«Der Filz gehört zum Wallis wie die Berge.» Angesprochen auf die Brandkatastrophe von Crans-Montana fand der Walliser Skipionier Art Furrer deutliche Worte.
Die Diskussion über Crans-Montana hat sich inzwischen von den Opfern auf die Ursachen verlagert. Und so manche erkennt etwas typisch Walliserisches: Regeln würden zu flexiblen Empfehlungen, Fehler unter den Tisch gewischt – und nach der Katastrophe heisse es «die Reihen schliessen», um ja keine Kritik aufkommen zu lassen.
Warum sich das Wallis für Klischees anbietet
Boris Previšić sieht in der Katastrophe von Crans-Montana nichts typisch Walliserisches. Er ist Professor für Kulturwissenschaften an der Universität Luzern und leitet das Urner Institut für Kulturen der Alpen.
Das Wallis ist prädestiniert dafür, zum Buhmann der Schweiz zu werden.
Ähnliche Katastrophen könnten auch in Zürich oder anderswo in der Schweiz passieren. Vetternwirtschaft gebe es schliesslich nicht nur im Wallis. Speziell am Fall Crans-Montana findet Previšić aber: Wenn so eine Katastrophe im Wallis geschehe – dann führe man sie auf regionale Eigenheiten zurück. Das liege daran, dass man das Wallis historisch stark als kulturelle Einheit betrachte.
Anderswo in der Schweiz sei das nicht unbedingt so. Previšić erinnert an das Hallenbadunglück von Uster im Jahr 1985. Damals stürzte eine Decke auf ein Schwimmbecken, zwölf Menschen kamen ums Leben. Die Ursache: Beim Bau hatten die Verantwortlichen eine Aufhängung gewählt, die in der chlorhaltigen Luft rostete. Nur sah darin anschliessend niemand etwas Typisches für den Kanton Zürich. «Das Wallis ist prädestiniert dafür, zum Buhmann der Schweiz zu werden», fasst Previšić zusammen.
Wenn sich Wirtschaft und Politik die Hand reichen
Einige bekannte Walliser hören die aktuellen Vorwürfe nicht gern. Oskar Freysinger sass für die SVP im Nationalrat und im Walliser Staatsrat. Er schreibt im «Walliser Boten»: «Bei der aktuellen Berichterstattung würden viele vergangene Katastrophen und Verfehlungen im Wallis miteinander vermischt.» Ziel sei es, «das Wallis als Räubernest darzustellen».
Das heisst, dass man es mit den Vorschriften nicht unbedingt immer genau nimmt oder es zu Absprachen kommt.
Doch Kritik an der Walliser Vetternwirtschaft kommt auch aus dem Kanton selbst. Die Historikerin Elisabeth Joris stammt aus Visp. Sie betont: Der Tourismus und die Baubranche – die zwei wichtigen Wirtschaftszweige im Wallis – seien eng mit der Politik verflochten. In die Projekte seien oft lokale Politiker eingebunden. «Das heisst, dass man es mit den Vorschriften nicht unbedingt immer genau nimmt oder es zu Absprachen kommt.»
Die Historikerin bemerkt, dass ihre Kritik im Wallis oft nicht gut ankommt. Doch diesen Mechanismus, die Markierung als Nestbeschmutzerin – das gebe es nicht nur im Wallis, sondern überall in der Schweiz. Joris betont: Dem Klischee eines «quasimafiösen Kantons» dürfe man nicht aufsitzen.
Über Fremd- und Selbstzuschreibungen
Das Wallis gilt als eigenwillig, ja manchmal auch als verrucht. Diesen Mythos mache sich der Bergkanton manchmal zu eigen, sagt Boris Previšić. «Mit solchen Fremdbildern kann man natürlich auch spielen.» In bestimmten Situation sei es eben opportun, den Gegenentwurf zum «Tüpflischisser» zu bedienen.
Dabei bleibe aber ein Problem, sagt der Alpenforscher: «Nur wenn die Katastrophe eintritt, dann hat man halt umso schneller den Sündenbock auch wieder gefunden.»