Hotelier Art Furrer. Und für die in Visp aufgewachsene Historikerin Elisabeth Joris sind Tourismus und Baugewerbe, die zwei wichtigsten Wirtschaftszweige des Kantons, eng mit der Politik verflochten.
Sie sagt: «Das heisst, dass man es mit den Vorschriften nicht unbedingt immer genau nimmt.» Doch dem Klischee eines «quasimafiösen Kantons» dürfe man nicht aufsitzen. Verflechtung gebe es überall.
Rund um die Brandkatastrophe von Crans-Montana war immer wieder von Filz und Vetternwirtschaft – subsumiert unter dem Begriff «Walliserei» – die Rede.
Unter diesem Begriff wurde auch die Unabhängigkeit der Generalstaatsanwältin des Kantons infrage gestellt, weil sie und der Gemeindepräsident von Crans-Montana Parteikollegen und in derselben Weinzunft sind.
Vernetzung gehört zur Wirtschaft, zur Politik und zum Leben
Man kenne sich im Wallis. Der Mensch lebe auch nicht für sich alleine, erklärt Tamar Hosennen. Sie kennt sich aus mit Beziehungen zur Wirtschaft und zur Politik.
Sie ist Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung Oberwallis und politisierte bei den Grünliberalen im Kanton. Beziehungen und Verbindungen sind für sie eine der Grundlagen der Existenz.
Die Menschen – nicht nur im Wallis – seien hochgradig vernetzt und würden dadurch immer wieder in einen Graubereich gelangen, wo Beziehungen in Filz und Vetternwirtschaft übergehen könnten, sagt Hosennen. Eine Unterscheidung sei nicht immer einfach.
Vernetzung sei aber ein wichtiger Bestandteil der Wirtschaft, der Politik, der Menschheit. Wir würden in einer informellen Gesellschaft leben, sagt sie. Doch es gebe Grenzen: persönliche und institutionelle. Die müsse man kennen.
«Informalität darf nicht zur Falle werden»
Die Generalstaatsanwältin des Kantons Wallis ist Mitglied der FDP. Der beschuldigte Gemeindepräsident von Crans-Montana, Nicolas Féraud, und der für Sicherheit und Brandschutz verantwortliche Staatsrat, Stéphane Ganzer, sind ebenfalls Mitglieder der FDP. Féraud und Pilloud gehören derselben Weinzunft an.
Ausgeprägt informell, das kennzeichne die Schweiz, sagt Urs Thalmann, der als Geschäftsführer von Transparency International Schweiz sehr kritisch auf Netzwerke und Vetternwirtschaft schaut.
Diese Informalität bringe auch Vorteile. «Aber wenn es darum geht, mit Beziehungen nach Regeln vorzugehen, dann wird sie zum Hindernis.» Und zwar dann, wenn Regeln nicht eingehalten würden.
Dann, wenn jemand auf Vorteile verzichten müsste, wenn jemand – wie das bei Generalstaatsanwältin Pilloud gefordert wurde – in den Ausstand treten sollte, wenn Distanz und nicht Nähe angebracht sei.
Informalität dürfe nicht zur Falle werden, Integrität sei das Schlüsselwort. An Menschen mit Einfluss und Macht würden diesbezüglich hohe Ansprüche gelten, sagt Urs Thalmann: Zum Beispiel an Gemeinde- oder Strafverfolgungsbehörden.